Im Labor der Extreme

Wenn Elon Musk – der Tesla-Boss gilt mit 202 Milliarden US-Dollar (Stand 2021) als reichster Mann der Welt und kann es sich quasi als Jux leisten höchstpersönlich in den Weltraum zu fliegen – seine Firmenzentrale nach Texas verlegt, weil sich sein Personal im Silicon Valley die Wohnungen nicht mehr leisten können, ist wohl Feuer am Dach. Auch wenn der Hauptgrund für Musk dabei sein mag, dass der US-Bundesstaat Texas „keine private Einkommensteuer oder Kapitalertragsteuer erhebt“ (Spiegel 41/2021, 9.10.2021).

Symbolisch für die Entwicklung in Kalifornien gilt auch der Weggang des IT-Konzerns Hewlett-Packard, dessen Gründung im Jahre 1939 heute als Geburtsstätte des Silicon Valley gilt. Google hingegen versucht mit der Schaffung von 40.000 Wohneinheiten gegenzusteuern – weil man offensichtlich erkannt hat, dass ohne bezahlbare Wohnung alle gepriesenen Annehmlichkeiten der IT-Welt nicht viel wert sind.

Tatsächlich muss es wohl schwierig sein, wenn man mindestens 39 Dollar netto pro Stunde bzw. 6.200 Dollar im Monat verdienen muss um eine mickrige Zwei-Zimmer-Wohnung in der Bay Area, der Metropolregion um San Francisco, San Josè und Oakland finanzieren zu können (Süddeutsche Zeitung, 9.10.2021). Weil aber der Mindestlohn in Kalifornien nur bei 14 Dollar liegt, müsste jemand 112 Stunden pro Woche arbeiten, nur um sich die Miete für die vorweg beschriebene Wohnung leisten zu können.

Ein Immobilienboom sondergleichen hat die Häuserpreise dort in unermessliche Höhen getrieben: Von zwei Millionen Dollar für ein Haus mit vier Zimmern in San Josè ist da die Rede. Oder von 2,8 Millionen für ein Objekt mit drei Zimmern plus Garage in Los Altos, jener Stadt wo einst Steve Jobs in einer Garage den heutigen Weltkonzern Apple gründete. Der durchschnittliche Preis für eine Wohnimmobilie in der Bay Area stieg in den letzten zwölf Monaten um satte 39 Prozent auf 1,34 Millionen USD.

Bezeichnend ist, dass es in Kalifornien auf 100 Haushalte nur 65 bezahlbare Wohnungen gibt und allein in der Bay Area 160.000 Wohneinheiten fehlen. Schon kursiert zur Beschreibung der Misere der Spruch, dass jemand, der zwischen San Francisco und San José einen Stein wirft entweder einen Millionär oder einen Obdachlosen trifft. Und nicht zufällig sind mehr als die Hälfte der Obdachlosen der USA im „Golden State“ Kalifornien registriert sind, bei einem Anteil von nur zwölf Prozent der US-Bevölkerung von 330 Millionen Menschen. Anfang 2020 waren das 161.548 Personen, jetzt sind es infolge der Corona-Pandemie schon über 200.000 Obdachlose in Kalifornien.

Was das politische Establishment von Obdachlosen hält demonstrierte der rechtskonservative Talk-Show-Moderator Larry Elder (Republikaner), der bei einer 276 Millionen Dollar verschlingenden vorgezogenen – jedoch gescheiterten – Abwahl des amtierenden Governors Gavin Newson (Demokraten). Elder meinte: „Viele von ihnen sind geisteskrank oder drogenabhängig, wir können das nicht länger hinnehmen“ – und forderte Obdachlose einfach in die Wüste zu karren.

Wohin exzessiver Kapitalismus nach dem Verständnis von Freiheit Marke USA führt, demonstriert Berkeley, das als Keimzelle des US-Liberalismus schlechthin gilt. Die Stadt gilt als Geburtsstätte des „Single-family zoning“, ein Gesetz das bestimmte Gebiete für den Bau von Einfamilienhäusern reserviert und dort die Errichtung von mehrgeschossigen Wohnbauten untersagt. Dahinter verbirgt sich ein struktureller Rassismus, der die Ansiedlung von farbigen Menschen in von weißen dominierten Wohngebieten verhinderte.

Eine Steigerung erfährt diese Regelung im Artikel 34 der Verfassung von Kalifornien, laut welchem die Bewohner*innen einer Gemeinde darüber abstimmen dürfen, ob in ihrer Wohngegend Wohnungen für niedrigverdienende Menschen geschafften werden können. Zwar wird allgemein verlangt – man will ja ein „Gutmensch“ sein – die Regierung müsse etwas gegen die Obdachlosigkeit tun, aber bitte „Not in my Backyard“, also nicht in der eigenen Wohnumgebung.

Der mit der gescheiterten Abwahl im Amt bestätigte Governor Newson will nun gegensteuern. Mit 10,3 Mrd. Dollar für bezahlbaren Wohnraum in den nächsten zwei Jahren, zwölf Millionen Dollar für den Kampf gegen Obdachlosigkeit und einem Programm das den Umbau von leerstehenden Hotels und Motels in 44.000 Wohneinheiten vorsieht. Ob das reicht, um der Misere Herr zu werden darf bezweifelt werden, liegen die Probleme doch viel tiefer, nämlich im Wesen des neoliberal enthemmten Kapitalismus.

Wäre Kalifornien mit seinen 40 Millionen Einwohner*innen ein eigener Staat würde es mit einem Bruttoinlandsprodukt von knapp drei Billionen Dollar (Stand 2018) hinter den USA, China, Japan und Deutschland auf Platz fünf der stärksten Wirtschaftsräume der Welt rangieren (www.capital.de, 10.6.2019). Der bevölkerungsstärkste der 50 US-Bundesstaaten gilt als Labor globaler Entwicklungen, das Silicon Valley als Sitz namhafter globaler IT-Konzerne ist ein sichtbarer Ausdruck davon.

Das gilt allerdings nicht nur für technische Innovationen und gesellschaftliche Trends, sondern auch für negative Entwicklungen wie beim Thema Wohnen deutlich wird. Was im Labor der Extreme in der US-Bay Area vor sich geht, zeichnet sich bekanntlich unübersehbar im Umfeld aller – also auch der europäischen – Metropolregionen und Großstädte ab. Dass nämlich die Immobilienpreise durch die Decke gehen, ein Prozess, der durch die unsägliche Nullzinspolitik der Zentralbanken forciert und durch Corona nicht etwa gestoppt, sondern durch die Flucht in „Betongold“ weiter befeuert wurde. Was in der Folge bedeutet, dass sich immer mehr Menschen das Wohnen in den Zentren nicht mehr leisten können und als Konsequenz in billigere Wohngegenden im Umfeld ausweichen müssen, was wiederum dazu führt, dass konträr zu den Zielen einer höchst notwendigen Klimapolitik der Autoverkehr weiter gesteigert wird.

Die Verfechter des Neoliberalismus – der de facto schon mit der Finanzkrise von 2007/2008 gescheitert ist und die zur Erinnerung mit dem Platzen einer Immobilienblase begann, dessen Ideologie sich aber in den Hirnen der Mehrheit der Bevölkerung durch das Wirken von Politik und Medien mit der Verbreitung einer angeblichen Alternativlosigkeit faktisch festgefressen hat – argumentieren bekanntlich gebetsmühlenartig, dass der „freie Markt“ alles zum Besten regeln würde.

Die sich verschärfende Misere am Wohnungsmarkt zeigt jedoch das genaue Gegenteil. Da werden Ressourcen durch einen wachsenden Leerstand von Wohnungen, die sich normal Sterbliche nicht mehr leisten können, bewusst vergeudet, nur damit Investoren und Spekulanten maximale Renditen kassieren. Und das geheiligte Privateigentum – in dem Fall an Grund und Boden bzw. Immobilien – erweist sich als maximal gegen elementare Ansprüche auf ein Leben in Würde und sozialer Sicherheit gerichtet. Höchste Zeit also, dies in Frage zu stellen.

4 Kommentare zu „Im Labor der Extreme

      1. Jetzt mußt nur noch aus dem „Single-Family Zooning“ ein „Single-family zoning“ machen, dann paßts 😉
        Aber großes Danke für den Begriff – das war mir völlig neu!

        Gefällt mir

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