Plädoyer für das Gehen

Das Gehen ist die ursprünglichste und natürlichste Fortbewegungsart der Menschen und gleichzeitig „am umweltfreundlichsten und am gesündesten von allen Verkehrsteilnehmern“ (Standard, 15.5.2021). Alle anderen Formen von Mobilität (Reiten, Radfahren, Autoverkehr, Bahn, Luftfahrt etc.) bedienen sich diverser Hilfsmittel und sind daher im Sinne einer zukunftsorientierten – dem Schutz von Ressourcen, Umwelt und Lebensqualität verpflichteten – Mobilitätspolitik zu relativieren und am Gehen zu bemessen.

„Was unterscheidet den Menschen von anderen Säugetieren? Die Daumen zum Beispiel, ja; der Einsatz von Werkzeug, die Kultivierung von Pflanzen oder die Nutzung des Feuers. Nichts hat den Menschen aber evolutionär so weit nach vorn katapultiert wie seine Fähigkeit, aufrecht zu gehen“ konstatiert Birgit Wittstock (Falter 49/2014). „Aufrecht schreiten heißt Mensch sein“ meinte der katholische Theologe Romano Guardini (1885-1968). Und der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977) sprach gar von der „Orthopädie des aufrechten Ganges“ als eine der „vordringlichsten Aufgaben“ des „menschlichen Sozialismus“ (Presse, 25.7.2021).

Doch „Heute, ein paar Millionen Jahre später, wird Gehen längst nicht mehr als Fortschritt, sondern als lästiges Übel empfunden. Rolltreppen, Aufzüge, Förderbänder – egal wie, wir versuchen, das Gehen zu vermeiden, und Fortbewegungsmittel wie Fahrräder, Züge, Flugzeuge oder allen voran das Auto stehen für Individualität und Freiheit. Fahrzeuge als Symbole für Status und Gesinnung. Das Zu-Fuß-Gehen, die demokratischste Art und Weise, am Verkehr teilzunehmen, ist etwas für jene, die sich kein anderes Transportmittel leisten können“ so Wittstock.

Die Bedingungen für das Gehen sind sowohl in den dichtbebauten Städten als auch auf dem Land schlecht: Gehsteige sind zu schmal, oft gar nicht vorhanden, häufig durch parkende Fahrzeuge, Verkehrsschilder, Zeitungsständer oder Baustellen verstellt oder als Schanigärten oder für Verkaufseinrichtungen zweckentfremdet. Kreuzungen sind durch zu kurze Ampelphasen schwer passierbar. Die Gehsteigkanten für Rollstühle und Kinderwagen zu hoch. Zusätzlich düsen Speed-Junkies per Rad oder E-Scooter auf Gehsteigen oder in Fuzos ohne Rücksicht auf per pedes unterwegs befindliche Menschen. Und vielfach werden zu Fuß gehende immer noch in düstere Unterführungen verbannt, damit der Autoverkehr über der Erde ungebremst drüberbrausen kann.

Auch das Ambiente für ein Gehen mit Wohlgefühl ist miserabel: Es mangelt an Sitzgelegenheiten, öffentlichen Toiletten, Trinkbrunnen, ausreichend Grünanlagen usw. Denn die Vorherrschaft des Autoverkehrs wird seit Jahrzehnten nicht infrage gestellt: „Im Gegenteil: Parkplätze wurden von vielen Autofahrern quasi als Menschenrecht verstanden“ (Wittstock). Daher ist es mit dem Gehen nicht leicht, nachdem Städte und Dörfer „über Jahrzehnte für den Autoverkehr perfektioniert“ wurden (Standard, 15.5.2021).

In den 1980er Jahren begannen die Fahrradlobbys Raum für den Radverkehr einzufordern – Großteils auf Kosten des Gehens. Denn Radwege, Abstellplätze und Verkehrszeichen wurden auf Restflächen, sprich den Gehsteigen eingerichtet (Wittstock). Im Gegensatz zur Lobby des Auto- und Radverkehrs scheinen sich die Gehenden mit ihrer Randexistenz abgefunden zu haben, obwohl die ersten Fußgängerzonen schon vor mittlerweile 40 Jahren eingerichtet wurden. Was wohl auch damit zusammenhängt, dass mit dem Gehen im Vergleich zum boomenden Markt mit Autos, Fahrrädern, E-Scootern und dergleichen kaum Profit gemacht werden kann.

Als schwächste Gruppe im Verkehr sind zu Fuß gehende Menschen hingegen sowohl von den Übergriffen des Autoverkehrs, aber vielfach auch durch oft sämtliche Verkehrsregeln missachtende Radfahrer*innen die in Piratenmanier glauben den Verkehrsraum für sich kapern zu können gefährdet und überproportional von Unfällen betroffen. So wurden etwa 2019 allein in Wien 1.156 Fußgänger*innen verletzt und kamen 2020 in Österreich 49 Fußgänger*innen ums Leben, davon 18 über 80-jährige (Standard, 15.5.2021).

Die Wiener Fußgänger*innenbeauftragte Petra Jens sieht „die große Schwierigkeit beim Fußverkehr“ darin, „dass er – anders als alle anderen Verkehrsmittel – kein Objekt hat, um das herum man eine Bewegung aufbauen kann“ (Falter 49/2014). Obwohl man da in anderen europäischen Ländern schon deutlich weiter als im extrem autofixierten Österreich ist, was Beispiele in Barcelona, Berlin, Kopenhagen, Paris oder Zürich zeigen. Trotzdem sind Schlagzeilen wie die Aussage des deutschen Spaziergangsforschers Bertram Weisshaar „Fußgängern wird der rote Teppich ausgerollt“ (Presse, 25.7.2021) daher angesichts der realen Situation eine ziemliche Schönfärberei.

Die Corona-Pandemie hat allerdings das Gehen deutlich aufgewertet. Weil viele Menschen „mangels anderer Freizeit-Alternativen im Lockdown, das Spazierengehen für sich entdeckt“ haben und viele sich „auch auf ihren Alltagswegen – etwa auch, um öffentliche Verkehrsmittel in der Pandemie zu vermeiden – mehr auf ihre Füße verlassen“ (Presse, 25.7.2021): Wurden im ersten Halbjahr 2019 1,13 Milliarden gezählte Schritte, waren es im selben Zeitraum 2020 schon 1,37 Milliarden und 2021 sogar 2,62 Milliarden: „Zufußgehen ist ein Trend, der durch die Decke gegangen ist“ konstatiert Petra Jens, die Wiener Fußgängerbeauftragte.

Unbestreitbar ist, dass Gehen laut Weishaar gesund ist und bei Kreislauferkrankungen ebenso wie bei psychischen Problemen und sogar bei Krebstherapien unterstützend wirkt. Denn beim Gehen kann man, anders als bei vielen Sportarten, „nicht viel falsch machen“, wie der Orthopäde Hans-Jörg Trnka (Fußzentrum Wien) meint. Ob jemand dabei die berühmten 10.000 Schritte pro Tag zurücklegt, ist dabei nicht entscheidend, auch wenn ein Tagesziel der Motivation dient. Jedenfalls, so Trnka, Gehen „lüftet uns aus, man kommt runter, ist geerdet“. Und wir „können wir uns beim Gehen entspannen, unseren Gedanken freien Lauf lassen“, so Spaziergangsforscher Weisshaar.

Laut internationale Erfahrungen sind Siedlungsgebiete attraktiv, wenn sie verkehrsberuhigt sind, Abwechslung bieten und gleichzeitig übersichtlich sind. Das spricht für eine hohe Siedlungsdichte: Ganz im Gegensatz zur hemmungslosen Zersiedelung wie sie in den ländlichen Gebieten in Österreich – Europameister beim Grünflächenverbrauch mit der Versiegelung von täglich 13 Fußballfeldern – dominant ist. Attraktive und abwechslungsreiche Erdgeschoßzonen mit kleinen Geschäften sind dabei auch für den Handel attraktiv. Umso unverständlicher daher der Widerstand vieler Geschäftsleute – die immer noch meinen, dass man ohne Auto nicht einkaufen könne – gegen Fußgeher- oder Begegnungszonen.

Inspirationen für eine Verkehrspolitik, die das Gehen als Maßstab sieht kann man sich etwa vom Konzept der 15-Minuten-Stadt der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo holen, das davon ausgeht, dass alle für das tägliche Leben wichtige Einrichtungen in maximal einer Viertelstunden zu Fuß erreichbar sein sollen. Ähnlich kann auch das etwa in Barcelona umgesetzte Konzept der Superblocks inspirativ sein, welches die Gestaltung von etwa 400 mal 400 Meter großen Stadtgebieten als autofreie Zonen mit Vorrang für Gehen und Radfahren vorsieht.

Wenn über Mobilität debattiert wird gilt es freilich einen Blick hinter die Kulissen zu werfen: Die auf schrankenlose Konkurrenz setzende – den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Solidarität zerstörende – neoliberale 24/7-Turbogesellschaft erfordert maximale Beschleunigung. Arbeit, Freizeit und Schlaf verlieren zunehmend ihre Struktur, ständige Verfügbarkeit für Lohnarbeit und Konsum wird gefordert.

Der Gegentrend, etwa als Slow Cities hat bislang kaum Fuß gefasst. Ein wesentlicher, wenn nicht sogar zentraler Aspekt solcher Entschleunigung ist allerdings die Aufwertung des Gehens. Dazu gehört die fußläufige Erreichbarkeit aller für das tägliche Leben wesentlichen Einrichtungen wie Arbeitsplatz, Einkauf, Erholung, Gesundheit, Freizeit, Schule usw.

Apropos Schule: War vor einigen Jahrzehnten der Schulweg zu Fuß Normalität, so sind heutzutage überbesorgte Helikopter-Eltern so sehr um ihre Sprösslinge bemüht, dass sie diesen keinen Schritt mehr zu Fuß zumuten wollen und sie mit dem SUV vors Schultor bringen und womöglich auch dort wieder abholen. Die Aufhebung der Sprengelpflicht in den Städten hat das maßgeblich befördert, weil die nächstliegende Schule nicht mehr per pedes erreichbar ist. Dass als Draufgabe dann geklagt wird, dass zahlreiche Volksschulen zu reinen „Ausländerschulen“ verkommen sind, weil aufstrebende Mittelstandsfamilien oder die sich dafür halten ihre Sprösslinge in „besseren“ Schulen anmelden, braucht da nicht zu wundern.

Ebenso gilt es die völlig aus dem Ruder gelaufene Pendlerei auf ein vertretbares Maß zu reduzieren. So wird die Fehlentwicklung der Raumordnung wie auch der Wirtschaftspolitik etwa in Oberösterreich daran deutlich, dass laut einer OGM-Studie (OÖN, 14.8.2021) mehr als 500.000 Menschen täglich in eine andere Gemeinde pendeln. Dabei bewegt sich die Pendlerquote zwischen 30 Prozent in Linz und 89 Prozent in Überackern (Bezirk Braunau). Die Abhängigkeit vom PKW ist dabei umso größer, umso weiter weg ein Bahnhof liegt.

Doch täglich mehrere Stunden unbezahlter Lebenszeit im Auto auf dem Weg zur und von der Arbeit zu verbringen kann nicht die Zukunft sein. Das bedingt wiederum eine vernünftige Strukturpolitik, die auch in strukturschwachen Regionen Arbeitsplätze schafft und den Gegensatz zwischen attraktivem Wohnen im Grünen und Pendeln zur Arbeit in die Stadt aufhebt oder zumindest vom klimaschädlichen Auto zu umweltfreundlichen Öffis verlagert.

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