„Meister Eder“ als Strippenzieher

„Ich mache kein Hehl daraus, dass der 31. August 2005 der schönste Tag in meinem Berufsleben war, als der Staat die letzte Voest-Aktie verkaufte“ (Die Presse, 20.1.2013) erklärte Wolfgang Eder, von 2004 bis 2019 Generaldirektor der voestalpine als sein persönliches Resümee zum Abschluss der Privatisierung des einstigen verstaatlichten Stahlkonzerns.

Und bei seinem Abschied als Generaldirektor im September 2019 brüstete sich Eder, dass sich unter seiner Leitung der Umsatz des Konzerns von vier auf 12,7 Mrd. Euro gewachsen ist und meinte: „Die voestalpine steht so gut da wie noch nie“. Medienberichte, dass „unter der Oberfläche tickten wirtschaftliche Zeitbomben“ wurden wohlweislich unter den Teppich gekehrt.

Offensichtlich betrachtete Eder das Linzer Vorzeigeunternehmen so sehr als sein Privateigentum, dass er nach seinem Rückzug als Vorstandsvorsitzender den Wechsel in den Aufsichtsrat und die Inthronisation zum Präsidenten dieses Gremiums im Jahre 2021 als quasi gottgegeben angenommen hatte. Ein solcher fließender Übergang ist zwar bei Unternehmen im Familienbesitz durchaus üblich, muss aber bei Aktiengesellschaften mit breit gestreuter Eigentümerstruktur zwangsläufig auf Widerstand stoßen.

Da hat „Meister Eder“ nämlich nicht mit dem Unwillen jener Kleinaktionäre gerechnet, die jetzt ihre Namen und Adressen bei einem Linzer Rechtsanwalt deponieren ließen und in einem (auch den Medien zugespielten) anonymen Schreiben, das eine „enorme Sprengkraft“ hat, an die ehemaligen Aktionärsvertreter von Oberbank und Raiffeisen (OÖN, 19.3.2021) Eders Fehlleistungen als Konzernchef auflisteten, die ihn als Aufsichtsratschef ungeeignet erscheinen lassen.

Hauptsächlich geht es um die Errichtung einer Eisenschwammanlage in Texas (USA), die von Eder im Globalisierungsrausch des voestalpine-Konzerns als Erfolgsprojekt hochgejubelt wurde, sich aber rasch als veritabler Flop erwies. Vor allem weil sich die Kosten von 0,57 auf 1,3 Milliarden Euro mehr als verdoppelt hatten. Dazu kamen Verluste von 350 Mio. Euro im Autoteilwerk Cartersville (USA) und 100 Mio. Euro in der Feindrahterzeugung in der Steiermark.

Dauerverluste in dem 2017 eröffneten Drahtwalzwerk in Donawitz und Baukostenüberschreitungen in Millionenhöhe im Edelstahlwerk Kapfenberg sowie Strafen und Schadenersatzzahlungen in Höhe von 1,2 Mrd. Euro aus Verfahren gegen das Schienen- und das Grobblechkartell – bei welchen die voestalpine tatkräftig mitgemischt hatte – komplettieren die „Sündenliste“ Eders in seinen letzten Jahren als Konzernboss.

Nun muss man natürlich davon ausgehen, dass die frustrierten Kleinaktionäre die Fehlleistungen des Ex-Konzernchefs als Ursache für ihnen entgangene Dividenden sehen. Liegt es bekanntlich doch im Wesen des Kapitalismus, dass die Eigentümer ein Maximum an Profit aus dem von den Beschäftigten erwirtschafteten Mehrwert herauspressen wollen. Dafür werden die zeitgeistig CEO titulierten Bosse auch mit fürstlichen Bezügen und Boni bezahlt. So wurde etwa für Eder im Jahre 2016 eine Gage von 3,13 Mio. Euro ausgewiesen.

Und auch als Pensionist muss er nicht darben: 1.300 Euro Firmenpension bezieht Ex-voestalpine-Boss Wolfgang Eder – pro Tag. Quasi als Zubrot zu seiner Abfertigung von 3,4 Mio. Euro und 92.000 Euro für nicht verbrauchte Urlaubstage (OÖN, 3.7.2020) bei seinem Abgang als CEO des voll privatisierten einstigen Staatsbetriebes.

Aktuell bestimmen vor allem zwei Linzer Banken – die Oberbank mit 8,04 Prozent und die Raiffeisen Landesbank OÖ mit 13,54 Prozent – gemeinsam mit der vom Betriebsrat dirigierten Mitarbeiterstiftung mit 14,09 Prozent das Konzerngeschehen. Der Rest verteilt sich auf 16,3 Prozent österreichische und 33,2 Prozent ausländische (Nordamerika 13, Großbritannien und Irland 6, Skandinavien 4, Deutschland 3, Frankreich 2, restliches Europa 3,2, Asien 2 Prozent) Aktionäre.

In dem „brisanten Brief“ der Kleinaktionäre heißt es wörtlich „Schaller (GD Raiffeisen) und Gasselsberger (GD Oberbank) üben ihre Kontrollfunktion nicht ausreichend aus“ (OÖN, 19.3.2021). In der Tat verringerte die voestalpine-Beteiligung den Gewinn der Oberbank 2019 um satte 54 Mio. Euro und 2020 neuerlich um 35 Mio. Euro (OÖN, 22.3.2021). Nach Meinung der aufgebrachten Kleinaktionäre dürfe Eder nicht als „Belohnung für ein Milliardengrab“ zum Aufsichtsratschef gewählt werden, so der Brief. Das wäre so, als hätten die Ex-Kanzler Schüssel und Gusenbauer nach ihrer Kanzlerschaft die Leitung des Rechnungshofes übernommen. Und OÖN-Redakteur Dietmar Mascher meint boshaft: „So plump agieren nicht einmal Politiker mit ausgeprägtem Machtbewusstsein und Chuzpe“.

Denn bei der Causa Eder „spielt das ausgezeichnete persönliche Verhältnis Eders zum Chef des Konzernbetriebsrat und zu den Generaldirektoren der beiden Aktionäre Raiffeisen und Oberbank eine nicht unwesentliche Rolle“. In der Tat hat es Eder von Anbeginn der Privatisierung hervorragend verstanden den Konzernbetriebsratsvorsitzenden Hans Karl Schaller (SPÖ) – gleichzeitig Landtagsabgeordneter mit Nebeneinkünften der Klasse 4 (zwischen 7.000 und 10.000 Euro monatlich) zum satten Landtagsbezug von 7.382 Euro – ebenso wie den mittlerweile verstorbenen Raiffeisen-Boss Ludwig Scharinger und dessen Nachfolger Heinrich Schaller sowie Oberbank-Chef Franz Gasselsberger ans Gängelband zu nehmen. Schon der seit 2004 amtierende Aufsichtsratschef Joachim Lemppenau war damals Wunschkandidat Eders, nun will er auf Biegen und Brechen in dieser Funktion nachfolgen.

In echt sozialpartnerschaftlicher Treue steht der „Betriebskaiser“ Hans-Karl Schaller zu seinem Herrn und Meister (OÖN, 1.2.2020). Die Kritik des voestalpine-Investors Rupert-Heinrich Staller, dass Eder nahtlos in den Aufsichtsrat wechseln sollte, konnte der Zentralbetriebsratschef gar nicht verstehen. Erst die Drohung einer Gerichtsklage bei der womöglich unliebsame Dinge zur Sprache gekommen wären führten beim Aufsichtsratspräsidium zum Einlenken und einer „Abkühlphase“ für Eders Einzug in den Aufsichtsrat. Nun aber, 2021 soll es doch so weit sein.

Eder, dem allgemein eine Nähe zur SPÖ nachgesagt wird, hat stets deutlich gemacht, dass er ein Mann des Kapitals ist. Etwa bei der Präsentation einer „Standort-Charta Oberösterreich“ der Industriellenvereinigung in der Voest-Stahlwelt (OÖN, 19.6.2012). Dabei forderte der für seine Ansagen gegen angeblich zu hohe Umweltauflagen und Lohnnebenkosten bekannte und wiederholt mit Standortverlagerungen drohende damalige Voest-Boss ein „langfristig stabiles sowie gesellschafts-, finanz- und industriepolitisch ausgewogenes Umfeld“ ein. Eine wohl recht deutliche Umschreibung, wie das Kapital die Politik an die Kandare nehmen und die Menschen zum Verzicht auf für die von der Industrie für unzumutbar gehaltenen Forderungen bewegen soll.

Bei einem Gewerkschaftstag der damaligen Gewerkschaft Metall-Textil (heute PRO-GE) geißelte Eder das „starre Festhalten an wohlerworbenen Rechten und angestammten Besitztümern“ und plädierte für „pragmatische Solidarität“ von Unternehmen und Gewerkschaften bei Pensionssystemen und Arbeitszeitmodellen.

Während OÖN-Chefredakteur Gerald Mandlbauer (OÖN, 12.5.2018) versuchte den global agierenden voestalpine-Konzern als „vaterlandslosen Gesellen“ darzustellen den so gar nichts mehr mit dem Ursprungsland Oberösterreich und dem Standort Linz verbindet hatte Eder keine Skrupel die Einflussnahme auf die „hauseigene“ Johannes-Kepler-Universität – etwa bei der Wahl des Rektors – oder auf die oö Landespolitik ganz „patriotisch“ die Interessen der Aktionäre durchzusetzen.

Die Führung der voestalpine durch Eder entspricht somit zusammenfassend ziemlich genau der Ansage „Unser Katechismus ist das Aktienrecht“ (Arbeit und Wirtschaft, 9/2000) des früheren Verstaatlichtenministers Rudolf Streicher (SPÖ) zur maßgeblich sozialdemokratisch geprägten Privatisierungsbilanz im Zeitraum zwischen 1986 und 2000.

Cartoon: OÖN

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