Ein klassischer Arbeiterfunktionär

Nach der Grundausbildung in Ebelsberg wurde ich im Frühjahr 1971 in die Trollmann-Kaserne nach Steyr versetzt. In der Zeit meines Präsenzdienstes gab es nicht nur die Debatte über die Wehrdienstzeitverkürzung als Wahlversprechen der SPÖ, sondern auch Protestaktionen gegen Heeresminister Lütgendorf. Davon war auch die „Obrigkeit“ verunsichert, wie das Wettern von Kasernenkommandant Pichler gegen solche „Umtriebe“ deutlich machte, auch wenn es dann bei Flugblattverteilungen der KPÖ beim Kaserneneingang blieb. So kam ich dann – seit Jahresanfang 1971 Mitglied der KPÖ – in Kontakt mit der Steyrer Organisation und lernte damit auch Otto Treml, damals Bezirkssekretär in Steyr, kennen.

In der Landesorganisation der KPÖ hörte ich in den folgenden Jahren wiederholt den Sager über Steyr als eine „eigene Republik“, was wohl der Tradition der Arbeiter*innenbewegung in der Eisenstadt, dem antifaschistischen Widerstand gegen das NS-Regime und der Stärke der KPÖ – die schon in der ersten Republik zwei Mandate im Gemeinderat hatte und nach 1945 eine der „Hochburgen“ der KPÖ in Oberösterreich war – geschuldet war.

Otto Treml ist für mich ein „klassischer“ Arbeiterfunktionär und damit ein echtes Kind seiner Heimatstadt. Das zeigt schon ein flüchtiger Blick auf seinen Werdegang als 1930 geborenes Kind einer 13-köpfigen Arbeiterfamilie, Lehrling in den Steyr-Werken und Facharbeiterabschluss als Kraftfahrzeugschlosser. Das politische Engagement hat er quasi mit der Muttermilch erhalten. In einem Bericht schildert er das turbulente Ende des 2. Weltkrieges und des Zusammenbruchs des NS-Regimes. So war es für ihn selbstverständlich sich nach der Befreiung im Rahmen der „Roten Hilfe“ für die Milchversorgung der Stadt zur Verfügung zu stellen.

Bereits im Mai 1945 wurde Otto Treml Mitglied und ab August 1945 Funktionär der Freien Österreichischen Jugend, seit Oktober 1945 gehört er der KPÖ an. Gestützt auf das Vertrauen seiner Kollegen war er Jugendvertrauensmann in der Lehrwerkstätte der Steyr-Werke. Und er spielte als Leiter der Streikposten eine wichtige Rolle beim Oktoberstreik 1950, der bis heute von manchen als „kommunistischer Putschversuch“ denunziert wird. Was freilich schon allein dadurch widerlegt wird, dass die Streikbewegung in der US-Besatzungszone, nämlich in der Voest in Linz und in den Steyr-Werken ihren Ausgang nahm. Für Treml, seit 1948 auch Organisationsleiter der starken Betriebsorganisation der KPÖ, hatte der Streik freilich – wie für hunderte andere von Maßregelung und Entlassung betroffene Beschäftigte auch – schwerwiegende Folgen, sodass er bis 1953 seinen Beruf im Nibelungenwerk in Sankt Valentin ausüben musste.

Ab 1953 als Bezirkssekretär der Steyrer KPÖ-Organisation tätig war Treml auch stets mit der Kommunalpolitik vertraut. Er war von 1965 bis 1967 als Fürsorgerat tätig und übernahm im September 1971 das KPÖ-Mandat im Steyrer Gemeinderat, welches er bis 1990 sehr intensiv ausübte. In den zwei Jahrzehnten seiner Gemeinderatstätigkeit hat Treml viele Initiativen zum Wohle der Bevölkerung gesetzt und nachhaltige Spuren hinterlassen, wie das auch in der KPÖ-Stadtzeitung „Vorwärts“ dokumentiert ist. Ich kann mich noch erinnern, wie vor einer Gemeinderatswahl das sozialdemokratische „Tagblatt“ zum 36-köpfigen Wahlvorschlag der KPÖ höhnisch titelte „Um 36 zu viel“. Was freilich nicht verhindern konnte, dass Treml das Mandat behaupten konnte und mit Ausdauer und Hartnäckigkeit der übermächtigen SPÖ-Mehrheit weiter lästig war. Dass Otto Treml in Steyr de facto eine „Institution“ ist, konnte ich wiederholt bei der Sammlung von Unterstützungserklärungen vor dem Rathaus feststellen, wenn die erste Frage in Bezug auf die KPÖ stets war, ob mir Otto Treml bekannt sei.

Die vielseitigen Erfahrungen waren auch maßgeblich dafür, dass Otto Treml – er war schon seit 1969 Mitglied des Zentralkomitees der KPÖ dem er bis 1991 angehörte und seit 1971 des Landessekretariats der KPÖ – 1981 als Nachfolger von Alois Wipplinger zum Landesobmann der KPÖ gewählt wurde und als solcher bis 1991 tätig war. Auch in dieser Funktion zeichnete ihn eine große Umsichtigkeit aus. Maßnahmen zur Verbesserung der Parteiarbeit, wie etwa die Einrichtung einer Druckerei für die Orts- und Betriebszeitungen der KPÖ erfolgten auf seine Initiative.

Was Treml darüber hinaus auszeichnet ist die Offenheit sich gemeinsam mit politisch anders Gesinnten und mit betroffenen Bürger*innen – etwa in Mieterangelegenheiten – gemeinsam zu engagieren, wie seine Mitarbeit in zahlreichen Initiativen und Vereinen beweist, wo er hohes Ansehen genießt. So schaltete er sich als Gemeinderat in den 1980er Jahren sehr aktiv in die Friedensbewegung ein und ist auch heute noch im Mauthausen Komitee, tätig.

Ich kenne Otto Treml vor allem aber auch als unermüdlichen Chronisten und Publizisten. Schon als Bezirkssekretär machte er sich von 1953 bis 1981 als Redakteur der Betriebszeitung für die Steyr-Werke einen Namen. Ebenso hat er die Steyrer Arbeiter*innenbewegung, den antifaschistischen Widerstand und die Geschichte der KPÖ aufgearbeitet, was sich auch in Berichten diverser Medien niederschlägt und als „Zuarbeit“ von Historiker*innen ähnlich geschätzt wird, wie die Arbeiten von Peter Kammerstätter (1911-1993) der nach seiner aktiven Zeit jahrzehntelang historisches Material zusammengetragen und entsprechende Artikel verfasst hat.

Treml machte sich damit als Herausgeber bzw. Verfasser verschiedener Publikationen zur Steyrer Lokalgeschichte einen Namen. Auch erfolgte auf seine Initiative in den verschiedenen Gedenkjahren im Amtsblatt der Stadt, in der „Steyrer Rundschau“ oder den „OÖ Nachrichten“ eine entsprechende Würdigung des antifaschistischen Widerstandes.

Zu seinem 90er kann Otto Treml also auf ein bewegtes wie auch erfülltes Leben zurückblicken, das untrennbar mit der KPÖ verbunden ist. Seine vielfältigen Aktivitäten verdienen unsere Anerkennung und Wertschätzung verbunden mit dem Wunsch, dass er auch weiterhin in der gewohnten Agilität und Gesundheit tätig ist.

Beitrag für die Festschrift zum 90. Geburtstag von Otto Treml, Museum Arbeitswelt, 2020

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