Ein schlechtes Placebo

„Wuchtiger Lärmschutz“ titeln die „OÖ Nachrichten“ (21.7.2020) über einen Lokalaugenschein über die „Einhausung“ der Westautobahn A1 in Ansfelden. Satte 60.000 Quadratmeter Lärmschutz aus Holzbeton, Aluminium und Acrylglas wurden hier vom Autobahnbetreiber ASFINAG auf einer Länge von sechs Kilometer mit einem Kostenaufwand von 23,9 Mio. Euro von März 2019 bis Juli 2020 für das „größte Lärmschutzprojekt Österreichs“ montiert. Macht satt 400 Euro pro Quadratmeter Lärmschutz, an solchen Geschäften lässt es sich schon kräftig verdienen.

Laut der ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger wirken allerdings die dort montierten Lärmschutzwände mit einer Höhe bis zu 7,5 Meter auf viele Autofahrer*innen bedrohlich. Nach ihrer Meinung kann Klaustrophobie entstehen, wenn die Lärmschutzwände zu dicht an der Fahrbahn stehen, denn „Monotonie erschwert auch die Orientierung“ und solche Wände seien „optische Barrieren“. Der wachsende Tunnelblick-Effekt wird in diesem Fall dadurch verstärkt, als auch die beiden Fahrtrichtungen der A1 bei Ansfelden durch eine solche Mega-Mauer getrennt wurden.

Auch gibt es zuwenig Fluchtmöglichkeiten, die laut Autobahnbetreiber aber ohnehin vorrangig nur für Einsatzkräfte vorgesehen sind. Nur 17 Türen sind auf den sechs Kilometern Autobahn in den Außenwänden angebracht, die zudem nur durch Übersteigen der Leitschienen oder von Stufen erreichbar sind, von der sonst geforderten Barrierefreiheit also keine Spur. Und jene im Mittelteil sind ziemlich sinnlos, führen sie doch nur auf die verkehrsreiche Gegenfahrbahn. Autobahn-Betreiber ASFINAG beschwichtigt mit dem Argument, es handle sich ja um keinen Tunnel, daher sei eine Brandgefahr nicht so gefährlich.

A1 bei Ansfelden als Hotspot

Die A1 bei Ansfelden ist einer der meistfrequentierten Straßenabschnitte Österreichs. Laut Verkehrszählung der ASFINAG wurden 2019 bei der Messstelle Traun 112.786 Fahrzeuge im 24-Stundenmittel gezählt, davon 14.786 LKW über 3,5 Tonnen. Die Belastung durch diese Verkehrslawine für die rund 9.000 Anrainer*innen im Stadtgebiet von Ansfelden ist somit evident, ob man das Problem mit immer mehr Lärmschutzwänden aus der Welt schaffen kann ist hingegen fraglich.

2007 kündigte der damalige Baureferent LHStv. Franz Hiesl (ÖVP) ein „Umdenken bei Lärmschutzwänden“ an, um den Wildwuchs entlang von Autobahnen zu stoppen. Davon kann angesichts der Ausbauwut beim Lärmschutz aus heutiger Sicht natürlich keine Rede sein. Die 1.749 Kilometer Autobahn und 493 Kilometer Schnellstraßen (Stand 2020) sind laut ASFINAG mit rund 4,48 Quadratkilometer Lärmschutzwänden aus Holz, Aluminium oder Beton „eingehaust“ – was einer Streckenlänge von 1.358 Kilometer entspricht – und wurden dafür 34 Mio. Euro aufgewendet (Stand 2017).

Fahrnleitner machte es möglich

Mit einer Verordnung hatte der damalige Wirtschaftsminister Johannes Farnleitner (ÖVP) 1999 die Lärmgrenzwerte an Autobahnen von 65/55 (Tag/Nacht) auf 60/50 und bei Neubauten sogar auf 55/45 Dezibel herabgesetzt – was faktisch eine Halbierung der zulässigen Höchstbelastung bedeutet – und damit für einige Baufirmen eine Goldgrube aufgemacht: Schon 2007 kostete ein Quadratmeter Lärmschutzwand rund 150 Euro. Die Folge waren explodierende Kosten und „Lärmschutz für Felder, Hasen und Rehe“ (LHStv. Franz Hiesl).

Wer Autobahnen in anderen Ländern kennt, fragt sich daher mit Verwunderung, warum man dort mit dichtem Bewuchs von Bäumen und Sträuchern als Lärmschutz das Auslangen findet. Weder in Deutschland noch in Italien, nicht einmal in den USA werden Autobahnen zu solchen Lärmschutz-Festungen ausgebaut wie hierzulande. Im gut zehnmal so langen deutschen Autobahnnetz gibt es gerade 2.194 Kilometer Lärmschutzbauten (Stand 2007).

Die österreichische Bundesregierung – egal in welcher Zusammensetzung – gibt sich vielfach als EU-Musterknabe, sie nickt EU-Regelungen in vorauseilendem Gehorsam ab – um bei aufkommendem Unmut über die Auswirkungen von nichts gewusst zu haben und Schuldzuweisung in Richtung Brüssel zu üben. Geht es aber darum einigen Nutznießern profitable Geschäfte zukommen zu lassen, gibt man sich besonders eifrig. So praktiziert schon bei den letztlich am Verfassungsgerichtshof gescheiterten Hausbriefkästen, den umstrittenen Smart Meter und eben auch bei Lärmschutzwänden.

Katastrophale Ästhetik

Mit der „Einhausung“ der Autobahnen durch Lärmschutzwände wächst auch die Kritik an diesen Maßnahmen respektive deren Wirksamkeit. Tourismusmanager beklagen, dass die schönsten Landschaften hinter fragwürdig dekorativ gestalteten Lärmschutzwänden versteckt werden, woran auch die sinnigen Bestrebungen durch den Einbau von „Fenstern“ nichts ändern. Exekutive und Zivilschutz kritisieren, dass die sündteuren Wände durch den entstehenden Tunneleffekt auf Kosten der Sicherheit gehen. Planer kritisieren die katastrophale Ästhetik der Lärmschutzwände.

Deutlich wird mit diesen Maßnahmen freilich vor allem das generelle Versagen der Raumordnung. Weil nämlich verabsäumt wurde zu verhindern, dass Wohnhäuser seit Jahrzehnten viel zu nahe an Autobahnen oder Schnellstraßen errichtet wurden und werden – und dann durch geschmacklose Lärmschutzwände geschützt werden sollten. Wahrscheinlich wäre eine entsprechend dichte Naturbepflanzung mit Bäumen und Sträuchern nicht nur billiger und natürlicher, sondern auch effektiver als die Monster aus Beton, Metall oder Holz.

Wie der Verkehrsclub Österreichs (VCÖ) feststellt, macht Verkehrslärm krank und verursacht Kosten von fast zwei Milliarden Euro im Jahr. Fast fünf Millionen Menschen leben in einer Wohngegend, wo der Verkehrslärm über den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt, 1,5 Millionen Menschen empfinden den Verkehrslärm als unerträglich. Laute Straßen erhöhen das Herzinfarktrisiko um bis zu 20 Prozent. Der Verkehrslärm entlang der Autobahnen ist angesichts dieser Dimensionen nur ein Minderheitenprogramm. Wobei anzumerken ist, dass der Großteil der derart durch monströse Lärmschutzwände vor dem Autobahnlärm geschützten Menschen selbst Autobesitzer*innen sind und ihrerseits kräftig zur Lärmbelastung beitragen.

Rasen als Kavaliersdelikt

Laut ASFINAG resultiert etwa ein Drittel des Lärms aus der Infrastruktur, also aus der Straße, ein Drittel von den Fahrzeugen und ein weiteres Drittel aus dem Fahrverhalten. Überhöhte Geschwindigkeit bedeutet also mehr Lärm. Dem Populismus Marke „Freie Fahrt für freie Bürger“ geschuldete Experimente wie etwa Tempo 140 vom ehemaligen FPÖ-Infrastrukturminister Hofer sind damit ein Lärmerreger pur. Während etwa in den USA ein Tempolimit von 80 Meilen (130 km/h) strikt eingehalten und mit entsprechenden Strafen exekutiert wird, gilt hierzulande Rasen als chic und Kavaliersdelikt.

Laut Studien wird das Gros des Lärms von LKWs verursacht, ein LKW verursacht mehr Lärm als sechs PKWs. Bezeichnenderweise sind aber 85 Prozent der LKWs vom generellen Nachtfahrverbot ausgenommen. Und vier von zehn LKW-Fahrten sind Leerfahrten ohne Frachtgut. Eine flächendeckende LKW-Maut und zwingende Verlagerung von Gütertransit auf die Bahn nach dem Beispiel der Schweiz wäre daher im Sinne der Kostenwahrheit auch für die Reduzierung des Autobahnlärms eine vorrangige Maßnahme. Dazu kommen technische Maßnahmen wie lärmarme Reifen, ist doch bei hoher Geschwindigkeit der Lärm vom Abrieb der Reifen auf dem Asphalt weit belastender als der Lärm der Motoren.

Aber letztlich geht es darum die seit Jahren permanent wachsende Autolawine auf ein erträgliches Maß einzubremsen. Das geht freilich nur mit strikter Kostenwahrheit über den Autoverkehr. Also Schluss mit dem Bau weiterer Autobahnen, Schnellstraßen, Umfahrungen etc., strikte Kontrolle der Tempolimits und Forcierung des öffentlichen Verkehrs in allen Varianten. In Vergleich dazu kann Lärmschutz Marke ASFINAG nur ein schlechtes Placebo sein.

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