Hochsaison für Schwurbler

Posted on 27/05/2020


Gummizellen

Voller Begeisterung schwärmte Hannes Hofbauer über eine Demo von Corona-Leugnern am 24. April 2020 in Wien: „Alfred Hrdlicka wäre erfreut gewesen. Rund um sein Mahnmal gegen Krieg und Faschismus zwischen Albertina und Wiener Staatsoper versammelten sich an die 300 Menschen, um gegen die repressiven Maßnahmen der österreichischen Koalitionsregierung im Zusammenhang mit der Corona-Krise zu protestieren. Die Albertina und das Hrdlicka Mahnmal ist ein würdiger Platz, um den Anfängen eines möglichen autokratischen Staates zu wehren.“ (uhudla.wordpress.com, 25.4.2020)

Allerdings sind solche „Hygiene-Demos“ ein Mix von durch die Corona-Krise verunsicherten Menschen, von „Wir sind das Volk“ skandierenden Wutbürger*innen, Personen die Corona als bloßen „Hoax der Eliten“ betrachten oder vergleichbar mit einer Grippe-Epidemie verniedlichen und Hedonisten, die sich im exzessiven Ausleben ihrer persönlichen Entfaltung gestört fühlen. Quasi als Sahnehäubchen finden sich aber auch deklarierte Rechtsextremisten wie Identitären-Boss Martin Sellner bei solchen Aufläufen ein, wie das auch am 24. April der Fall war.

Daher darf bezweifelt werden, dass Hrdlicka über diese Besudelung seines Denkmals erfreut gewesen wäre. Gleichzeitig wird deutlich, wie auch angebliche Linke der Corona-bedingten Verwirrung anheimfallen. Ernst Jandls Spruch „Manche meinen Lechts und Rinks kann man nicht velwechsern, werch ein Illtum“ gewinnt ob solcher Querfront-Haltungen neue Aktualität. Und es ist kein Wunder, dass die Drahtzieher unter dem Titel Querfront für ihre abstrusen Ansichten der Corona-Leugner-Bewegung werben.

Auch wenn es bei der Politik von Kurz & Kogler angebracht ist auf überschießende und tendenziell autoritäre Maßnahmen allergisch zu reagieren ist es verwegen alle Corona-Maßnahmen der Regierung stante pede als neuen Faschismus zu interpretieren. Vor allem dann, wenn sich rechtsextreme Drahtzieher von „Hygiene-Demos“ als die großen Freiheitskämpfer gebärden, wie nunmehr seit einigen Wochen wöchentlich stattfindende Demos in den Landeshauptstädten zeigen, auch wenn diese nicht das Ausmaß solcher Zusammenrottungen wie in Deutschland erreichen.

Dort wird diese Bewegung mit dem Motto „Gates kapert Deutschland“ – unterstützt von Plakaten mit der Losung „Kill Bill“ – vom bekannten Neofaschisten Ken Jebsen (Ken-TV) angefeuert. Jebsen wird der Sager „Ich weiß, wer den Holocaust als PR erfunden hat“ (Die Presse, 13.5.2020) zugeschrieben. Der vegane Starkoch Attila Hildmann schwadronierte in München sogar, Bill Gates plane die „Versklavung der gesamten Menschheit“. Und weitere Promis wie Til Schweiger, Detlef Soost oder Xavier Naidoo assistieren Jebsen willig.

Dass dabei die Schamgrenzen fallen zeigen widerliche Vergleiche:
– Demonstrierende laufen mit einem Judenstern mit der Aufschrift „Ungeimpft“ herum.
– Das zynische Nazi-Motto „Arbeit macht frei“ am Lagereingang des KZ Dachau wird zu „Impfen macht frei“ umgemodelt.
– Der deutsche Corona-Experte Christian Drosten wird auf Plakaten unter dem Motto „Trust me, I’m a doctor“ mit dem SS-Mörder Josef Mengele gleichgestellt.
– Protestierende gebärden sich als „Nachkommen der Sophie Scholl“ in einer Opferrolle und pervertieren den Widerstand gegen das NS-Regime.
Mit solchen Akten der Relativierung des Nazi-Regimes und der Verharmlosung des Holocaust feiern Neofaschismus und Antisemitismus also fröhliche Urständ.

Auch wenn formal die Beschränkung der Bewegungsfreiheit und des Versammlungsrechts in der Öffentlichkeit im Vordergrund steht wird bei auch nur oberflächlicher Betrachtung solcher Demos deutlich, dass die Teilnehmer*innen vor allem eines eint: Nämlich die Leugnung der realen Bedrohung durch ein Virus, das weltweit bislang schon 350.000 Todesopfer gefordert hat, was immerhin einer Großstadt entspricht.

Zur Untermauerung solcher Realitätsverweigerung dienen eine Reihe von Verschwörungstheorien:
– Das Virus sei künstlich erzeugt und bei Experimenten in chinesischen Labors „entsprungen“ oder von China gar absichtlich – zur Schwächung der USA – verbreitet worden.
– Manche meinen mit „Expertenwissen“, das Virus sei im Menschen substanziell vorhanden und jetzt durch den Einsatz der 5G-Technologie „aktiviert“ worden. In England wurden deswegen sogar 30 Handymasten gesprengt.
– Microsoft-Gründer Bill Gates muss als „neuer Jude“ für ein Feindbild herhalten. Seine Warnungen vor einer Epidemie und die Unterstützung entsprechender Forschungen über die WHO werden als Drang nach Profit und Überwachung mittels implementierter Chips interpretiert.
– Die Gilde der esoterischen Impfgegner*innen hat sowieso Hochsaison, für sie ist die durchaus kritisierbare Pharmaindustrie das Böse schlechthin.
– In einer im Netz massenhaft verbreiteten Pseudo-Doku namens „Pandemic“ wird behauptet der US-Regierungsberater Anthony Fauci strebe im Auftrag der globalen Eliten mit dem Virus und einer Impfung nach Reichtum und Macht.
– Schließlich noch die sozialdarwinistische Version nach dem „Recht des Stärkeren“. Diese wurde von Boris Palmer, grüner Oberbürgermeister von Tübingen, mit dem Sager „Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“ (Der Standard, 24.3.2020) auf den Punkt gebracht.

In Graz trat ein ominöser Studienkreis 5BN als Veranstalter auf, der sich den Theorien von Ryke Geerd Hamer, dem Erfinder der „Germanischen Neuen Medizin“ verschrieben hat. Hamer wettert gegen Krebstherapien und bezeichnet Chemotherapie als eine „jüdische Waffe“ und meint: „[Die Juden] möchten nicht, dass der Rest der Welt überlebt. Deshalb sind zwei Milliarden Menschen mit Chemotherapie umgebracht worden“ (BR, 2010).

Bei einer Kundgebung in Linz wetterte ein Redner gegen „Herrschaften wie George Soros oder Bill Gates“ und meinte, es würde „Zeit, dass wir dieses Krebsgeschwür anschauen, sonst breitet es sich aus“. Soros steht bekanntlich bereits seit Jahren im Zentrum antisemitisch aufgeladener Verschwörungstheorien. Die Rhetorik ist eindeutig: Als Krebsgeschwür haben bereits die Nazis jüdische Menschen bezeichnet. Der FPÖ-nahe „Wochenblick“ bezeichnete in einem Jubelbericht den Aufmarsch als „starkes Zeichen des Protests.

Auch die FPÖ hat mittlerweile in Wien eine Kundgebung unter dem Motto „Freiheit für Österreich – gegen den Corona-Wahnsinn!“ organisiert, auch dort im Beisein von Sellner & Konsorten. Und in Klagenfurt rief die dort noch existente FPÖ-Abspaltung BZÖ zum Auto-Corso unter dem Motto „Patrioten stehen auf gegen diesen Corona Wahnsinn!“ auf.

Die FPÖ-typische Verschwörungstheorie ist die Zuschreibung des Corona-Virus an Asylsuchende, wie sie seit Beginn der Krise hartnäckig verfolgt wird. Auch wenn mittlerweile die Regierung das Asylrecht faktisch ausgesetzt und allgemein bekannt ist, dass Geschäftsreisende und Touristen im Rahmen der Globalisierung das Virus weltweit verbreitet haben, wird hartnäckig versucht Flüchtlinge als Corona-Verursacher zu stigmatisieren um die nazistische These der „Umvolkung“ forciert wird. Dieser „Große Austausch“ ist eine Verschwörungsthese, die vor allem von den Identitären forciert und fortgeschrieben wird.

Dabei finden sich Hofer, Kickl & Konsorten auf einer Linie mit Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban. Dieser meinte schon 2018 in Europa finde ein „Bevölkerungswechsel“ statt, an dem der Milliardär George Soros beteiligt sei. Dahinter vermutet Orban finanzielle Interessen, aber auch ideologische Motive gegen das „christliche Europa“. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach von dem „berühmten Juden Soros“, der Menschen beauftrage und sein Geld benutze, um Nationen zu spalten und zu zerstören.

Ob als Sammelsurium von Corona-Leugner*innen, Impfgegner*innen, Staatsverweiger*innen etc. oder offen deklariert als FPÖ, für alle gemeinsam gilt als Feindbild das „System“: Gemeint ist dabei eine „handliche Chiffre für die politische, soziale, ökonomische und mediale Leitkultur – beziehungsweise das, was Verschwörungstheoretiker jeder Couleur als solche identifizieren und erbittert bekämpfen“ (Sven Gächter, profil).

Weil traditionelle Medien ohnehin pauschal als „Lügenpresse“ betrachtet werden haben abstruse Botschaften der modernen Hass-, Märchen- und Lügenprediger Hochsaison vor allem im Internet. Mit dem „Potenzial, den ziellos dahinplätschernden Mainstream nachhaltig zu kontaminieren“ (Sven Gächter). Somit droht auch berechtigter Widerstand gegen Corona-Maßnahmen von Extremisten unterwandert und gekapert zu werden. Mit der lang ersehnten „Chance für den Zusammenbruch des globalisierten Liberalismus und der Demokratie“ sehen, wie Stephan Kramer, Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, konstatiert.

Warum aber sind so viele Menschen für die oft abstrusen und jeder Logik entbehrenden Verschwörungsthesen anfällig? Das hängt wohl vor allem mit einer weitgehenden Entpolitisierung durch die neoliberale Konsumgesellschaft zusammen. Der neoliberale Kapitalismus hat die Einsicht in gesellschaftliche Zusammenhänge oder gar Eigentums- und Machtverhältnisse durch einen permanenten Konsumrausch verbunden mit systematischer Prekarisierung aller gesellschaftlichen Bereiche und damit einhergehender Verunsicherung ersetzt. In Zeiten allgemeiner Verunsicherung wird ein psychohygienisches Ventil als Erklärungsmuster gesucht. Diese Erfahrung wurde schon bei der Finanzkrise nach 2008 und der Flüchtlingsbewegung von 2015 deutlich und setzt sich jetzt mit Corona fort.

Was sich Verunsicherte nicht schlüssig erklären können leiten sie in einen höheren Zusammenhang, der sich jeder Infragestellung verweigert und eisern verteidigt wird. Einwände gegen solche Thesen und mögen sie noch so logisch und faktenorientiert sein werden umgehend als Fake News abgetan und entsorgt. Das ist für sie geradezu zwingend, ansonsten würde ja das selbstgebastelte Weltbild umgehend einstürzen. Die Gemeinsamkeit mit Religion als jahrhundertelang einzige Erklärungsmuster für Epidemien, Kriege und Krisen als „Strafe Gottes“ ist unverkennbar.

Apropos Religion: Auch eine Gruppe erzkatholischer Kardinäle und Bischöfe, darunter der sattsam bekannte reaktionäre Salzburger Weihbischof Andreas Laun, hat ein Erklärungsmuster für Corona. Diese Klerikalen sehen das Virus als Weltverschwörung mit dem Ziel einer jeder Kontrolle entzogenen Weltregierung. Damit werde das Ziel verfolgt eine „verabscheuungswürdige technokratische Tyrannei“ zu errichten mit der „Jahrhunderte der christlichen Zivilisation unter dem Vorwand eines Virus ausgelöscht werden“, wozu für Impfstoffe auch „Material von abgetriebenen Föten“ (Die Presse, 13.5.2020) verwendet werden solle.

Dass Populisten wie Rodrigo Duterte, Viktor Orbán, Donald Trump – der durchaus ernsthaft das Trinken von Desinfektionsmitteln oder die Einnahme von Kokain empfiehlt zur Virus-Bekämpfung – oder Jair Bolsonaro ihren Aufstieg solchen irrationalen Tendenzen verdanken bedeutet somit politischen Sprengstoff.

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