Immer hoch hinaus

Posted on 06/05/2020


Tabakfabrik

Jahrzehntelang galt Linz durch die Dominanz der Verstaatlichten mit Voest, Chemie und Schiffswerft als Industriestadt. Nach deren Zerschlagung ab 1986 gab sich der damalige Bürgermeister Dobusch noch damit zufrieden, Linz im Standortwettbewerb als „Kulturhauptstadt“ und später als „Sozialhauptstadt“ zu verkaufen.

Sein Nachfolger Klaus Luger, der sich nicht einmal mehr als Sozialdemokrat, sondern als „Sozialliberaler“ definiert gibt sich damit nicht mehr zufrieden: Er will Linz mindestens zur „Innovationshauptstadt“ – und weil es gerade aktuell ist auch gleich zur „Klimahauptstadt“ – machen. Satte 350.000 Euro kostet das bürgermeisterliche Innovationsbüro für diesen Zweck. Und auch in Corona-Zeiten halten Luger und seinen blauen Koalitionspartner Markus Hein nichts davon ab, laufend mit neuen Linzer Schnapsideen hausieren zu gehen.

Autokino

Der jüngste Streich ist ein Ende April erfolgter Vorstoß von Hein am Urfahraner Jahrmarktgelände ab Sommer 2020 ausgerechnet ein Autokino für 250 PKWs – wenn auch nur temporär durch Minister Anschobers Corona-Einspruch verzögert – zu errichten. Während rundherum gekürzt wird, spielt für solchen neoliberalen Zauber Geld keine Rolle.

Auf dem Jahrmarktgelände wurde jahrzehntelang – abgesehen von einigen Wochen des Urfahraner Marktes Ende April und Ende September – gratis geparkt. Als die Stadt 2017 beabsichtigte für das zentral gelegene Areal Parkgebühren einzuheben lief die sich als Vertretung der Mühlviertler Pendler gebärdende ÖVP Sturm – und schoss sich ein Eigentor: Es stellte sich nämlich heraus, dass es für das Gelände gar keine behördliche Genehmigung als Parkplatz gab, woraufhin dort ein generelles Parkverbot verhängt wurde. Nun wollen Hein & Co. durch die Hintertür eines Autokinos den Platz wieder für Autos freimachen, statt Projekten für eine Begrünung eine Chance zu geben.

Hängebrücke

Kaum eine Woche zuvor empörten sich Luger und Hein unisono über ein „Zusammenspiel der Verhinderer“ (OÖN, 24.4.2010), weil sich die Natur- und Landschaftsschutzexperten des Landes OÖ sehr kritisch zum Plan einer 550 Meter langen und 90 Tonnen schweren Hängebrücke in 100 Meter Höhe über die Donau vom Tiergarten zur Franz-Josefs-Warte auf dem Freinberg zu Wort gemeldet hatten.

Auch bei diesem rot-blauen Lieblingsprojekt fragt sich, ob die Kosten von 4,5 Mio. Euro wirklich vom privaten Investor Hannes-Mario Dejaco und seinen Hintermännern aufgebracht werden. Dieser beschwert sich darüber, dass dafür sieben Behördenverfahren notwendig sind. Künftig soll man um vier bis sieben Euro über die Donau spazieren dürfen – fragt sich nur, ob das ein Tourismus-Hit sein soll.

Keplarium

Ein weiterer Hit, der regelmäßig wie das Ungeheuer vom Loch Ness in der medialen Sauregurkenzeit des Hochsommers auftaucht ist eine Planetenseilbahn. Schon 2005 präsentierte ein Architekt einen Hotelbau mit Seilbahn und Planetarium am Römerberg, bei dem sich der damalige Linzer FPÖ-Macher Werner Neubauer gar nicht genug über diesen Beitrag zur Linzer Kulturmeile erfreuen konnte.

Wenn es schwerreichen Industriellen fad wird suchen sie ein Hobby zur Zwangsbeglückung der Allgemeinheit. Für Peter Augendoppler (Kornspitz), Dionys Lehner (Linz-Textil) und Christian Trierenberg (Tann-Papier) ist es eben diese Planeten-Seilbahn für Linz. Das Projekt „Keplarium“ kreuz und quer über die Donau soll angeblich von privaten Investoren mit 120 Mio. Euro finanziert werden und wird absurderweise sogar als Beitrag zur Entlastung der Straßen angepriesen.

Stadtseilbahn

Seilbahnen dürften überhaupt für die Stadtobrigkeit wie ein politisches Viagra wirken. So freuten sich Luger und Hein geradezu diebisch, weil im schwarz-grünen Regierungsprogramm von Förderung der Seilbahnwirtschaft die Rede ist. Nachdem die Berge mittlerweile hoffnungslos mit Seilbahnen zugepflastert sind und neue Projekte in immer größeren Höhen nicht mehr auf ungeteilte Zustimmung stoßen ist es Zeit neue Geschäftsfelder zu erschließen – sprich eine Stadtseilbahn. Das kommt insbesondere einer Stadtpolitik zupass, die mit einem solchen „Öffi-Leuchtturmprojekt“ ganz auf „innovativ“ von der hoffnungslos auf das Auto fixierte Verkehrspolitik ablehnen kann.

Nach den schon lange vor Bildung der schwarz-grünen Koalition auf Bundesebene entwickelten Vorstellungen von Hein soll eine zehn Kilometer lange und 283 Mio. Euro teure Stadtseilbahn von Ebelsberg nach Plesching errichtet werden: 50 Prozent soll der Bund zahlen, 25 Prozent das Land, 25 Prozent die Stadt und eine EU-Förderung würde ihm auch gefallen. Bund und Land zeigten sich bislang freilich nur mäßig begeistert von diesem Projekt.

Und die betroffene Gemeinde Steyregg hat man auch noch gar nicht gefragt. Aber in Hörsching brachte eine ähnliche Initiative eine Seilbahn als Anbindung der Westbahn an den Flughafen ins Gespräch. Ganz nach dem Motto „Wenn der Stau unerträglich wird und keiner über das Versagen der Verkehrspolitik reden will geht man in die Lüfte“.

LASK Arena

Gescheitert ist 2019 auch das vom Land forcierte Prestige-Projekt einer „LASK Arena“ mit 20.000 Sitzplätzen am Pichlingersee am Widerstand von über 8.000 Unterschriften für eine Volksbefragung und nachdem die Stadt die Notbremse durch einen Deal mit dem LASK über die Nutzung des Stadions am Froschberg gezogen hatte. Die Kosten von rund 60 Mio. Euro wollte der LASK mit einem Drittel selbst finanzieren, zehn Mio. Euro sollten vom Land Oberösterreich kommen, die Restfinanzierung war unklar.

Das Projekt auf diesem unter 28 möglichen Standorten war insofern stark umstritten, als dafür mit dem Segen des Landes rund 200.000 Quadratmeter wertvolles Grünland im Naherholungsgebiet Pichlingersee mit dem Stadion samt einem Parkplatz für 3.500 Fahrzeuge, Trainingsplätzen und Nebengebäuden zubetoniert werden sollten und die Verkehrsanbindung denkbar schlecht war. Von den Projektbetreibern wird sogar eine eigene Autobahnabfahrt von der A1 gefordert.

Hochhaus-Boom

Nach dem Bau des Lentia2000 (1977) und der beiden (mittlerweile schon wieder abgerissenen) Voest-Wohntürme am Harterplateau in Leonding Anfang der 1970er Jahre waren jahrzehntelang Hochhäuser kein Thema für Linz. Das hat sich im letzten Jahrzehnt geändert, die „innovative“ Stadtplanung unter Hein & Luger will sprichwörtlich hoch hinaus und hat ein offenes Herz für diverse Investoren, die sich mit diversen Türmen eine goldene Nase verdienen wollen.

Nach dem städtischen Wissensturm (2007) und dem Power Tower (2008) der landeseigenen Energie AG wurde von Porr & Raiffeisen der skandalträchtige Terminal Tower (2008) beim Bahnhof hochgezogen, es folgten der Blick-Punkt (2013) und der Lux Tower (2019), zwei Wohntürme auf dem Gelände des früheren Eferdinger Bahnhofs und der Blumau Tower (2012) von Raiffeisen in der Blumauerstraße, im Bau befindet sich der Bruckner Tower in der Wildbergstraße. In der Pipeline befindet sich auch der NeuBau3 bei der Tabakfabrik, der 2025 eröffnet werden soll.

Wie spekulativ der Hochhausbau ist zeigt sich am Terrassen Tower (2019) in der „Grünen Mitte“ der weiterhin von gähnendem Leerstand gezeichnet ist. Das Projekt des 75 Meter hohen Weinturm am Grünmarkt Urfahr scheiterte 2018 am massiven Widerstand der Anrainer, das von rot-blau durchgeboxte Projekt des 66 Meter hohen Bulgari-Tower zogen die Betreiber 2020 wegen mangelnder Finanzierung wieder zurück. Und auch vom Aussichtsturm eines ukrainischen Investors beim Lentos – im Volksmund umgehend „Penisturm“ genannt – hat man auch nichts mehr gehört.

XL-Eventarena

2010 machte ein Plan für einen Linzer Segelflugplatz Furore. Für diese XL-Eventarena mit Platz für bis zu 100.000 Besucher schwärmte Promoter Michael Ehrenbrandtner schon von Acts wie die Rolling Stones, die Red Hot Chili Peppers oder Metallica. Doch die großen Pläne erwiesen sich schnell als Schall und Rauch, eine Schnapsidee mehr.

Stadion für EM2008

Als „Jahrhundert-Chance für Österreich“ im Rahmen der Heim-Fußball EM 2008 gepriesen wurden Pläne für ein neues Stadion. Doch ein Fiasko wie mit dem faktisch leerstehenden Stadion in Klagenfurt blieb Linz trotz Zusage, dass der Bund 80 Prozent der Neubau-Kosten übernehmen würde, erspart, weil der damalige Bürgermeister Dobusch auf das Kulturhauptstadtjahr 2009 setzte.

Sky Garden Tower

Mit 45 Stockwerken sollte im Jahr 2000 der 160 Meter hohe „Sky Garden Tower“ auf dem Gelände der heutigen Voest-Stahlwelt Österreichs zweithöchstes Gebäude und „neues Wahrzeichen von Linz“ werden. Projektleiter Herbert Furch, Ex-Voest-Manager, beteuerte für das 55 Mio. Euro teure Projekt bereits mehrere Investoren an der Hand zu haben. Der Plan „Geschäftsleute nach Dienstschluss in den Sky Garden Tower zu locken“ (OÖN), scheiterte kurz vor dem Startschuss letztlich an der Finanzierung und dem fehlenden Interesse möglicher Mieter.

Allerlei Schnickschnack

Nicht genug, werden seit Jahren diverse „innovative Projekte“ von wohlgeneigten Medien mit dem Segen der Politik gepusht – um meistens rasch wieder in der Versenkung zu verschwinden. Etwa die Überdachung der Landstraße im Bereich des Taubenmarktes. Oder die von der städtischen Linz AG gehypte Idee von Lufttaxis um vom kaum frequentierten Flughafen Hörsching zur Voest zu fliegen.

Auch ein Katamaran zwischen Ottensheim und dem Linzer Hafenareal, kostenmäßig für den Berufsverkehr wenig interessant, ist im Nebel des Vergessens untergegangen. Und manches erinnert an frühere Schnapsideen wie etwa einer Ski-Weltmeisterschaft auf der Mayrwiesen oder einer Skialm auf dem Pöstlingberg, beide erfreulicherweise heute längst Schnee von gestern.

Als Resümee lässt sich festhalten, dass mit solchen Luftnummern und medialen Hypes gezielt von ihren unsozialen Anschlägen ablenkt werden soll. Wichtig ist es offenbar nur, die Gemüter der Öffentlichkeit zu erhitzen damit die triste Alltagspolitik nicht hinterfragt werden soll. gesprochen und diese nicht hinterfragt.

Ein notwendige PS: Es gibt freilich auch Projekte, die durchaus sinnvoll gewesen wären, aber an politischer Kleingeistigkeit, Größenwahn oder Umfallern gescheitert sind.

Zweite Schienenachse

2011 plakatierte die Linzer SPÖ mit Konterfei des damaligen Bürgermeisters Dobusch ganz visionär „Line 4 für Linz“. Diese zweite Schienenachse im Linzer Osten wäre an sich ein vernünftiges Projekt beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs. Allerdings fixierte sich die SPÖ mit ihrem damaligen Verkehrsreferenten Luger auf eine großteils unterirdische Variante, um nur ja in der Gruberstraße dem Autoverkehr keinen Platz wegnehmen zu müssen.

Daher war es von Anfang an ziemlich illusorisch das Projekt mit einer Streckenlänge von 6,6 Kilometer, davon 4,6 Kilometer unterirdisch geführt, mit Kosten von 407 Mio. Euro zu finanzieren. Trotzdem wurde noch 2015 großspurig verkündet „Anfang 2020 soll die zweite Linzer Schienenachse fertig sein” (ORF OÖ) im Mai 2015. Auch eine abgespeckte Version mit Verzicht auf eine unterirdische Führung in Urfahr hätte 300 Mio. Euro gekostet, eine oberirdische Führung wäre hingegen mit 150 Mio. Euro machbar gewesen. Schließlich musste 2019 das Projekt für gescheitert erklärt werden, nachdem Land und Bund bei der Mitfinanzierung abwinkten.

Theater im Berg

Nach jahrzehntelangen Debatten bedingt durch die Enge des alten Landestheaters an der Promenade wurde ein Musiktheater im Berg, zwischen Schloss und Römerbergtunnel in den Fels gehauen, geplant. Bereits am 8. August 2000 erfolgte die Baugenehmigung. Aber bei einer am 26. November von der für ihre Kulturfeindlichkeit bekannten FPÖ initiierten landesweiten Volksbefragung sprachen sich bei einer Beteiligung von 50,1 Prozent der Wahlberechtigten eine Mehrheit von 59,59 Prozent gegen das Projekt aus. 18 Millionen Euro Vorbereitungskosten waren umsonst.

Im Ergebnis wurde 13 Jahre später das heutige Musiktheater am Volksgarten – pikanterweise just an jener Stelle, an der seinerzeit auch Adolf Hitler in seinen Planungen für die „Führerstadt“ ein Opernhaus vorgesehen hatte – eröffnet, im Endeffekt mit 186,4 Millionen Euro fast doppelt so teuer wurde wie das ursprünglich geplante Theater im Berg. Vom Raumangebot und der Technik her zwar up to date, aber architektonisch auch nicht gerade ein Highlight.

Donausteg

Im Juni 2005 beschloss der Gemeinderat die Planung einer Fußgänger- und Radbrücke über die Donau auf Höhe des Jahrmarktgeländes um schlanke 12 Mio. Euro. Der geplante Brückenschlag sollte „nicht nur innerstädtisches Leben ans Flussufer bringen, sondern „zugleich ein wichtiges Signal in Richtung sanfter Mobilität“ sein und „ab 2009 das Linzer Stadtbild entscheidend mitprägen“. Doch dann fiel die SPÖ um und ließ den damaligen Grünen-Stadtrat Jürgen Himmelbauer im Regens stehen.

 

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