Geballte Ladung Zynismus

Posted on 22. März 2020

0


Tick

Parallel zur Konzentration von Vermögen und Reichtum bei einer winzigen Upper Class wächst auch das Segment des Luxuskonsums. Mögen andere Branchen in den letzten Jahren da und dort zunehmend ins Trudeln gekommen sein, für hochpreisige Luxusgüter, die man eben so braucht, wenn man zu den oberen Zehntausend gehört, gilt das nicht. Schließlich ist das Geld dafür reichlich vorhanden.

Und damit die Eliten – und alle die glauben dazugehören zu müssen – wissen, wo es langgeht, werden sie mit einschlägigem Wissen versorgt. Die Zahl der Publikationen, egal ob Bücher oder Zeitschriften, zum Thema Lifestyle ist Legion. Und auch angeblich seriöse Tageszeitungen ereifern sich mit einem entsprechenden Angebot. Ein Beispiel dafür ist „Der Standard“ der im Wettbewerb mit dem „Schaufenster“ im Konkurrenzblatt „Die Presse“ nun seine freitägliche Beilage namens „Rondo“ sechsmal im Jahr mit der Sonderedition „RONDO Exklusiv“ erweitert.

Gleich im Editorial wird gewarnt: „Halten Sie Ihr Champagnerglas gut fest!“ und auf eine „geballte Ladung Glamour“ hingewiesen. Etwa dass Dennis Gastmann, Autor von „Geschlossene Gesellschaft“ erklärt, warum „man in der Welt der Superreichen niemals seinen Teller leer essen sollte“. Wenn da also „Prominente über Gastlichkeit und essen sprechen“ bleibt nur mehr Prost, Mahlzeit zu sagen.

Schon ein Blättern durch das Angebot an Inseraten zeigt, wer da angesprochen werden soll: Luxusuhren für „Menschen mit Tick“, mit denen etwa Ex-SPÖ-Bundesgeschäftsführer Drozda seine helle Freude hätte. Prüller von Tiffany. Möbel die nicht für das kleine Geldbörsel gedacht sind. Urlaub in Luxusdomizilen. Eine Residenz am Ossiachersee als passendes Immobilien-Schnäppchen, der Wörthersee ist offensichtlich schon ausverkauft. Dazu eine Restaurantempfehlung im hintersten Seitental der Enns mit einem katastrophalen ökologischen Fußabdruck gemessen an der Anreise und einem Angebot, das ziemlich fern von regionalen Produkten ist.

Kunstbeflissen, schließlich geht es um eine Wertanlage, eine Empfehlung für das „Auktionshaus im Herzen Europas“ mit dem dezenten Hinweis auf eine Auktion in Paris, bei welcher ein Mona Lisa-Motiv um kleinliche 480.200 Euro über den Tisch ging. Und neben edlen Kleidungsempfehlungen „gut betucht in Marbella“ als Draufgabe ein paar edle Düfte und Cremen.

Was will die reiche Seele mehr, ist doch für das Klientel „ein Leben lang Party“ und gilt das Motto „Lobster für alle“? Da darf dann schon kräftig der Glamour der „Roaring Twenties“ beschworen und nostalgisch „durch die Drehtür in die Zwanziger“ geblickt werden, die bekanntlich nach dem Börsenkrach vom „Schwarzen Freitag“ 1929 das Vorspiel für Faschismus und Weltkrieg waren.

Weil die Kacke am Dampfen ist, entdecken in der Corona-Krise angebliche Qualitätszeitungen urplötzlich recht scheinheilig die „Helden des Alltags“ in Gesundheitswesen, Pflege, Handel und anderen Branchen. Also jene meist unterbezahlten, vielfach prekarisierten Lohnabhängigen, denen hochbezahlte Schreiberlinge im Auftrag hochverdienender Medieneigentümer Jahr und Tag höhere Löhne, Arbeitszeitverkürzung und bessere Arbeitsbedingungen streitig machen, deren Pensionen ihnen zu hoch sind und die für Alter und Gesundheit mehr Eigenvorsorge über den volatilen Kapitalmarkt betreiben sollten.

Mit Medienprodukten wie „RONDO exklusiv“ konterkarieren sie freilich ihre Wertschätzung für die „Systemerhalten“ und verdeutlichen mit einer geballten Ladung Zynismus was ihr angeblich so seriöser Journalismus wirklich wert ist.

Verschlagwortet: ,
Posted in: Blog