Anlass zum Umdenken

Posted on 22. März 2020

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Freundschaft

Das Corona-Virus Covid-19 muss ernst genommen werden und es wird uns zweifellos noch lange beschäftigen. Ein Blick auf die dramatische Entwicklung der Infektionszahlen zeigt, dass sich zumindest Westeuropa in der größten Krise seit Jahrzehnten befindet und das globalisierte kapitalistische Wohlstandsmodell gehörig ins Wanken gebracht hat.

Der Unterschied von Corona zu anderen Epidemien ist, dass diesmal nicht nur wie 2002 bei SARS (26 Länder, 8.096 Fälle, 774 Tote), 2012 bei DERS (27 Länder, 2.494 Fälle, 858 Tote) oder Ebola lediglich die Peripherie, sondern besonders die Zentren und vor allem Europa betroffen sind. Zum Vergleich: HIV betrifft global 37 Millionen und 770.000 sterben pro Jahr, ist aber schon lange keine Schlagzeile mehr wert. Detto Tuberkulose, woran jährlich fast neun Millionen erkranken und 1,4 Millionen sterben.

Wachsamkeit ist geboten

In einer solchen Krise sind daher vorübergehend rigorose Maßnahmen notwendig und berechtigt. Das heißt jedoch keineswegs in Lobeshymnen auf Kanzler Kurz ausbrechen zu müssen, der Corona als „Bad Cop“ inszeniert um sich als „Good Cop“ darstellen zu können und durch seine Überpräsenz in den Medien die Krise für seine staatsmännische und parteipolitische Profilierung nützen will.

Die Betonung liegt beim Begriff „vorübergehend“: Kassandrarufe, die Einschränkungen gleich als Faschismus interpretieren, sind also entbehrlich und nicht hilfreich. Allerdings haben auch Hinweise wie etwa von Sepp Wall-Strasser, ÖGB-Bildungsreferent in OÖ, ihre Berechtigung. Er meinte auf Facebook sinngemäß, dass durch die Kombination von Epidemiegesetz, Assistenzleistung des Bundesheeres und Vollmachten des Bundespräsidenten Österreich „im Handumdrehen in ein autoritäres System und in eine Diktatur verwandelt werden“ kann. Ergo gilt es immer auf der Hut zu sein und das Handeln der Regierung aufmerksam zu verfolgen. Das Orban-Regime in Ungarn ist ein abschreckendes Beispiel dafür.

Der Maßstab für das Krisenmanagement der Regierung wird demnach sein, die im Schnellverfahren am 15. März 2020 beschlossenen Gesetzesänderungen nach Ende der Corona-Krise umgehend wieder zurückzufahren. Wie es generell darum geht, ob man aus der Krise lernt und daraus Konsequenzen zieht – oder sich doch nur gegenseitig auf die Schulter klopft und erleichtert so wie bisher weitermacht. Denn schon jetzt ist klar, dass Corona unser privates, berufliches und wirtschaftliches Zusammenleben dramatisch verändert, also insgesamt ein deutlicher Fingerzeig für ein globales Umdenken ist.

Einmal mehr „nationaler Schulterschluss“

Nicht zum ersten Mal wird in Krisenzeiten zivilgesellschaftliches Engagement und Eigeninitiative von der etablierten Politik als nationaler Schulterschluss beschworen und für eine imaginäre Volksgemeinschaft instrumentalisiert. Zeitgeistig heißt das heute „Team Österreich“ – von Kurz & Co. passenderweise türkis eingefärbt. Und schließlich will man auch keine gesellschaftlichen Unterschiede, sondern nur noch Österreicher*innen schlechthin erkennen. Von Migrant*innen ist nämlich allenfalls am Rande die Rede. Und Flüchtlinge werden sowieso schlichtweg ignoriert.

Und weil wir angeblich alle eins sind ist auch eine kritische Hinterfragung mancher Maßnahmen unerwünscht. So kann Walter Hämmerle Kritik als „Leerstelle, die keiner braucht“ interpretieren (Wiener Zeitung, 19.3.2020). Vielmehr beharrt man sogar wie etwa in Tirol hartnäckig darauf alles richtig gemacht zu haben. Der umtriebige ÖSV-Boss Peter Schröcksnadel spricht gar von einem „ungerechtfertigten Imageschaden“ für den Tourismus (Standard, 19.3.2020). Dabei machen auch die Grünen den Schwarzen die Mauer, indem es zu kritischen Anfragen heißt, darüber werde erst nach Ende der Krise gesprochen. Wieder einmal gilt offenbar das vom damaligen Klubchef Andreas Khol für die ÖVP ausgegebene Motto „Hände falten, Goschen halten“.

Virenschleuder Tirol

Wahrscheinlich resultiert die Hyperaktivität der Regierung weniger aus den Erfahrungen in China, das Corona mittlerweile anscheinend weitgehend in Griff bekommen hat, dafür aber wochenlang massive Schelte westlicher Politiker und Medien ob der harten Maßnahmen in Kauf nehmen musste. Vielmehr dürfte die im Tagestakt erfolgten Maßnahmen der schwarz-grünen Koalition auch dem schlechten Gewissen geschuldet sein, dass die von den Profitinteressen des Tourismus in Tirols geleitete Untätigkeit zur europaweiten Verbreitung des Virus aus dem „Alpen-Ballermann“ Ischgl geführt hat und sogar noch in der ersten Märzwoche ein als Ärztekongress getarntes Event am Arlberg stattgefunden hatte.

Ausgehend von China fasste das Virus in Italien Fuß, wozu wahrscheinlich der Reiseverkehr von tausenden meist illegal in Norditalien tätigen chinesischen Billigarbeitskräften beigetragen hat. Für die Verbreitung in Westeuropa wie auch in anderen Regionen sorgte dann ein reger Wintertourismus. Dass hingegen Osteuropa zumindest bislang weitgehend verschont blieb dürfte damit zusammenhängen, dass sich die Menschen in diesen Ländern den Over-Tourismus bislang noch nicht so leisten können. Eric Frey ortet jedenfalls die Eliten durch ihre regen Geschäfts- und Urlaubsreisen als die Überträger des Virus, um in aller Deutlichkeit zu konstatieren: „Am Ende trifft es die Ärmsten“ (Standard, 21.2020)

Hochsaison für Verschwörungstheoretiker

Noch ist die Herkunft des Virus unbekannt und trotz intensiver Forschungen gibt es bislang kein Gegenmittel zur wirksamen Bekämpfung. Daher zielen alle Maßnahmen darauf, die Verbreitung einzudämmen, damit die vorhandenen Spitalskapazitäten für die wirklich ernsten Fälle reichen. Den wochenlangen offiziellen Beschwichtigungen mit entsprechenden Seitenhieben auf China hierzulande stehen – wie in Zeiten einer globalen Informationslawine üblich – auch Legionen von Fake-News und Verschwörungstheorien gegenüber.

So meint etwa – vom Interviewer Josef Ertl unwidersprochen – der umstrittene Infektologe Wolfgang Graninger allen Ernstes, das Corona-Virus „war nicht für China gedacht, sondern es sollte in den USA ausgesetzt werden, damit dort die Bevölkerung hysterisch wird und die Wirtschaft ordentlich kracht“, Corona sei „als Rache der Chinesen an den Amerikanern“ entwickelt worden (Kurier OÖ, 15.3.3020).

Im Bundeskanzleramt wurde nunmehr unter Federführung von Kanzler Kurz´ Message-Control-Experten eine Informationsstelle eingerichtet, die einerseits Aufklärung leisten, andererseits aber auch Fake News zurückweisen soll. Solche Klarstellungen sind zwar notwendig, doch wer Kurz & Co. kennt denkt unwillkürlich an ein „Wahrheitsministerium“ wie aus George Orwells „1984“ bekannt. Denn was Wahrheit ist und welche als solche zu gelten hat bestimmt dann wohl die Regierung.

Was in der Klimadebatte bislang undenkbar schien, wird jetzt angesichts Corona faktisch zur Normalität und hat paradoxerweise sogar positive Auswirkungen auf den CO²-Ausstoss. Ein massiver Einbruch des weltweiten Verkehrs in der Luft, auf den Meeren und natürlich auch auf den Straßen, sorgt nämlich für weniger Schadstoffe. Gleichzeitig zeigen Corona und Klima, dass für die neoliberale Globalisierung das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Die Verlagerung zur Billigproduktion in Übersee und globale Lieferketten haben zu einer extremen Abhängigkeit geführt. Stockt allerdings das Werkl an einer Stelle, hat das Auswirkungen auf viele andere Stellen. Die Besinnung auf autarke und regionale Kreisläufe wird somit zum Gebot der Stunde.

Lohnabhängige als Krisenopfer

Nicht nur für Lohnabhängige bedeutet Corona vor allem die Sorge um ihre Existenz und ihre Zukunft. Nun hat die Regierung mit dem AMS ein Paket für Kurzarbeit geschnürt, das vor allem für die Beschäftigten in größeren Unternehmen trotz einiger Abstriche eine gewisse Absicherung bedeutet. Mit einem von ursprünglich vier jetzt auf 38 Milliarden aufgestockten Corona-Paket soll ein allzu großer Einbruch in die wirtschaftlichen Abläufe vermieden werden. Ob das reicht, ist freilich offen. Hat man schließlich doch für die Bewältigung der Bankenkrise nach dem Crash von 2007/2008 satte hundert Millionen locker gemacht.

Was am Regierungsmotto „Alles, was es braucht. Koste es, was es wolle“ letztendlich dran ist, wird sich bei der Finanzierung erweisen. Zwar können sich Kurz, Blümel & Kogler das Nulldefizit in die Haare schmieren und der Finanzminister musste seine Budgetrede in den Papierkorb werfen. Wenn aber auch dieser Anlass für eine kräftige Besteuerung großer Vermögen und Erbschaften sowie eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes und der Körperschaftssteuer auf die Gewinne der Kapitalgesellschaften nicht genützt wird am Ende des Tages wieder einmal die große Mehrheit der Lohnabhängigen zur Kasse gebeten werden, wie das schon bei der Bewältigung der Finanzkrise – Stichwort Hypo Alpe Adria – der Fall war.

Die Regierung hat die volle Schadensersatzpflicht des alten Epidemiegesetzes aufgehoben und einstimmig wurde vom Parlament ein neues Gesetz beschlossen, das freilich statt einer Muss-Bestimmung nur mehr eine Kann-Bestimmung bedeutet und mit Corona als „höherer Gewalt“ gerechtfertigt wird. Daher bleibt die Frage, für welche Dauer eine Entgeltfortzahlung trotz diversen Zuschüssen für durch gesetzlich verordnetes Zusperren in eine Existenzkrise geratene Betriebe leistbar ist und es nach Aufbrauchen von Zeitguthaben und Vorziehung von Urlauben letztlich doch zu massenhaften Kündigungen kommen wird.

Schon vorweg nützten manche Unternehmen die Gunst der Stunde und legten ihren Beschäftigten nahe sich beim AMS zu melden oder drängten ihnen eine einvernehmliche Lösung des Beschäftigungsverhältnisses auf. In nur einer Woche nach Verkündigung der Regierungsmaßnahmen schnellte die Zahl der Arbeitslosen um gut 100.000 in die Höhe. Die Notwendigkeit der von AK und ÖGB eingerichteten Hotline steht daher wohl außer Frage. Darüber hinaus geht es schlichtweg um Maßnahmen zur Existenzsicherung für alle unverschuldet in Not geratene Lohnabhängige. Etwa durch Verzicht auf Delogierungen, Stundung von Mieten und Bankkrediten, Freifahrt auf Öffis, amtliche Preisregelung für Lebensmittel und darüber hinaus ein Grundeinkommen für alle, die sonst keine Leistungen erhalten, wie von der KPÖ vorgeschlagen wird.

Existenzbedrohung für EPU

Ganz schlecht schaut es vor allem für die 328.000 Ein-Personen-Unternehmen (EPU) aus, bei denen es sich bei einem Durchschnittseinkommen von 1.200 Euro im Monat großteils um eigentlich lohnabhängige Menschen handelt, die in die Selbständigkeit mit allen Risiken gedrängt wurden. Positiv dabei ist, dass jetzt auch die Gewerkschaft verstärkt ihre Anliegen aufgreift.

Die in vielen Branchen durch die verordnete Sperre von Lokalen, Kultureinrichtungen und Geschäften lässt nämlich gerade diese Gruppe schlagartig vor dem Nichts stehen, zumal für sie im Gegensatz zu großen Unternehmen der Härtefonds der Regierung gedeckelt ist. Wobei es merkwürdig ist, dass dieser Fonds von der Wirtschaftskammer verwaltet wird und nicht vom Finanzministerium. Traut man etwa den eigenen Beamten nicht?

Wenn WIFO-Chef Badelt meint, es braucht einen „Virenschutz für die Wirtschaft“ (Krone, 14.3.2020), es ist zu befürchten, dass die Hilfsmaßnahmen letztlich wieder den großen Unternehmen zugutekommen. Meint doch Nationalbank-Boss Robert Holzmann (FPÖ) ganz offen „Jede Wirtschaftskrise ist auch eine Reinigung“ (Standard, 18.3.2020).

Grundrechte in Frage gestellt

Sehr kritisch sind vor allem die längerfristigen Auswirkungen auf elementare demokratische Grundrechte zu sehen. Nun sind Maßnahmen wie ein Besuchsverbot in Spitälern und Heimen, eine allgemeine Ausgangsbeschränkung, Grenzkontrollen etc. zwangsläufig notwendig, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen und letztlich zu stoppen. Wenn sie mit verständlichen Botschaften verbunden sind, finden sie auch die notwendige Akzeptanz.

Wer das ignoriert oder die Gefahren bagatellisiert denkt und handelt leichtsinnig und gemeingefährlich. Gefährlich könnte es vor allem werden, wenn sich die Ausgangssperren in die Länge ziehen und der Drang ins Freie im anbrechenden Frühling auch durch Konflikte in den de facto eingesperrten Familien überhandnimmt.

Es ist eigentlich eine tiefere Symbolik, dass als eine der ersten Folgen der von der Regierung am 10. März 2020 verordneten Maßnahmen die geplanten Demonstrationen und Kundgebungen für die 35-Stundenwoche im Rahmen der KV-Verhandlungen im Sozialbereich kurzfristig abgesagt wurden. Insbesondere das verordnete Verbot von Versammlungen und der Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum sind demokratiepolitisch gesehen eine heikle Maßnahme, sollten die Rechtsgrundlagen dafür womöglich die Zeit der Corona-Krise überdauern.

Freilich wird nicht immer gleich die Peitsche geschwungen, wenn das Zuckerbrot auch reicht. Etwa in der Form der Freiwilligkeit, der Staatsmacht seine Daten zur Verfügung zu stellen. Und nicht wenige möchten die Gunst der Stunde nutzen, um sich etwa bei der Kontrolle von Ausgangssperren etc. als selbsternannte Blockwarte und Vernaderer als willfährige Gehilfen der Staatsmacht zu erweisen.

Dass kryptische Ankündigungen und überfallsartige Anordnungen der Regierung in Verbindung mit wochenlanger Hysterie der Krawallblätter und fragwürdigen Vorsorge-Empfehlungen des Zivilschutzverbandes zu unsinnigen Hamsterkäufen führte zeigt, dass Österreich auf solche Situationen in keiner Weise eingestellt war. Warum sich allerdings die Regierung sämtliche Handydaten von A1 Telekom krallen musste darf schon kritisiert werden. Ist doch stark zu vermuten, dass es dabei letztlich um eine gezielte Überwachung der Einhaltung der Ausgangssperren geht. Ist doch aus China, Südkorea und Hongkong bekannt, dass die Bewegung infizierter Personen elektronisch überwacht wird und in Spanien Ausgangssperren bereits mit Drohnen überwacht werden.

Fatale Sparpolitik

Nicht nur in Italien zeigen sich die Folgen eines kaputtgesparten, gewinnorientierten Gesundheitswesens. Gab es 1975 in Italien noch 10,6 Krankenhausbetten pro tausend Menschen, so sind es jetzt nur mehr 2,6. Auch in Österreich wurde kräftig eingespart und wollen heute die für ihren Privatisierungswahn bekannten NEOS wohl auch nicht mehr gerne an ihre Forderung von 2015 nach Reduzierung der Spitalsbetten – übrigens auch eine Forderung des Rechnungshofes – erinnert werden. Das Fazit: „In Krankenhäusern sind wir wie im Krieg. Es wird je nach Alter und Gesundheitszustand entschieden“ meint Christian Salaroli, Anästhesist in Bergamo.

Dazu kommt die Misere bei der Pflege. Mit der Sperre der Grenzen zur Slowakei und Ungarn wird auch ein Großteil der 60.000 Pflegekräfte für die 24-Stundenpflege ausgesperrt. Damit bricht schlagartig das hochgejubelte Modell der „Pflege zu Hause“ durch den Einsatz von billigen scheinselbständigen Pflegerinnen zusammen, denen die Regierung als Draufgabe die Familienbeihilfe für im Herkunftsland lebende Kinder gestrichen hat. Ob der Ausfall der Pflegerinnen aus dem Osten durch die Einberufung ehemaliger Zivildiener aus der Reserve, die zum Großteil keine entsprechende Ausbildung haben ausgeglichen werden kann darf bezweifelt werden. Eine ähnliche Misere bahnt sich in der Landwirtschaft an. Das Verlassen auf billige Erntehelfer*innen aus Osteuropa als Lohndrücker erweist sich für die Ernte von Spargel, Gurken etc. nach Sperre der Grenzen auch hier als fatal.

Es überrascht nicht, dass auch hartnäckige „Privat ist besser als Staat“-Propheten in der Krise nach dem Staat rufen, wenngleich meist auch nur aus einem sehr engstirnigen Interesse. Umgekehrt können manche selbst in dieser kritischen Situation nicht von ihren Privatisierungsgelüsten lassen. So etwa Gerald Mandlbauer, Chefredakteur des selbsternannten „Landeshauptblattes“ und neoliberaler Hardliner, der meint „Die Behaglichkeit unter der Fürsorge von Übermutti Staat hat uns Menschen in Abhängigkeit geworfen und bequem und nachlässig gemacht“ (OÖN, 14.3.2020). Die Aussage „Nur reiche Leute können sich einen armen Staat leisten“ (Rede im deutschen Bundestag, 24.3.1971) des früheren deutschen Bundeskanzlers und SPD-Vorsitzenden Willy Brandt dürfte ihm ein Gräuel sein.

Die „Helden des Alltags“

Die Krise hat die bislang vermisste Notwendigkeit von mehr Wertschätzung für die „Systemerhalter*innen“ in gesellschaftlich wichtigen Sektoren wie Gesundheit, Pflege oder Nahversorgung verdeutlicht. Paradox ist daher, wenn Medien die – wenn es um höhere Löhne, Arbeitszeitverkürzung oder bessere Arbeitsbedingungen geht – wenig Wertschätzung für Lohnabhängige übrig haben diese urplötzlich als „Helden des Alltags“ feiern. Wird doch deutlich gemacht, dass es nicht die überbezahlten Jobs in Management, Finanzwirtschaft oder Politik sind, auf die es ankommt, sondern auf die Arbeit der vielen Unbedankten.

Erfreulich ist, dass die massiven Einschränkungen umgehend zu einer Fülle von Aktivitäten der Zivilgesellschaft wie etwa Nachbarschaftshilfen geführt haben, was etwas an die Hilfe für Flüchtlinge im Jahr 2015 erinnert. Freilich sollten die Angebote von jüngeren Menschen Besorgungen zu erledigen nicht dadurch konterkariert werden, dass gefährdete ältere Menschen demonstrativ die häusliche Isolation durchbrechen. Wobei klarzustellen ist, dass es nicht um die Reduzierung von „sozialen Kontakten“ geht wie vom Kanzler abwärts gepredigt wird, sondern um die Vermeidung von physischen Kontakten.

Von wegen „Risikogruppe“

Dass Menschen von 65 aufwärts zur „Risikogruppe“ erklärt werden passt freilich in den sich ausbreitenden neoliberalen Agismus, also einer Diskriminierung aus Altersgründen mit dem Argument, man müsse den Alten ihre „Privilegien“ wegnehmen, sprich die Pensionen kürzen, um den Jungen die Zukunft zu sichern.

Doch Corona bedroht Menschen nicht schlechthin wegen ihres Alters, sondern ungeachtet davon, wenn sie – etwa durch Vorerkrankungen – geschwächt sind. Wobei man gelegentlich auch den Eindruck gewinnen muss, dass neoliberalen Hardcore-Denkern die – wie etwa in Großbritannien und den Niederlanden – auf die „Herden-Immunität“ setzen eine Sanierung der von ihnen stets beklagten Pensionsfinanzierung durch Dezimierung der älteren Generation zurechtkommen würde.

In Krisenzeiten gebärden sich gelegentlich auch angebliche Experten als Autokraten und möchten am liebsten alle Menschen ab 65 – das sind immerhin 1,6 Millionen Menschen – sowie nicht im Erwerbsleben stehende Personen monatelang (natürlich freiwillig) in isolierten Ferienwohnungen wegsperren und glauben damit das Virus besiegen zu können. Hauptsache das kapitalistische Werkl läuft und wird nicht durch solche Problemfälle gestört…

Versagt die EU einmal mehr?

In der Krise kommt einmal mehr die Rolle des „vereinten Europa“ ins Spiel, erweist sich doch die in Sonntagsreden der etablierten Politiker*innen hochgejubelte EU einmal mehr als Versager. Wo bleibt das europäische Denken, wenn Deutschland Hilfslieferungen nach Italien verweigert und dafür China oder Kuba einspringen muss? Was aber eigentlich nicht zu verwundern braucht, war die europäische Einigung doch stets vor allem ein Fiskalprojekt, um die Interessen von Banken und Konzerne zu befeuern.

Allerdings ist es nicht wie manche glauben machen wollen eine ominöse EU, die mit ihren Vorgaben das Kaputtsparen des Sozialstaates im Allgemeinen und im Gesundheitswesen im Speziellen veranlasst hat. Sondern es ist die Summe der bislang 28, jetzt nur mehr 27 Mitgliedsländer, deren Regierungen dafür ihren Sanktus gegeben und nicht selten – wie im Falle Österreich – mit vorauseilendem Gehorsam erfüllt haben.

Corona als Krisentreiber

Das Virus trifft auf eine Weltwirtschaft mit „Vorerkrankungen“, war doch die Erholungsphase nach dem Finanzcrash von 2007/2008 trügerisch. Da hat sich etwa eine mächtige Immobilienblase aufgestaut hat, weil angesichts von Nullzinsen auf normale Sparguthaben und des Risikos von Aktien überschüssiges Geld in Vorsorgewohnungen angelegt wurde, was wiederum die Mieten in die Höhe treibt. Zeitgleich mit Corona kam es zum größten Börsensturz von bis zu 30 Prozent seit 13 Jahren und als Draufgabe zum Ölpreiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland.

Die Wirtschaftstätigkeit in den meisten großen kapitalistischen Volkswirtschaften hat sich verlangsamt. Die Rentabilität des Kapitals sank, die Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privaten hat rasant zugenommen und beträgt global schier unfassbare 255 Billionen US-Dollar. 15 bis 30 Prozent der Firmen in der Euro-Zone gelten als „Zombie-Unternehmen“, werden de facto nur durch billiges Geld infolge der Nullzinspolitik der EZB am Leben erhalten. Der globale Handel und die Investitionen sind nach Trumps Handelskrieg gegen China rückläufig. Und jetzt lässt Corona die internationalen Produktions- und Lieferketten reißen. Womit sich summa summarum zeigt, wie instabil der neoliberale Kapitalismus ist.

Laut dem US-amerikanischen Keynesianer Hyman Minsky führt Stabilität in einer gewissen Phase zur Instabilität. Dieser nun erreichten „Minsky-Moment“ kann nun nach Karl Marx dahingehend interpretiert werden, dass sich zu viele Widersprüche in der kapitalistischen Produktionsweise angesammelt haben. Die Folge könnte eine globale Krise sein, die tiefer ist als jene von 2008/2009. Und dabei haben Regierungen und Zentralbanken den größten Teil ihres Pulvers bereits verschossen.

Corona als Weckruf

Somit könnte Corona zum Weckruf werden. Will man die Krise durchtauchen, um dann so wie gewohnt weiterzumachen. Will man sie dafür nützen, demokratische Rechte, Versammlungsrecht, Streiks, individuelle Bewegungsfreiheit oder zumindest das juristische Instrumentarium dafür dauerhaft einschränken. Will man die Sorge der Menschen um die Gesundheit missbrauchen, um den Überwachungsapparat mit den Erfahrungen aus der Corona-Krise weiter auszubauen.

Oder es setzt sich eine neue Art der Solidarität und der globalen Koordination und Zusammenarbeit durch. Bislang als sakrosankt geltende Themen wie eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung, ein Grundeinkommen, die Vergesellschaftung von Schlüsselindustrien oder die Bedeutung einer gut funktionierenden und entsprechend finanzierten öffentlichen Infrastruktur dürften durch die Krise deutlich mehr Akzeptanz finden. Und das wäre gut so.

 

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