Der gar nicht so lustige Franzl aus Piesenham

Posted on 29/02/2020


Stelzhamer-Denkmal

Die Interessengemeinschaft Autoren hat Ende Februar 2020 eine neue Debatte über ein altes Thema losgetreten: Es geht einmal mehr um die oberösterreichische Landeshymne, den „Hoamatgsang“. Stein des Anstoßes ist der Verfasser des Textes, der Mundartdichter Franz Stelzhamer (1802–1874). Und es geht dabei gar nicht vordergründig um den Text der Hymne selbst, als vielmehr um den extremen Antisemitismus des Verfassers.

Die IG Autoren fordert jetzt die „Neuausschreibung einer zeitgemäßen oberösterreichischen Landeshymne“ und ordnet das ganz bewusst in eine Kampagne gegen alten und neuen Antisemitismus ein: „Linz war unser nächster Schritt, was die Aufarbeitung antisemitischer Relikte betrifft“ so Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autoren.

Stelzhamer prägt das Land ob der Enns wie kaum ein zweiter: Von den bundesweit 78 Gemeinden mit nach Stelzhamer benannten Verkehrsflächen befinden sich 68 in Oberösterreich – also in jeder sechsten der 438 Gemeinden des Landes. Dazu kommen Einrichtungen wie die Stelzhamerschule in Linz oder das Stelzhamerdenkmal im Linzer Volksgarten. Dabei versteht sich die IG Autoren keineswegs als Bilderstürmer, sie will die diversen Stelzhamerstraßen nicht einmal umbenennen, sondern lediglich mit Zusatztafeln über die Gesinnung des Dichters aufklären.

Etwas, was der herrschenden konservativen Politik ein absoluter Gräuel ist. Als die Linzer KPÖ-Gemeinderätin Gerlinde Grünn 2011 einen kritischen Umgang mit Stelzhamer durch einen Antrag thematisiert, scheiterte dieser an der Stimmenthaltung der SPÖ, die damit ähnlich wie bei der Kritik am „Turnvater“ Jahn der FPÖ die Mauer macht. In Wien ist man da schon weiter: 2019 wurde in der Stelzhamergasse an einer prominenten Stelle beim Bahnhof und Shoppingcenter Wien-Mitte eine Zusatztafel anbringen lassen, die auf antisemitische Stereotype verweist, von denen viele Texte des Dichters der oberösterreichischen Landeshymne geprägt sind.

Es verwundert nicht, dass allen voran FPÖ-Landeschef Manfred Haimbuchner an Stelzhamer „ein damals offenbar salonfähiges Weltbild“ sieht und meint, solche „unverdächtige Werke“ müssten „unserer Heimat kulturelle Identität“ geben und in der Kritik an der Landeshymne und deren Verfasser eine Beschädigung „kultureller Schöpfungen“ erkennen will, die natürlich abzulehnen sei (OÖN, 25.2.2020).

Allerdings muss sogar Haimbuchner einräumen, dass der „Hoamatgsang“ eine „emotionsgeladene, vordergründig kindlich wirkende“ Hymne ist, er sieht aber gerade das als einen „vernunftgetragenen Umgang mit der eigenen Geschichte“. Die gegen alle emanzipatorischen Bestrebungen gerichtete Passage „Wiar a Kinderl sein Muader, a Hünderl sein Herrn“ – vom Der Linzer Haus- und Hofhistoriker Roman Sandgruber mit Verweis auf die bluttriefenden Landeshymnen von Tirol und Kärnten als Ausdruck der Friedlichkeit der oberösterreichischen Landeshymne bewertet – passt ja ausgezeichnet zur Ideologie der Unterwürfigkeit unter die Obrigkeit, zum Aufblicken auf starke Anführer, wie sie die FPÖ vertritt. Haimbuchners resümiert, den „wichtigen Kampf gegen Antisemitismus im Hier und Jetzt zu führen“ und hat dabei wohl den islamischen Antisemitismus vor Augen, um den hausgemachten auszublenden.

Im Gleichklang mit Haimbuchner äußert sich Politik und Journaille: Etwa OÖN-Kulturchef Peter Grubmüller, der eine Neuausschreibung als „Unfug“ abkanzelt. Stifterhaus-Chefin Petra-Maria Dallinger sieht keine „besondere Aktualität oder Dringlichkeit“. Sandgruber sieht Stelzhamers Antisemitismus nur als „eine Phase im Zusammenhang mit dem Jahr 1848“ und sieht bereits „das ganze kulturelle Erbe den Bach hinunterstürzen“. Und LH Thomas Stelzer (ÖVP) findet in der Hymne „kein verwerfliches Wort“ und meint stante pede „Daher gibt es keinen Grund für eine Änderung.“ (Rundschau, 27.2.2020). Die Landes-SPÖ schlägt immerhin einen „Runden Tisch“ mit Experten vor. Und die Grünen finden es „im 21. Jahrhundert legitim, eine Neuausschreibung“ in Erwägung zu ziehen“.

Einer der konsequentesten Kritiker Stelzhamers, der Schriftsteller Ludwig Laher, weist darauf hin, dass es zwar 2010 auf Initiative des Adalbert-Stifter-Institutes ein Symposium zur kritischen Auseinandersetzung mit den Texten Stelzhamers gegeben. Ginge es nach der Landesregierung wäre das Ergebnis freilich ein Fall für die Giftkammer. Immerhin sind die als „Der Fall Stelzhamer“ subsumierten Fakten seit 2014 im Internet abrufbar.

Zu einer klaren Abgrenzung vom Antisemitismus Stelzhamers konnte sich die Landesregierung freilich bis heute nicht aufraffen: Auf der Website des Landes wird Stelzhamer als untadelige Persönlichkeit darstellt, der zwar alle möglichen Universitätsstudien zugesprochen werden, die er meist ohne jede Prüfung nach wenigen Wochen abgebrochen hat. Aber über seinen Judenhass, der in einem nur dürftig verbrämten Genozidverlangen gipfelt, findet sich bis heute kein Wort.

Laher macht seit vielen Jahren auf die dunkle Seite des „Landesdichters“ aufmerksam und hat damit einen Anstoß für eine höchst notwendige Debatte über dessen rabiaten Antisemitismus geliefert. Ähnlich wie der nach wie vor von der FPÖ und dem ihr nahestehenden Turnerbund als Idol gepflegte „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn agierte der gerne als „lustige Franzl aus Piesenham“ dargestellte Stelzhamer extrem fremdenfeindlich. Den Nazis war er wegen seines ausschweifenden Lebenswandels so gar nicht dem germanischen Herrenmenschentum entsprechenden Lebenswandel eher suspekt, aber sein extremer Antisemitismus passte in ihr Konzept und er war mit seiner Haltung ein geistiger Vorläufer des NS-Faschismus und dessen Vernichtungspolitik.

Nun kann man Stelzhamers antisemitische Ergüsse, vor allem in seiner Münchner Zeit Ende der 1840er, Anfang der 1850er Jahre und in seinem „Bunten Buch“ heute nicht mehr wegleugnen. Sie aber wie Sandgruber damit zu bagatellisieren, dass „leider Gottes einer ganzen Reihe von Geistes- und Kulturgrößen des 19. Jahrhunderts … sich solche Ausfälle geleistet und damit dem Antisemitismus Vorschub geleistet haben“ ist doch zu simpel.

Zweifellos haben auch Hermann Bahr, Richard Wagner, Peter Rosegger und sogar Franz Grillparzer in ihren Werken „auch antisemitische und nationale Züge drinnen“. Was freilich nur bestätigt, dass der Antisemitismus keine Erfindung der Hitler-Ära war, sondern vom Nazi-Regime bereitwillig aufgegriffen und mit dem Holocaust auf die Spitze getrieben wurde. Dass ein Text eines Dichters wie Stelzhamer nur sieben Jahre nach dem Ende des Holocaust als Landeshymne ausgewählt wurde, ist die eine Sache. Dass Stelzhamers originärer, um 1850 unüblich radikaler Antisemitismus auch im Jahr 2020 höchstens in nur Insidern bekannten Publikationen, nicht aber im öffentlichen Raum thematisiert wird, geht nicht an.

Denn tatsächlich geht es um eine viel tiefer greifende Frage. Als Reaktion auf den wachsenden Frust über die neoliberale Globalisierung nehmen die politischen, medialen und auch kommerziellen Bestrebungen zur gezielten Instrumentalisierung des Heimatgefühls zu, was im Besonderen bei der FPÖ und ÖVP festzustellen ist. Im Zusammenhang damit erfolgt auch eine völlig unkritische Lobhudelei auf die Landeshymne, die zum Inbegriff des Lebensgefühls nach dem konservativen bayrischen Motto „Laptop und Lederhosen“ hochstilisiert wird.

Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder hatte daher bereits 2014 mit seiner Kritik an der – übrigens als einziger deutschsprachiger in Mundart gehaltenen – Landeshymne (Text: Franz Stelzhamer, Musik: Hans Schnopfhagen) offensichtlich einen wunden Punkt berührt, wie die allergischen Reaktionen der Landespolitik bewiesen. Für die KPÖ war das damals schon einmal mehr Anlass ihre bereits 2011 erhobene Forderung nach Änderung des Textes oder besser noch Abschaffung der 1952 vom Landtag einstimmig gesetzlich verankerten Landeshymne zu bekräftigen.

Der Text der Landeshymne ist aber auch Ausdruck eines engstirnigen Provinzialismus, konkret mit der Textstelle „Dáhoam is dáhoam, wannst net fort muaßt, so bleib“. Da versucht sich das Land Oberösterreich als weltoffenes Industrie- und Exportland zu präsentieren und die Liga der TOP10 der EU-Regionen aufzusteigen und gleichzeitig verbeißen sich seine Repräsentanten in solche ewiggestrigen Dogmen. Zumal ist das auch zynisch in Hinblick darauf, dass Kenntnisse über diese Semmeltrenzerhymne bei der Prüfung vor der Verleihung einer Staatsbürgerschaft verlangt werden. Einmal mehr wird damit bekräftigt, dass das Heimatgedusel die Kehrseite der Fremdenfeindlichkeit ist.

Der vormalige Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) meinte, man könne den Text nicht abändern, weil er in Mundart geschrieben ist. Dem kann durchaus zugestimmt werden – aber daher wäre es wohl sinnvoll, überhaupt einen neuen, zeitgemäßen Text zu finden, der dem Anspruch von Weltoffenheit entspricht und die fortschrittlichen Traditionen des Landes von den Bauernkriegen über die Arbeiter*innen- und Rätebewegung bis zum Februaraufstand 1934 und dem antifaschistischen Widerstand reflektiert.

Für Stelzhamer waren Welsche, Slawen, Zigeuner, Windische und natürlich Juden ein klares Feindbild. Stelzhamer vertrat einen auch über die für die damalige Zeit weit hinausgehenden besonders wüsten biologischen Antisemitismus, der Juden als Ungeziefer, ergo als zu vernichten darstellte. Das kann bei der Betrachtung der Landeshymne, deren Text von Stelzhamer stammt, nicht ausgeblendet werden, auch wenn der Text der Landeshymne selbst keine solchen Aspekte aufweist.

Posted in: Blog