Von wegen unabhängig

Posted on 17/02/2020


Hans Rauscher beklagt den Niedergang des seriösen Journalismus (Standard, 5.2.2020). Dass die Zahl der Journalisten von 2007 bis 2019 um ein Viertel von 7.000 auf nur mehr 5.300 gesunken ist, muss tatsächlich ein Alarmzeichen für die Medienwelt sein. Vor allem, weil gleichzeitig die Zahl der für die „Message Control“ zuständigen PR-Gurus, Medienberater, Pressesprecher etc. stark zugenommen hat und eigene Medienwelten wie etwa jene der FPÖ im Internet fernab von Objektivität und Seriosität entstanden sind.

Fakt ist, dass die klassischen Parteizeitungen, wie sie nach 1945 typisch waren, seit langem nicht mehr existieren. Positiv an diesen Blättern war jedoch, dass man wenigstens wusste was man medial erwarten konnte, weil sie eben „parteilich“ waren. Rauschers Loblied auf die „unabhängigen“ Medien ist freilich ein Schwanengesang auf seine eigene Zunft. Denn von wem und von was sind diese Medien denn wirklich unabhängig?

Alle führenden Medien – vom ORF angefangen bis zu den Krawallblättern – sind heute längst zu Eventmaschinen degeneriert. Die Berichterstattung ist faktisch nur mehr Begleitmusik zu einer Vielzahl von Aktivitäten, um das Volk bei Laune zu halten. Und finanziert wird das in erster Linie durch die Finanzkraft der Inserenten.

Nun wird gerne behauptet, Redaktion und Anzeigenabteilungen seien streng getrennt. Mag ja sein, dass Journalisten einen kritischen Bericht schreiben, ohne zu wissen ob die von ihnen so kritisierten nicht gleichzeitig ein Inserat geschaltet haben. Aber da gibt es bekanntlich andere Kanäle der Einflussnahme, der Inseratenstopp ist dabei wohl nur die simpelste. Man kennt den Chefredakteur, den Herausgeber, den Eigentümer, man trifft sich bei diversen Events und ein Wort gibt das andere.

Vor allem aber gibt es die vorauseilende Selbstzensur. Die meisten Journalisten brauchen ja längst keine Anweisungen von oben mehr, denn sie wissen von vornherein, was sie dem Eigentümer des Mediums (und auch den Inserenten) zumuten dürfen. Vielmehr dürfte es des Öfteren sogar so sein, dass ein Eigentümer die Schreiberlinge ermuntert, eine bestimmte Sache kritisch aufzubereiten, weil man aus politischen, ökonomischen oder gesellschaftlichen Gründen jemanden eins auswischen will oder wenn es um die unumgängliche Selbstreinigung des Systems zwecks Aufrechterhaltung seiner Existenz geht. Und dazu braucht man natürlich den einen oder anderen medial abgefeierten „Aufdecker“.

Eine andere Sache ist das Verhältnis von Medien und Politik. Der Sozialdemokrat Werner Faymann hat schon als Wiener Stadtrat das System der Regierungsinserate – wohlwollende Berichterstattung in Krawallmedien als Gegenleistung für kräftige Finanzspritzen durch Inserate von Stadt, Land und Bund – zu einer Hochblüte geführt und das als Kanzler perfektioniert. Sein rechtslastiger Nachfolger Kurz konnte somit ein gut geöltes System übernehmen und weiter verfeinern. Denn im Vergleich zu der Summe der Jahr für Jahr via Regierungsinseraten verblasenen Steuermillionen nimmt sich die offizielle Presseförderung für Qualitätsjournalismus als Peanuts aus.

Rauscher, Hans Dampf in allen journalistischen Gassen, versucht den Eindruck zu erwecken, dass Journalismus – auch in seiner Qualitätsvariante – per se neutral und wertfrei sei. Was natürlich mitnichten der Fall ist. Bestes Beispiel dafür ist Rauscher selbst, der zwar die rechtsextremen und populistischen Auswüchse des Systems geißelt wie kein zweiter, gleichzeitig aber jede Infragestellung des Systems als solche als Teufelswerk bekämpft. Seine Rolle ist nämlich die eines Systemerhalters, für den einzig und allein die neoliberale „kapitalistische Normalität“ – vor allem jene von der EU vorgegebenen Standards – als allein seligmachend vertreten wird.

Pressefreiheit ist bekanntlich die Freiheit von 200 reichen Leuten eine Zeitung herauszugeben, hat schon 1965 Paul Sethe treffend erkannt. Deutlicher denn je zeigt sich das bei den Eigentumsverhältnissen der sogenannten „Unabhängigen“. Das ÖVP-nahe Raiffeisen-Imperium dirigiert den „Kurier“. Die Familie Dichand (noch) die „Krone“. Auf beide Blätter hat der Oligarch Benko ein Auge geworfen hat.

Aber auch die Bundesländerzeitungen sind im Besitz finanzkräftiger Kreise, die in der Regel mit der Politik bestens vernetzt sind und sich gegenseitig die Bälle je nach Bedarf zuspielen: Die VN gehört Russ, die TT Moser, die OÖN Cuturi, die SN Dasch & Kaindl, die Kleine Zeitung dem Styria Medienhaus der katholischen Kirche. Und die Qualitätsblätter? Der Standard gehört Bronner, Die Presse wiederum ebenfalls dem Styria Medienhaus. Und die Gratis-Krawallzeitungen? Heute gehört dem Dichand-Clan, OE24 Fellner. So schaut´s aus mit der Unabhängigkeit.

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