Spekulieren bis es knallt

Zeitgerecht zum Treffpunkt der Reichen und Schönen beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Nobelort Davos präsentierte Oxfam seinen jüngsten Bericht zur Entwicklung von Reichtum und Ungleichheit weltweit.

Die Fakten sind alarmierend:
– Die 26 reichsten Männer der Welt besitzen so viel wie die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung, also 3,8 Milliarden Menschen.
– In Steueroasen lagern 7,6 Billionen Dollar, ein Steuerausfall von 200 Milliarden.
– In den zehn Jahren seit der Finanzkrise 2007/08 hat sich die Zahl der Milliardäre verdoppelt, allein im Vorjahr ist ihr Vermögen um 900 Mrd. Dollar gewachsen – 2,5 Mrd. Dollar pro Tag.
– Männer besitzen weltweit um 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen, diese verdienen um 23 Prozent weniger und leisten unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit um zehn Billionen Dollar.
– In den reichen Ländern sind zwischen 1970 und 2013 die Spitzensteuersätze auf Einkommen von 62 auf 38 Prozent gefallen.

Nun kann man über die unterschiedlichen Ansätze und Interpretationen bei der Ermittlung von Reichtum, Verteilung und daraus abzuleitenden Konsequenzen einen heftigen Disput führen. Bezeichnend ist freilich wie sich die Hohepriester des Neoliberalismus, versammelt etwa in der NEOS-nahen „Denkfabrik“ Agenda Austria, nach Kräften bemühen den Oxfam-Bericht kleinzureden. Ganz nach dem Motto „Ist alles nicht so schlimm“, ja ganz im Gegenteil sei die Armut sogar dank „freier Marktwirtschaft“ und Globalisierung weniger geworden.

Ob die selbsternannten Forscher selbst mit gerade 1,90 Dollar am Tag – das ist laut Weltbank die globale Definition von Armut – leben möchten oder gar können sei dahingestellt. Jedenfalls predigt uns Hanno Lorenz vom NEOS-nahen Thinktank Agenda Austria, dass sich der Anteil der weltweit in extremer Armut lebenden Menschen seit 1981 von 44 auf zehn Prozent reduziert hat (Der Standard, 21.1.2020). Freilich kein Wunder, galt damals doch noch als absolute Armutsgrenze ein Dollar pro Tag.

Das kapitalistische System existiert mit einem ihm immanenten Zwang zur Konzentration und Zentralisation von Kapital und Reichtum. Und es ist eine Binsenweisheit, dass Reichtum immer auch politische Macht bedeutet. Und dass wer reich ist zwangsläufig auch stets bemüht ist diesen Reichtum nicht nur zu erhalten, sondern weiter zu vermehren. Und so sorgt das System dafür, dass die Helfershelfer der Reichen in Ökonomie, Politik und Medien mit allen Mitteln und Tricks daran arbeiten, dass das so bleibt.

Mit der seit 2016 verfolgten Nullzinspolitik der EZB werden die kleinen Sparer faktisch enteignet, weil es sich nicht mehr lohnt, Geld auf die hohe Kante, sprich auf ein Sparbuch zu legen. Sparen ist passé, jetzt ist Zocken angesagt, wird uns gepredigt. Und weil die Österreicher*innen kapitalmarktmäßig gesehen Muffeln sind, liest man ihnen ordentlich die Leviten und geißelt sie, weil sie so risikoscheu sind.

Besonders eifrig ist dabei Teodoro Cocca, seines Zeichens Schweizer Ökonom an der Linzer Johannes-Kepler-Universität und Gastautor in den „OÖ Nachrichten“. Das selbsternannte „Landeshauptblatt“ ist bekanntlich insofern höchst innovativ, als es schon 2008 ein „Börsespiel“ erfand, um die feigen Österreicher*innen schon im Schulalter an den Kapitalmarkt zu gewöhnen und Risikobereitschaft zu entwickeln.

Nun hält Cocca eine mediale Vorlesung zum Thema „Plädoyer für das sozialste Investment“ (OÖN, 15.1.2020). Er erklärt uns dabei, dass die Aktie eigentlich die „individuelle Kollektivierung des Kapitals“ darstellt und sich mit dem Kauf einer Aktie „jeder an der Gewinnentwicklung der besten Unternehmen“ beteiligen kann. Gäbe es die Aktie nicht schon längst, dann müsste man sie als „zukunftsweisende gesellschaftliche Innovation“ fordern. Stellt sie doch die „Überbrückung des veralteten Klassendenkens“ dar und überwindet die „vermeintliche Kluft zwischen Arbeiter und Besitzer“.

Für Cocca kommt mit der Aktie der Arbeiter „in den Genuss der sprudelnden Unternehmensgewinne und ist dabei als Aktionär gewissermaßen der Vorgesetzte seines Chefs“. Na Bumsti, da wird doch die alte Weisheit „Lass dein Geld für dich arbeiten“ zur Realität. Pech für die von der aktuellen Regierung mit weiteren Verschärfungen der Zumutbarkeit – Arbeitslose in Wien als geringentlohnte Köche oder Kellner nach Tirol – drangsalierten Arbeitslosen, wenn sie keine Aktien besitzen. Dann bräuchten sie wohl nur abkassieren.

Cocca entdeckt sogar, dass Aktien nicht nur dem Einzelnen dienen, sondern sogar „wohltätig“ sind, indem nämlich der Aktionär „zur Finanzierung des jeweiligen Unternehmens“ beiträgt. Na net, dient doch die Propagierung des Aktienerwerbs für den „kleinen Mann“ vor allem dazu, sein schwerverdientes Geld zur Mehrung des Profits von Kapitalgesellschaften anzuvertrauen. Dass dabei für ihn nur Brosamen abfallen versteht sich von selbst, die großen Happen sind schließlich für die großen Aktionäre reserviert und die bestimmen auch wer den Laden lenkt und in wessen Interesse.

Geht es nach Cocca ist die Wirtschaft eine ständige Aufwärtsbewegung. Denn nur so kann er zur Schlussfolgerung kommen, dass der Staat mit höheren Steuereinnahmen aus dieser Wertschöpfung seine Ausgaben für den Wohlfahrtsstaat erhöhen“ kann. Freilich passt in diese Logik dann nicht so recht, wenn die aktuelle Regierung die Körperschaftssteuer – also die Gewinnsteuer für Kapitalgesellschaften – von 25 auf 21 Prozent senken will, was im Klartext einige Milliarden weniger für den Staatssäckel bedeutet. Da muss der Herr Professor wohl noch etwas an der Logik seiner Theorien arbeiten, da holpert es noch gewaltig.

Ziemlich verschämt erwähnt Cocca am Ende seiner medialen Vorlesung, dass selbstverständlich „Aktien auch Risiken“ haben, die aber „durch eine breite Streuung gesenkt werden können“. Was freilich für die Aktienbesitzer wenig tröstlich ist, wenn es wie zuletzt 2007/08 zu einem größeren Crash am Finanzmarkt kommt. Das war ja nicht die erste und auch nicht die letzte Blase des realen Kapitalismus, die mit einem unüberhörbaren Knall geplatzt ist.