Abendländische Kreuzritter

Posted on 21. Januar 2020


„Mit Schikanen für Muslime rettet man die Kirche nicht“ schreibt Hans Rauscher (Der Standard, 18.1.2020). Mit diesem an Kanzler Kurz gerichteten Befund hat er zweifellos recht. Denn der ÖVP-Chef kann sich beruhigt zurücklehnen, hat doch sein grüner Koalitionspartner diverse gegen Muslime gerichtete und schon von der schwarz-blauen Vorgängerregierung erfundene Grauslichkeiten willig akzeptiert.

Dass der Anteil der Katholiken in den letzten 20 Jahren von 74 auf 56 Prozent zurückgegangen ist, braucht indes keineswegs einen Alarmismus auslösen. „Österreich ist ein katholisches Land“ konstatiert Rauscher, freilich handelt es sich großteils nur um Taufscheinchristen. Schließlich wird niemand gefragt, ob er dieser „sinngebenden Institution“ (O-Ton Rauscher) angehören will. Das höchste der Gefühle ist es bekanntlich mit Erreichen des Mündigkeitsalters aus diesem Verein auszutreten.

Rauscher beschwört den Katholizismus als einzigartig kulturelle Errungenschaft anhand der „großen Zahl der Kirchen, Klöster, Kapellen, Marterln am Wegesrand“, aber auch „nach den Kruzifixen in Schulen, bei Gericht und anderswo“. Dass die Entstehung religiöser Bauwerke als „einzigartig kulturelle Errungenschaft“ über Jahrhunderte hinweg vom herrschenden politischen Katholizismus in Kirche, Adel und Staat durch unermessliche Opfer aus dem einfachen Volk herausgepresst wurden lässt Rauscher freilich vornehm unter den Tisch fallen. Ganz davon abgesehen, dass Prunkbauten aller Art egal von welcher Religion in der Menschheitsgeschichte stets die oberste Funktion zukam auf ein Leben im Jenseits zu vertrösten, um die Unerträglichkeit des Alltags erträglich zu machen.

Wenn es zu dem schon lange diskutierten Ethik-Unterricht kommt, dann hat dieser freilich nur unter zwei Voraussetzungen einen Sinn: Erstens, wenn er für alle gilt und gleichzeitig jeder Religionsunterricht aus den Schulen inklusive der Kruzifixe und anderer religiöser Symbole verschwindet. Und zweitens, wenn er nicht als katholisch geprägte Ersatz-Religionsunterricht, sondern säkular gestaltet wird. Daran muss man freilich in dem nachhaltig katholisch geprägten Österreich gelinde Zweifel anmelden. Zumal sich insbesondere die ÖVP trotz türkiser Einfärbung immer noch als „christliche Partei“ versteht.

Die katholische Kirche hat eine fast zweitausendjährige Geschichte von Repression und Verbrechen hinter sich. Das sollte man nicht ausblenden, wenn man ihre kulturelle Mission bejubelt. Und wenn heute gegen den „politischen Islam“ gewettert wird sollte daran erinnert werden, dass lange Zeit dieser Islam etwa im mittelalterlichen osmanischen Reich wesentlich toleranter war als die christlichen Herrscher in Europa, was im Gegensatz zu Europa im Orient sogar ein Aufblühen der Wissenschaften inkludierte.

Das von Rauscher beschworene „europäische Erbe“ der katholischen Kirche umfasst nämlich auch die Kreuzzüge, die Inquisition, die Hexenprozesse, die Kolonialisierung und Missionierung fast der ganzen restlichen Welt, die Absegnung hunderter Eroberungskriege und der Herrschaft von Adel, Bürgertum und Kapital. Nicht zu vergessen, dass sich Aufklärung, Vernunft und Wissenschaft jahrhundertelang stets gegen den erbitterten Widerstand des herrschenden religiösen Klüngels durchsetzen musste. Die „gewaltige geistige und soziale Funktion“ der katholischen Kirche ist im Klartext mit Millionen Leichen gepflastert, daran sollte auch in einer Zeit erinnert werden, wo sich die Kirche zwangsweise geläutert geben muss, um ihre Existenz zu sichern. Die „Religion der Vergebung und der Nächstenliebe“ hat es zwar immer auch schon gegeben, aber sie war immer nur ein Nebenschauplatz.

Griechische Philosophie, römische Rechts- und Staatsbewusstsein und Aufklärung mit dem Christentum – also einer Religion – in Zusammenhang zu bringen wie Herr Rauscher das tut ist somit eine Vergewaltigung des Fortschrittsdenkens in der Menschheitsgeschichte. Der Kampfschreiber des „Standard“ begibt sich mit dem Schwadronieren über das „geistige Fundament von Europa“ auf eine Ebene mit jenen Rechtsextremen, die etwa der kruzifixschwingende Strache das „christliche Abendland“ in Geiselhaft nehmen, um mit ihrer Hetze gegen den Islam ein Feindbild zu schaffen, das von durch Globalisierung, Digitalisierung und neoliberaler Politik zugunsten der Konzerne und der Superreichen verunsicherten Menschen eine Projektionsfläche zu liefern.

Rauscher befindet sich mit seiner Verklärung des Christentums bezeichnenderweise auch in einer Front mit der ÖVP. Versucht doch deren Ministerin Susanne Raab uns folgendes weiszumachen: „Für mich ist das Kopftuch nicht nur ein religiöses, sondern auch ein ideologisches Symbol“ um gleichzeitig zum Kreuz zu erklären, dieses sei „Teil unserer Kulturgeschichte … ein geistes- und kulturgeschichtliches Symbol“, also quasi völlig unideologisch (Die Presse, 19.1.2020).

Da wurden dann wohl jahrhundertelang die diversen Feldzüge im Zeichen des Kreuzes ganz und gar unideologisch geführt. Raab findet aber in Annette Gartner eine Mitstreiterin, die uns treuherzig weismachen will „Der Vergleich mit dem Kreuz hinkt, das Kopftuch steht auch für Unterdrückung“ (OÖN, 15.1.2020). Da müssen wohl alle die im Zeichen des Kreuzes missioniert, beherrscht, misshandelt oder missbraucht wurden das wahre Gefühl der Befreiung empfunden haben.

Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen von 1948 verbürgt auch die Religionsfreiheit. Sinnvoll ist diese freilich nur, wenn Religion als Privatangelegenheit verstanden wird und nicht um Österreich als „christlich geprägtes Land“ (Regierungsprogramm 2020-2024) zu regieren. Wir brauchen weder einen „politischen Islam“ noch einen „politisches Christentum“. Wer freilich auf Schritte zu einer klaren Trennung von Kirche und Staat hofft, etwa durch Aufkündigung des unseligen Konkordats von 1933, wird wohl auch bei dieser schwarz-grünen Regierung vergeblich hoffen. Dafür sorgen schon die diversen abendländischen Kreuzritter.

Verschlagwortet: ,
Posted in: Blog