Zuhören ohne Widerrede

Posted on 19. November 2018


Biergarten

Es ist mittlerweile schon eine ziemlich abgedroschene Phrase, die Politik müsse den Menschen mehr zuhören, um wieder glaubwürdig zu werden. Zuhören ist natürlich gut, schön und notwendig, schließt aber nicht aus, dass man zu dem dabei Gehörten begründete Einwände oder sogar Gegenargumente hat.

Durchwegs muss man wohl davon ausgehen, dass gerade jene die sich über mangelndes „Zuhören“ beklagen gar nicht an einem Meinungsaustausch interessiert sind, sondern den Zuhörenden ihre Meinung möglichst ohne Widerrede aufs Auge drücken wollen. Sind es doch vor allem die verschiedenen Versionen von Wutbürger_innen die sich maßlos empören und ihre verengte Weltsicht als Maßstab aller Dinge betrachten. Ergo, wer als Zuhörer nicht umgehend das so geäußerte übernimmt sei etabliert, kein Demokrat etc.

„Doch allzu oft wollen die Bürger gar nicht die Wahrheit sagen“ konstatiert Anneliese Rohrer (Die Presse, 27.10.2018) daher auch zu den pseudo-selbstkritischen Ansagen diverser Politiker, die als scheinbare Einsicht und Reaktion auf Kritik an ihrer Politik das Schlagwort von „mehr zuhören“ ins Publikum werfen. Und Rohrer weist darauf hin, dass das was aus den Mündern des Wahlvolkes kommt, keineswegs wahr und ehrlich sein muss, im Klartext: Nicht nur Politiker lügen, sondern auch Wähler. Was sich ja auch allzu oft bestätigt, wenn die Demoskopen mit ihren Wahlumfragen ziemlich daneben liegen.

Zum Wesen der Österreicher_innen gehört bekanntlich das „Sudern“ über alles und jedes. Daher braucht man auch nicht alles tierernst zu nehmen, was da so kommt. Der angebliche Mangel am „Zuhören“ ist daher vorrangig oft eine reine Schutzbehauptung. Ähnlich ist es mit dem Wahrheitsgehalt, opportunistisches Verhalten zum eigenen Vorteil ist gang und gäbe. Exemplarisch dafür steht die „Piefke-Saga“, wo das Tourismus-Personal vor den deutschen Gästen unterwürfigst katzbuckelt, kaum ist dieses abgereist eben diese Gäste aber als Arschlöcher beschimpft – zumindest bis zur nächsten Saison.

Auch wenn das Resümee „Die Wähler haben immer recht“ als Fakt eines Wahlergebnisses zur Kenntnis zu nehmen ist gilt gleichermaßen der Bertolt Brecht im Zusammenhang mit seinem „Kälbermarsch“ von 1943 als Parodie auf das „Horst-Wessel-Lied“ der Nazis zugeschriebene, aber bereits 1874 auf einem Stimmzettel in Zürich dokumentierte Sager „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber“. Hat doch die Wahrheit verschiedene Facetten und ist laut Ex-ÖVP-Klubchef Andreas Khol eine „Tochter der Zeit“.

Obwohl kein Marxist hat Ex-US-Präsident Bill Clinton mit dem Sager „It´s the economy, stupid“ scharfsinnig erkannt, was letztlich Sache ist. Natürlich lässt sich nicht alles geradlinig auf diesen ökonomischen Aspekt, sprich Eigentums- und daraus resultierende Machtverhältnisse reduzieren, spielen doch politische, soziale, kulturelle und sonstige Aspekte mit eine Rolle und beeinflussen das Verhältnis von Basis und Überbau. Nun versucht aber der Wiener WU-Professor Michael Meyer unter dem Titel „It´s the culture, stupid!“ (Der Standard, 7.11.2018) das von den Füßen auf den Kopf zu stellen.

Er führt dazu zahlreiche Aspekte an, über die es sich nachzudenken durchaus lohnt. Freilich widerlegt sich der Autor gleichzeitig selbst, etwa wenn er beklagt, dass „der tiefe Respekt vor dem Arbeiter, der Arbeiterin und ihrem Können“ verloren gegangen ist. Das ist tatsächlich eine ernste Frage. Aber ist nicht gerade dies ein maßgeblicher Aspekt der Ökonomie? Geht es doch um das Verhältnis zwischen den Eigentümern der Produktionsmittel und jenen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen.

Die Wirtschaft ist bekanntlich ein weitgehend demokratiefreier Raum. Dort bestimmen die Kapitaleigentümer über Wohl und Wehe der Beschäftigten. Und ist es tatsächlich nur eine Frage der Kultur, wenn Menschen zunehmend durch Maschinen ersetzt und für überflüssig erklärt werden, wenn sich Kapitalisten zu „Arbeitgebern“ erklären, tatsächlich aber die Lohnabhängigen es sind, die alle Werte schaffen, sich die Kapitaleigner aber den Mehrwert unter den Nagel reißen und die eigentlichen Produzent_innen vom geschaffenen Mehrwert nur Brosamen erhalten.

Meyer weist zu Recht darauf hin, dass vor allem „Angestellte, Facharbeiter und Kleinbürger, die eher im ländlichen Raum wohnen und ökonomisch abgesichert sind“ den populistischen Rattenfängern auf den Leim gehen. Weil sie Abstiegs- und Globalisierungsängste plagen, weil sie fürchten, dass es ihnen bald deutlich schlechter geht als heute. Als wäre das keine ökonomische, nur eine rein kulturelle Frage.

Hauptmerkmal dieser Schichten ist es ja zunehmend, dass sie nach oben drängen, zu den „Besseren“ gehören wollen und dabei kräftig nach unten, gegen die Schwächeren, gegen Flüchtlinge, Migrant_innen usw. treten. Ganz nach dem Radlfahrerprinzip „Oben buckeln, unten treten“. Damit verbunden ist auch die „Sehnsucht nach dem starken Mann“, nach einer autoritären Politik, die alle scheinbaren Hindernisse aus dem Weg räumt, mit denen man sich nicht auseinandersetzen will, weil sie eine Harmonie stören, die es de facto gar nicht gibt. Die Verklärung der Vergangenheit, einer „guten alten Zeit“, sei es die Monarchie oder der Faschismus, gehört auch dazu.

Was dabei nicht hinterfragt, ja vielmehr sorgsam ausgeklammert wird, ist der globale Aspekt. Die kapitalistische Globalisierung hat die Welt klein gemacht: Es gilt als selbstverständlich überall hin und dies möglichst zu Dumping-Preisen reisen zu können. Ebenso Produkte aus den fernsten Ländern billigst hierzulande erstehen zu können. Über die Ausplünderung der Menschen in den Herkunftsländern redet man nicht, ebenso wenig über die Kosten für die Umwelt für sinnlose Transporte. Mit der größten Selbstverständlichkeit treten die Tourist_innen in aller Herren Länder in fast klassischer Kolonialmanier auf und wollen hinten und vorne von den „Ausländern“ bedient werden. Aber wehe, dieselben Ausländer wagen es, hierher zu kommen, schon gar als Flüchtlinge.

Das Ganze firmiert unter dem Titel „imperiale Lebensweise“ und unterstellt, dass die durch koloniale und postkoloniale Ausplünderung reich gewordenen Regionen für alle Zeit auf Kosten der restlichen Welt leben kann. Aber das wird nicht funktionieren, wie der Aufstieg Chinas zur ökonomischen Weltmacht zunehmend verdeutlicht.

Laut Meyer ist der Widerstand überforderter Kleinbürger gegen Frauenrechte, Homo-Ehe, Integration von Flüchtlingen der eigentliche Grund, warum so viele nach rechts außen abdriften. Unausgesprochene Schlussfolgerung dabei ist, man soll gefälligst die Hände von solchen „heißen Eisen“ lassen. Womit wohl Modelle Marke Russland oder China als „gelenkte Demokratien“ mit streng autoritärer Herrschaft und Ausgrenzung aller unerwünschten Gruppen propagiert werden sollen.

Die Frage stellt sich dabei keineswegs Markt kontra Staat: Denn sowohl im klassisch liberalen Westen als auch in autoritär regierten Ländern arrangiert sich der Markt stets mit dem Staat, wenn er ihn für seine profitablen Zwecke braucht. Und die Behauptung, rechte Parteien seien für weniger Staatseinfluss und für Deregulierung, mag für die Wirtschaft gelten, ganz sicher aber nicht für die Gesellschaftspolitik. Siehe etwa die Verbotspolitik der FPÖ, der sich ÖVP wie SPÖ bereitwillig unterwerfen.

Es erscheint heute geradezu nostalgisch, wenn das Stichwort „soziale Marktwirtschaft“ fällt. Erinnert das doch an eine Zeit als noch ein gewisser gesellschaftlicher Ausgleich als normal galt und nicht die Angst vor dem Morgen, vor sozialem Abstieg das bestimmende Moment war. Es war der Siegeszug des Neoliberalismus mit seinen Dogmen von Wettbewerb und Konkurrenz in allen Sektoren, der dieses Klima zerstört hat.

Dass dies keineswegs zu dem von Francis Fukuyama angesagten „Ende der Geschichte“ und einer harmonischen Gesellschaft führte müsste spätestens mit dem Crash von 2007/2008 klar geworden sein. Der Widersinn besteht darin, dass dieser Neoliberalismus gescheitert ist, sich aber kaum jemand eine Alternative zum Kapitalismus vorstellen kann. Trotz des ökonomischen Bankrotts – Stichwort Bankenkrise – hat sich das neoliberale Denken in den Hirnen der Menschen erhalten. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek hat das treffend auf den Punkt gebracht: „Es ist unschwer für uns, uns das Ende der Welt vorzustellen – siehe die zahllosen Apokalypse-Filme – aber nicht das Ende des Kapitalismus“. (Der Standard, 15.10.2011)

Bleiben die von Meyer beschworenen, aber leider verloren gegangenen „Werte“ als Kitt der Gesellschaft, die es wieder zu erringen gelte. Nun lässt sich über Werte herrlich philosophieren und daraus ein Bild zu zeichnen, wie Konflikte entschärft oder vermieden werden könnten. Doch welche Werte sind es tatsächlich wert gesellschaftlich relevant zu sein?

Angebliche Werte wie Heimat, Nation, Volk oder Religion können es in der globalisierten Welt von heute wohl nicht sein, grenzen sie doch stets einen mehr oder weniger großen Teil der Menschen als fremd, unangepasst, unchristlich usw. aus. Bleiben Werte wie soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Gleichberechtigung etc. Fragt sich nur, ob jene die nach mehr zuhören schreien, solche Werte wollen.

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