Schwerarbeit für Marxologen

Posted on 5. Mai 2018


Dreimal

Es entspricht einer gewissen Zwangsläufigkeit, dass zum 200. Geburtstag von Karl Marx (1818-1883) die Marxologen (und auch manche _innen) aller Schattierungen Schwerarbeit leisten müssen und Hochsaison haben. Aber wie schon Marx selbst erkannte gibt es nichts, womit man im Kapitalismus kein Geschäft und keinen Profit machen könnte und sei es auch nur die Vermarktung des Marxismus. Das gilt natürlich auch für die Flut von Marx-Büchern, Dokus usw. die zum 200er und schon davor erschienen sind.

Hatte man spätestens mit dem Zusammenbruch des realen Sozialismus den Marxismus definitiv für tot erklärt und das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama, 1992) ausgerufen, musste man unter dem Eindruck des Crashs von 2007/2008 am Finanzmarkt und in der Folge in der Realwirtschaft zähneknirschend einräumen, dass der alte Marx mit seiner Krisentheorie in Bezug auf den realen Kapitalismus dann doch nicht so unrecht gehabt hatte. Und das wird wohl nicht die letzte Krise gewesen sein.

Seither gibt es eine gewisse Renaissance in Bezug auf Marx, wenngleich man dabei möglichst das Wesentliche sorgsam zu umschiffen versucht. Soll doch verhindert werden, dass allzu viel Einsicht zum Handeln der Betroffenen führt. Etwa wenn der SPÖ-Europaabgeordnete Josef Weidenholzer Marx zum Weltkulturerbe erklären möchte. Was zwar sehr ehrend ist, aber für ein Museumsstück ist der Marxismus doch wohl doch immer noch zu lebendig.

Marx war ein Visionär und vieles was sich, angefangen vom „Kommunistischen Manifest“ bis zu seinem Hauptwerk „Das Kapital“, in seinem Wirken findet ist heute in den Grundzügen immer noch so aktuell wie vor 150 Jahren. Auch wenn Marx filmisch als „deutscher Prophet“ abgehandelt wird war er viel zu sehr auf Fakten orientiert als ein Wahrsager zu sein. So gesehen konnte er natürlich beim besten Willen nicht alles vorhersehen, was sich seit 1848 getan hat. Darum geht es aber auch gar nicht.

Die Kernpunkte des Marxismus, nämlich die Bewegungsgesetze des Kapitalismus, die Funktion des Mehrwerts, die Eigentumsfrage, der Klassenkampf, die Globalisierung oder die Dialektik sind natürlich heute wie damals Teufelszeug für die herrschende Klasse. Daher bemühen sich ihre Lohnschreiber mit aller Kraft Marx wo immer es geht zu denunzieren oder sich gar, wie etwa der oö FPÖ-Chef Manfred Haimbuchner, als die besseren Marx-Kenner auszugeben.

Ein besonderes Schauspiel dazu bietet die für ihre reaktionäre Schlagseite bekannte „Presse“-Kommentatorin Gudula Walterskirchen, die Marx als „Gewaltverherrlicher und Antisemit“ darstellt (Die Presse, 30.4.2018). Nun braucht man natürlich Marx nicht schönzufärben und seine dem damaligen Zeitgeist geschuldeten antisemitischen Spitzen gegen Lasalle und andere zu rechtfertigen. Daran ändert nichts, dass Marx selbst aus einem jüdischen, dann zum Christentum konvertierten Elternhaus stammte. Aber seine ökonomischen und gesellschaftspolitischen Analysen hatten mit Antisemitismus nichts zu tun. Außer man will Kapitalkritik per se als antisemitisch interpretieren wie es die rechtsextremen Ideologen mit ihrer Unterscheidung zwischen dem raffenden und schaffenden Kapital versuchen.

Mit der Gewaltverherrlichung ist es freilich so eine Sache, wenn sich die Verteidiger des Kapitalismus als Gesellschaftsordnung nach dem Motto „There ist not Alternative“ (so die britische Ex-Premierministerin Margaret Thatcher) auf dieses Glatteis begeben. Ist doch das „Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend“ (Karl Marx, Kapital I, MEW 23) zur Welt gekommen und hochgekommen. Was Marx hier vorgeworfen wird ist, dass er nämlich die Rolle der Gewalt in der Geschichte im Zusammenhang mit der Erkenntnis des Klassenkampfes sehr treffend analysiert hat.

Wenn Walterskirchen & Konsorten hier die Moralapostel der angeblichen Gewaltlosigkeit spielen sollten sie sich in den Spiegel schauen und beispielsweise damit beginnen die Motive der Rüstungsindustrie als einem wesentlichen Faktor des Kapitalismus zu hinterfragen. Aber das fällt wohl unter „freie Marktwirtschaft“, man liefert schließlich nur Waffen und ob die auch verwendet werden geht uns ja nichts an – oder? Schließlich gilt heute noch immer: „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv und waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.“

Da regt man sich darüber auf, dass es in Wien den Karl-Marx-Hof, einen Friedrich-Engels-Platz und sogar ein Denkmal für Che Guevara gibt – angeblich die Apostel der Gewalt schlechthin. Dass in jeder Gemeinde auf Kriegerdenkmälern das Völkerschlachten des Ersten und die Nazi-Kriege des Zweiten Weltkrieges verherrlicht werden ist hingegen kein Thema. Ebenso wie die diversen Denkmäler und Straßennamen für Schlächter wie Conrad von Hötzendorf und andere Militärführer der Monarchie. Aber die „problematischen Aspekte“ werden nur bei Karl Marx gesehen, so der Appell an die „Glaubwürdigkeit der Linken“.

Zum Generalangriff auf Marx ist auch Karl-Peter Schwarz angetreten (Die Presse, 3.5.2018), der langjährige Auslandskorrespondent der „Presse“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ – bekannt als das „steinerne Zeughaus der Reaktion“ (Alfred Andersch) – will endlich Karl Marx vom Sockel stoßen und vergleicht den Denker Marx in einem Aufwaschen mit dem Täter Adolf Hitler. Bitter muss er dabei freilich konstatieren, dass der griechische Ex-Finanzminister Yannis Varoufakis „leider recht“ hat, wenn er im Vorwort zu einer Neuauflage des „Kommunistische Manifest“ konstatiert, das der „Geist des Kommunismus“ nicht verschwunden ist. Dass Schwarz dazu die renommierte „New York Times“ als zur „US-Prawda verkommen“ abstempelt, weil sie „Happy Birthday, Karl Marx. You were right!“ titelte zeigt freilich nur seine Hilflosigkeit.

Umso mehr müht sich der „Presse“-Kolumnist Marx´ Mehrwerttheorie zu widerlegen und bemüht dazu den österreichischen Nationalökonomen Eugen von Böhm-Bawerk. Nicht die Aneignung des aus der lebendigen Arbeit der Lohnarbeiter_innen herausgepressten Mehrwerts durch die Kapitaleigentümer schaffe das Kapital, sondern die Kaufsucht der Konsument_innen, so die Gegenthese. Ja wenn das so ist, dann schaffen wir doch die Kapitaleigentümer_innen umgehend ab und vergesellschaften die Produktion. Aber so hat es Schwarz wohl nicht gemeint.

Und die von ihm gepriesenen Segnungen des sich angeblich „bester Gesundheit“ erweisenden Kapitalismus die sich in steigendem weltweiten Wohlstande niederschlagen lassen daran zweifeln, dass der Marx auch nur ansatzweise verstanden hat. Wie soll auch interpretiert werden, dass heute 500 Konzerne und eine Handvoll Milliardäre faktisch die Welt beherrschen.

„Seine Rezepte sind kriminell“ wird Marx von Schwarz vorgeworfen und er kommt einmal mehr nach dem Rezept des „Schwarzbuch des Kommunismus“ mit den Opfern in jenen Staaten, die sich auf Marx berufen haben. Ohne das schönfärben zu wollen sei die Frage gestattet, ob nicht der Kapitalismus in seiner gut 200-jährigen Geschichte wohl ungleich mehr Opfer gefordert hat: Stichwort Industrialisierung, Kolonialismus, Kriege, Faschismus, Freihandel. Aber das natürlich ganz demokratisch und damit wird es wohl legitimiert.

Geradezu lustig ist die Warnung vor dem „totalen Staat“ vor dem Hintergrund des 21. Jahrhunderts. 1948 konnte George Orwell mit seinem Buch „1984“ noch ein Zerrbild des Kommunismus zeichnen, aus heutiger Sicht wirkt das freilich geradezu lächerlich, denkt man daran wie der bürgerliche Staat durch eine Überwachungsmanie sondergleichen „seine“ Bürger_innen überwacht und bespitzelt, kräftig unterstützt von diversen Gemeindiensten und den Internet-Multis Marke Google, Facebook und Konsorten. Freilich passt dazu die medial herbeigeschriebene Sehnsucht nicht weniger Menschen nach einem „starken Mann“ und einer autoritären Politik mit dem Irrglauben, das würde nur die „Anderen“, etwa die „Ausländer“, „Sozialschmarotzer“, „Linken“ usw. betreffen und nicht einem selbst. Wie wahr, „der Staat stirbt nicht ab, er wird immer brutaler“, auch hierzulande in Österreich, Herr Schwarz, dafür sorgen schon Kickl & Konsorten.

Wenn in der als Stimme des Kapitals geltenden „Presse“ die Generalabrechnung mit Marx vollzogen wird kann im Wetteifern um die beste neoliberale Schreibe „Der Standard“ nicht zurückstehen. Dort müht sich Ronald Pohl (Standard, 5.5.2018) auf ähnliche Weise ab. Beginnend damit, dass ihn Marx´ Definition des menschlichen Wesens als „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ in seiner zarten Seele stört und er über Marx meint „eigentlich hatte ihn auch niemand um seine Meinung gefragt“. Gegenfrage: Wer hat Ronald Pohl um seinen Sermon gefragt? Mit solcher Diktion führt man die vielzitierte und als Wesensmerkmal der „freien Gesellschaft“ angeführte Meinungsfreiheit in aller Deutlichkeit ad absurdum.

Der Blick von Marx auf den Kapitalismus war immer objektiv, etwa wenn er ihm beginnend im „Manifest“ eingeräumt hat historisch gesehen eine positive Rolle gespielt zu haben und „ungeheure Kräfte an Produktivität freizusetzen“. Wenn Pohl freilich meint „ökonomisches Elend stiftet, auf verzwickte Weise, Freiheit“ glorifiziert er eigentlich nur die Freiheit der einen Kapital zu besitzen und die „Freiheit“ der anderen mangels solchen Besitzes darauf angewiesen zu sein, zwecks Existenzsicherung ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Daraus freilich abzuleiten, dass der von Marx erkannte Mehrwert nur eine „Suggestivkraft“ sei ist doch ziemlich kühn.

Auch mit der Historie hapert es in der Pohlschen Argumentation, wenn er versucht Marx dadurch zu widerlegen, dass zu seinen Lebzeiten kaum „Arbeitermassen, in der Fabrik zusammengedrängt“ zu verzeichnen waren. Mit dem Nachweis von Konzentration und Zentralisation des Kapitals hat Marx freilich schon damals die Herausbildung gigantischer Konzerne erkannt – und damit zwangsläufig auch die Herausbildung der Arbeiter_innenklasse.

Richtig ist, dass die These, dass aus der „Klasse an sich“ die „Klasse für sich“ herauszubilden habe zwar für die Anfänge richtig war, diese aber mit fortschreitender Differenzierung der Lohnabhängigen in den industrialisierten Ländern infolge von erkämpften Errungenschaften, einem bestimmten Wohlstand auf Kosten der Peripherie, zunehmender Individualisierung und natürlich auch einer Anpassungsfähigkeit des Kapitalismus durch die einen oder anderen Brosamen zunehmend in Frage gestellt wurde und Arbeiter sein nicht gleichbedeutend ist mit revolutionär zu sein. Was freilich nichts daran ändert, dass eine Welt in welcher 80 reiche Familien so viel besitzen wie die untere Hälfte der Weltbevölkerung ein Hohn auf jeden auch nur elementaren Anspruch an Gerechtigkeit ist und Veränderung geradezu erzwingt

Auch im selbsternannten „Landeshauptblatt“ namens „OÖN“ gibt man den zeitgeistigen Senf zum Marx-Jubiläum dazu. Der oberösterreichische Haus- und Hofhistoriker Roman Sandgruber beklagt „Der Marx-Kult ist nicht tot“ (OÖN, 5.5.2018) und jammert „Marx geistert immer noch durch die Geschichte“. Dem gilt es entgegenzuhalten und so erklärt Sandgruber kühn, Marx´ „ökonomisches Denkgebäude ist überholt und war nie richtig.“ Und ähnlich wie in der „Presse“ stört ihn, dass es in Steyr immer noch eine Karl-Marx-Straße und einen Karl-Marx-Hof gibt. Als Trost bleibt ihm nur, dass in Linz die 1919 benannte Karl-Marx-Straße 1934 umbenannt wurde. Da hat für Sandgruber der Austrofaschismus doch auch eine gute Seite gehabt.

Marx´ Stärke liegt in der Analyse des kapitalistischen Systems. In seinem monumentalen Werk „Das Kapital“ hat er Wesentliches dazu geleistet. Und wer ihn verstanden hat wundert sich auch nicht über die Wandlungsfähigkeit und Zählebigkeit dieses Systems. Wer Marx´ Theorie von der „Allgemeinen Krise“ verkürzt in Richtung eines bevorstehenden Zusammenbruchs interpretiert wird immer wieder enttäuscht werden. Und doch kann ganz im Sinne eines dialektischen Geschichtsverständnisses diese Gesellschaft nicht das Ende der Geschichte sein. Genauso wenig wie übrigens auch ein kommunistisches System das Ende der Geschichte sein kann. Dafür sorgt wohl schon die Dialektik.

Sosehr Marx von der Möglichkeit und Notwendigkeit der Überwindung des Kapitalismus überzeugt war, so wenig hat er sich auf ein Idealbild eines künftigen Sozialismus festgelegt. Diese „Mühen der Ebenen“ (Bertolt Brecht) zeigten sich nach der russischen Oktoberrevolution von 1917 und in anderen Ländern nach 1945. Dass hier die Rolle der Gewalt überstrapaziert wurde steht außer Zweifel, was letztlich auch mit ein wesentlicher Grund für das Scheitern des sowjetischen Modells und der Pervertierung zu einem neoliberal-kapitalistischen Modell in China war.

Aber Aufschwung und Niedergang gehören zur normalen Entwicklung in der Menschheitsgeschichte. So gesehen haben seine Erkenntnisse nichts an Wert verloren, sind es vielmehr wert immer wieder neu gelesen und auf die Ereignisse der heutigen Zeit hinterfragt zu werden. Denn wie Marx so treffend bemerkte „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt drauf an, sie zu verändern (Marx, Thesen über Feuerbach). Weil nämlich „es gilt alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes Wesen ist“.

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