Im journalistischen Elfenbeinturm

Posted on 19. März 2018


Nimmt

Natürlich ist es ärgerlich, wenn der Paketzusteller eine Hinterlegungsanzeige mit der Botschaft „Leider haben wir uns verpasst“ hinterlässt, weil angeblich niemand zu Hause war und auf einen neuen Zustellungstermin oder die Abholung des Pakets irgendwo verweist. Soweit könnte man „Standard“-Kommentator Hans Rauscher durchaus beipflichten.

Aus Rauschers Lamento wird freilich deutlich, dass ihm die prekarisierte Welt der Paketzusteller völlig fremd ist. Geht er doch mit keinem Wort auf deren skandalösen Arbeitsbedingungen ein. Durchwegs zur Selbständigkeit gezwungen, ein Fahrzeug auf eigenes Risiko zu betreiben, keinen Parkplatz zu finden und ungedankt im Laufschritt in den x-ten Stock zu laufen um das Tagessoll und damit ein Minimaleinkommen einigermaßen zu erreichen. Das kann sich ein hoch- und überbezahlter im Elfenbeinturm sitzender Starjournalist natürlich nicht vorstellen.

In bester neoliberaler Manier verkündet Rauscher „Wir sind die Kundschaft!“ und erwartet einen Full-Service zum Schnäppchenpreis. Diese Botschaft richtet er freilich nicht an die profitscheffelnden Konzernherren von DHL, UPS und Konsorten, sondern an die armen Teufel, die Sklavenarbeit in der wundervollen Konsumwelt leisten müssen.

Nun ist Herr Rauscher dafür bekannt, dass er den Sozialstaat für überzogen hält und das durchaus bewährte Pensionssystem krankschreibt, im Klartext den Profitgeiern die Mauer macht, die alles was irgendwie nach sozial klingt zum Geschäftsmodell zu machen. Dass er Vermögens- und Erbschaftssteuern strikt ablehnt ergänzt diese Einstellung.

Zeitgleich mit Rauschers Wehklagen hat Post-Boss Georg Pölzl die Verdoppelung der Selbstbedienung im Paketgeschäft verkündet. Bekanntlich wurde die Post 2006 von der schwarz-blauen Regierung mit tatkräftiger Unterstützung der damaligen „Oppositionspartei“ SPÖ teilprivatisiert. Seither gilt das Gesetz der Dividende. Mit dem Kahlschlag bei den Postämtern und Umwandlung der verbliebenen in Gemischtwarenhandlungen, rigiden Personalabbau und permanenter Verunsicherung der Beschäftigten wird das letzte herausgepresst um den Aktionär_innen eine maximale Dividende zu zahlen, wenn nötig auch auf Kosten der Substanz.

Dazu gehört neben massiven Verteuerungen der Postdienstleistungen auch die systematische Ausweitung der Selbstbedienung. Und man fragt sich, wann es soweit ist, dass man Briefe und Pakete am besten wohl überhaupt gleich selbst zustellen muss. Da müsste Rauscher ja seine helle Freude haben ob einer so gründlichen Sanierung ganz nach den Ansprüchen des von ihm so verherrlichten neoliberalen Kapitalismus.

Warum sich Rauscher aber dann über die politischen Verwerfungen wundert, die aus der so erzeugten systematischen Verunsicherung der Lohnabhängigen die in einem immer größeren Ausmaß in prekäre Arbeitsverhältnisse wie Teilzeit, Geringfügigkeit, Scheinselbständigkeit, Leiharbeit usw. abgedrängt werden ist eine berechtigte Frage. Denn sich über den Vormarsch des rechtsextremen Populismus und die Politik von Hass und Hetze aufregen passt so gar nicht damit zusammen, dem Neoliberalismus die Mauer zu machen. Rauscher sei daher der Spruch von Max Horkheimer ins Stammbuch geschrieben: „Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

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