Verhöhnung am Wohnungsmarkt

Posted on 20. Februar 2018


Mietwucher !

Mit einer Studie, gestützt auf Daten der Statistik Austria, hat die Wiener Arbeiterkammer kürzlich die Dramatik des Anstiegs der Wohnkosten verdeutlicht: Demnach stiegen von 2008 bis 2016 bundesweit der Verbraucherpreisindex um 14,3 Prozent und die verfügbaren Einkommen um 22,1 Prozent. Während der Anstieg der Betriebskosten mit 16,9 Prozent noch moderat war, stiegen die Bruttomieten um 31 Prozent und die Hauptmietzinse sogar um 35,2 Prozent, also um das Zweieinhalbfache der Inflation, in Wien sogar um 43,3 Prozent, also dreimal so stark wie die Inflation.

Auch in Oberösterreich ist die Verteuerung des Wohnens alarmierend, wie sogar das selbsternannte „Landeshauptblatt“ nicht verschweigen kann (OÖN 10.2.2018). Von 2006 bis 2016 stieg der Preis für neue Eigentumswohnungen um bis zu 39 Prozent (Bezirk Gmunden), für gebrauchte Eigentumswohnungen um bis zu 44 Prozent (Bezirk Rohrbach) und für Wohnungsmieten bis 60 Quadratmeter sogar bis 64 Prozent (Bezirk Vöcklabruck). Spitzenreiter ist freilich in allen drei Kategorien der Bezirk Linz-Stadt: Hier kosten im Schnitt neue Eigentumswohnungen 2.801 Euro und gebrauchte Eigentumswohnungen 2.107 Euro pro Quadratmeter, Wohnungsmieten im Schnitt 8,70 Euro pro Quadratmeter.

Um nicht die Ursachen dieser Entwicklung, die leistbares Wohnen für immer mehr Menschen zunehmend verunmöglicht, ansprechen zu müssen hat Simon Spendlingwimmer vom Haus- und Grundbesitzerbund Linz „Sieben wertvolle Tipps für günstiges Wohnen“ parat. Denn der feine Herr will nicht über Spekulation mit Grundstücken und Immobilien, über Vorsorgewohnungen die hohe Mieten zur Folge haben, über die Profite von Baukonzernen und Banken als Finanziers oder über ein längst reformbedürftiges Mietrecht um leistbares Wohnen durch klare Mietzinsobergrenzen zu ermöglichen reden. Seine Tipps sind ganz anderer Art.

Etwa „Weniger Wohnfläche“ zu beanspruchen: Wem die Miete zu hoch oder Wohnungen zu teuer sind, soll einfach die Größe reduzieren. Wahrscheinlich ist für Spendlingwimmer das „Einlegerwesen“ des 19. Jahrhunderts durchaus vorstellbar, wo sich möglichst viele Menschen ein Bett teilen und im Schichtbetrieb schlafen. Nun sind natürlich Wohnungen oder Eigenheime mit 130 Quadratmeter oder mehr Luxus, dessen Förderung mit Wohnbauförderungsmitteln unverantwortlich ist. Aber für eine Familie mit einigen Kindern macht es schon einen Unterschied ob sie sich eine Wohnung mit 90 Quadratmeter leisten kann oder es auch 70 oder gar 50 genügen sollen.

Der zweite Tipp von Spendlingwimmer lautet „Billiger auf dem Lande“. Wem also die Stadt zu teuer ist, soll möglichst im hintersten Mühlviertel wohnen. Dort ist es zwar billiger, doch gibt es keine Jobs, ergo muss in die Stadt gependelt werden. Das hat nicht nur Stau ohne Ende zur Folge, sondern kostet auch entsprechend. Also eher ein Nullsummenspiel.

Tipp Nummer drei: „Genau recherchieren“. Das ist grundsätzlich immer gut, doch wenn dazu ausdrücklich der Makler empfohlen wird ist das purer Zynismus. Kassiert doch dieser nicht nur bei ausdrücklichen Auftrag durch Mieter_innen, sondern sogar, wenn er von der Eigentümerseite eingeschaltet wird. Im Klartext wollen die Immo-Haie mit der Wohnungsnot in jedem Fall ein Geschäft machen.

Wem das nicht genügt soll „Selbst Hand anlegen“, also Reinigung, Grünanlagenpflege oder Winterdienst selber erledigen um die Betriebskosten zu senken. Was freilich nichts daran ändert, dass die Hauptmiete unverändert hoch bleibt.

Auch „Gemeinsam bauen und wohnen“ soll eine Lösung sein. Dabei wird sogar die von Jugendlichen, Studierenden oder Menschen mit wenig Geld ohnehin praktizierende Wohngemeinschaft empfohlen. Nicht erwähnt wird freilich, dass dabei Betroffenen im Falle von Mindestsicherungsbezug etc. bestraft werden, wenn nicht ihr individuelles sondern das Haushaltseinkommen aller WG-Wohnenden zugrunde gelegt wird.

Schlussendlich bleibt als Trost „Auf die Warteliste“. Gemeint ist die Anmeldung für angeblich „zahlreiche günstige Wohnungen“ bei gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften. Das ist freilich nur das brutale Eingeständnis, dass der berühmte freie Markt nicht in der Lage ist, das Grundrecht auf leistbares Wohnungen auch nur ansatzweise zu erfüllen. Einmal mehr wird also das neoliberale Dogma „Privat ist besser als Staat“ ins Gegenteil verkehrt, wenn sich herausstellt, dass es im Kern nur zum Zwecke der Profitmaximierung für die Eigentümer funktioniert.

Angesichts solcher Ratschläge würde man am liebsten „Selbst Hand anlegen“ und den bescheuerten Urhebern solcher „Tipps“ wegen Verhöhnung aller die unter überhöhten Mieten stöhnen und vergeblich eine leistbare Wohnung suchen ein paar kräftige Watschen verpassen. Zumindest verbal.

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