Herr Koller und die Geschichte

Posted on 9. Juli 2017


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Die „Salzburger Nachrichten“ gelten allgemein als eine der wenigen Qualitätszeitungen in Österreich. Wenn es aber ums Eingemachte geht, zeigt auch dieses „Qualitätsorgan“, wie man so richtig die Sau rauslassen kann. Konkreter Anlass war zuletzt etwa die Entscheidung von Jungen Grünen mit der KPÖ die Wahlplattform KPÖ PLUS zu bilden.

Das passt nämlich dem stellvertretenden SN-Chefredakteur Andreas Koller so gar nicht ins Konzept und er sah sich genötigt den Jungen Grünen ordentlich die Leviten zu lesen. Ganz davon abgesehen, dass er der Meinung ist, dass die Jungen Grünen „offenbar zu Recht“ von der Grünpartei verstoßen wurden packte er die ganz große antikommunistische Keule aus um klarzustellen, mit wem sich die Jungen Grünen da so einlassen. Auch wenn Koller meint „man verdirbt ja anderen nur ungern die gute Laune“ so sah er sich doch genötigt seine eigene miese Laune an anderen auszulassen. Ganz in der Manier des berüchtigten „Schwarzbuch des Kommunismus“ griff Koller dabei ganz tief in die antikommunistische Mottenkiste und die üblichen Klischees aus um den Kommunismus wieder einmal so richtig auf Verbrechen und Terror zu reduzieren.

Nun braucht ja niemand ernsthaft zu bestreiten, dass in der Geschichte des Realsozialismus von 1917 bis 1991 und insbesondere in der Ära Stalins gravierende Fehlentwicklungen eines an sich guten Ansatzes, nämlich eine Gesellschaft der Gleichen zu schaffen, stattgefunden haben, woran der „reale Sozialismus“ letztlich auch scheiterte. Wenn Koller in Richtung Junge Grüne also ganz nach Kreisky meint „Lernen Sie Geschichte“, dann müsste er aber eigentlich wissen, dass sich die KPÖ sich schon längst mit diesem Teil ihrer Geschichte als Partei der einstigen kommunistischen Weltbewegung auseinandersetzt und eine selbstkritische Neubewertung ihrer zu Recht kritisierten jahrzehntelangen kritiklosen Haltung zum Realsozialismus elementarer Bestandteil ihrer Geschichtsauffassung ist. Doch das interessiert natürlich Koller in keiner Weise. Auch nicht die Tatsache, dass die KPÖ zwar wegen ihrer falsch verstandenen Solidarität mit der Sowjetunion durchaus zu Recht kritisiert werden kann, ihr selber aber selbst von Koller keine Verbrechen vorgeworfen werden können.

Überhaupt ist das so eine Sache mit der von Koller angezogenen Geschichte. Vergleicht man etwa die Geschichte des Katholizismus, dann könnte man diesen auch auf rund zweitausend Jahre Gewalt, Unterdrückung und Verbrechen reduzieren. Man denke nur an Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung, Kolonialisierung, Missionierung bis zur Absegnung einer Unzahl von Kriegen, Unterstützung der Herrschaft von Adel und Kapital bis hin zum Faschismus. Trotzdem wird niemand auf die Idee kommen die Kirche zur Verbrecherorganisation zu erklären.

Im Übrigen hat natürlich jede Partei das Kreuz ihrer jeweiligen Geschichte zu tragen und dies umso mehr, je älter sie ist: Die FPÖ ihr nach wie vor ungeklärtes Verhältnis zur NS-Ära das immer wieder reflexartig in Äußerungen ihrer Vertreter_innen hochkommt. Die ÖVP ihr nach wie vor ungeklärtes Verhältnis zum Dollfuss-Regime und zum Austrofaschismus, das sich etwa demonstrativ mit einem Dollfuss-Bild im ÖVP-Klub wiederspiegelt. Auch die SPÖ kann wegen ihres Deutschnationalismus in der ersten Republik, die mit dem „freudigen Ja“ von Karl Renner für viele einen fließenden Übergang in den NS-Faschismus ermöglichte und einen Konnex zur aktuell angepeilten Koalition mit der FPÖ zeigt, kritisiert werden.

Andererseits sollte auch Koller wissen, dass die KPÖ neben ÖVP und SPÖ keineswegs zufällig eine der drei Gründerparteien der zweiten Republik war, sondern weil sie im Kampf gegen das Nazi-Regime im Vergleich mit den beiden anderen Gründerparteien bzw. deren Vorgängerparteien die meisten Opfer im Widerstand gegen die NS-Herrschaft gebracht hat.

Warum Koller gleich die ganz große antikommunistische Keule ausgepackt hat ist auch klar. Geht es doch darum zu sanktionieren was nicht sein darf. Nämlich dass es die Jungen Grünen gewagt haben sich nicht unter dem Druck „ihrer“ Partei zu verbiegen und dass sie sich gar erdreistet haben mit der von Koller und Konsorten immer noch als „Outlaw“ verstandenen KPÖ zu kooperieren. Ein Sakrileg, das im Verständnis des neoliberalen Mainstreams einfach nicht sein darf.

Da toleriert man immer noch lieber, dass über Jahrzehnte hinweg eine rechtsextreme FPÖ hochgeschrieben wurde und nimmt deren Politik von Hass und Hetze in Kauf. Aber nach links ausschwenken, das darf einfach nicht sein, da gilt es mit allen Mitteln dagegenzuhalten. Die Erkenntnis von Thomas Mann „Der Antikommunismus ist die Grundtorheit unserer Epoche“ hat also immer noch ihre Gültigkeit. Ob Herr Koller Geschichte lernen oder gar verstehen will, steht auf einem anderen Papier.

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