Eine Frage der Sichtweise

Posted on 7. März 2017


SorgenChristian Knill, seines Zeichens Sprecher des Fachverbandes Maschinen Metallwaren Industrie (FMMI) und Scharfmacher bei den jährlichen Kollektivvertragsverhandlungen der Metallbranche, mühte sich kürzlich (Der Standard, 22.2.2017) um die Erklärung ab, wer die „Wirtschaft“ ist. Auslöser dafür war, dass AK-Präsident Rudolf Kaske im Zuge der Debatte über Mindestlöhne und Arbeitszeitflexibilisierung über die „Forderungen der Wirtschaft“ gesprochen hatte.

Nun ist der inflationär verwendete Begriff „Wirtschaft“ sicher ziemlich unscharf. Aber Knill geht es ja gar nicht um eine klare Unterscheidung zwischen Kapitalisten und Lohnabhängigen oder sozialpartnerschaftlich gesehen zwischen dem die Verhältnisse auf den Kopf stellendenden Begriffen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Ihm geht es schlicht darum uns einzutrichtern, dass die „Wirtschaft“ mit den „Arbeitgebern“ identisch ist, während die Beschäftigten schlicht ein lästiges, weil zu teures Anhängsel sind.

Pech nur für die herrschende Klasse, dass sie trotz Automatisierung und „Industrie 4.0“ bislang noch immer nicht auf das Personal verzichten kann, das – auch bei Einräumen unternehmerischer Leistungen oder Managertätigkeiten – eigentlich alle Werte schafft und damit auch den Reichtum der Eigentümer der Unternehmen, egal ob es sich um Familienbetriebe oder die Aktionär_innen von „gesichtslosen Konzernen“ handelt.

Knill stört, dass (nicht nur) in Österreich das freie Unternehmertum einen zunehmend schlechten Ruf hat. Dass Freihandel und Globalisierung als „Inbegriff allen Übels“ gelten obwohl doch die „weltweit agierende Wirtschaft“ es angeblich ist, die „Arbeit, Wohlstand und Zukunft für alle“ schafft. Bemerkenswert dabei ist, dass Knill als Vertreter der Industrie – deren Industriellenvereinigung formal ja gar nicht zum Kartell der Sozialpartnerschaft gehört – sich krampfhaft bemüht „gemeinsame Bilder und Ideen zu entwickeln“ und eine „qualifizierte und verantwortungsvolle Diskussion“ einfordert.

Bei der von ihm beklagten „eindimensionale Sichtweise“ dürfte er allerdings nicht in den Spiegel geschaut haben, sonst wäre ihm wohl bewusst geworden, dass es gerade seinesgleichen ist, die so „eindimensional“ sind. Ganz weinerlich bemüht er dazu die eigene 300jährige Firmengeschichte und zeichnet das Bild eines Familienbetriebes, das doch sehr krass im Widerspruch zum weltweiten Agieren eines Konzerns mit 32 Unternehmen, 2.000 Beschäftigten und einer 80prozentigen Exportquote steht.

Wenn sich Knill dabei rühmt von der Globalisierung zu profitieren so zeigt das auch das begrenzte Weltbild eines Unternehmers. Denn was für den eigenen Profit gut ist, muss für die Gesellschaft noch lange nicht segensreich sein. Und Fakt ist, dass die Globalisierung unter neoliberalen Vorzeichen eine zunehmende Schieflastigkeit zeigt: Nord gegen Süd, Kapital gegen Lohnabhängige – das gilt im nationalen, viel mehr aber noch im globalen Maßstab. Es zeigt ein ebenso bezeichnendes wie erschreckendes Ausmaß von Egoismus und Betriebsblindheit, nur das eigene exportorientierte Unternehmen als Maßstab zu sehen und die Welt darum herum auszublenden. Ist doch bekannt, dass extreme Exportabhängigkeit auch ihre Schattenseiten hat, vor allem wenn die Inlandsnachfrage mangels zu geringer Kaufkraft nicht mit der gewachsenen Produktivität Schritt halten kann.

Einmal mehr wird dabei aber auch verdeutlicht, dass hinter dem Dogma, nicht die Politik, sondern die Wirtschaft schaffe Arbeit, Wohlstand und Sicherheit, die Absicht steht, dass es Kapitalvertretern wie Knill am liebsten wäre, würden arbeits- und sozialrechtliche Standards und andere Hindernisse möglichst beseitigt, weil diese das Schaffen von Kapiteleignern und Management bremsen.

Die Perspektiven des Herrn Knill bleiben dann recht simpel: Noch flexiblere Arbeitszeiten, Senkung der Lohnnebenkosten, „intelligenter“ weil ungebremster Freihandel, als „Entbürokratisierung“ getarnter Abbau von in Jahrzehnten erkämpften Errungenschaften der Lohnabhängigen und ein auf die Bedürfnisse des Kapitals, also der „Wirtschaft“ maßgeschneiderte Bildungswesen.

Nun hat es freilich in der Geschichte immer schon auch Unternehmer gegeben, die über so offensichtlich der vordergründigen Profitvermehrung dienende Forderungen hinausgedacht haben. Etwa Henry Ford, der in der Erkenntnis, dass sein Unternehmen nur wirklich florieren kann, wenn die dort produzierten Autos auch möglichst viele Käufer finden, für eine ordentliche Entlohnung gesorgt hat. Auch dm-Chef Götz Werner oder Tesla-Chef Elon Musk, die zur Sicherung des Verkaufs seiner Produkte sich für ein – wenngleich neoliberalen Vorstellungen entsprechendes – Grundeinkommen einsetzen. Oder zuletzt Microsoft-Eigner Bill Gates, der als Reaktion auf Automatisierung und „Industrie 4.0“ für eine Robotersteuer eintritt.

Nun braucht man natürlich keine Illusionen in solche Unternehmer haben, natürlich ist und bleibt ihnen die Sicherung ihrer Profite ein Hauptanliegen. Der Unterschied zu ihren kleinformatigen Standesbrüdern hierzulande ist freilich, dass sie erkennen, dass die „freie Marktwirtschaft“ und der schrankenlose Wettbewerb eben nicht alles zur Zufriedenheit regeln und allzu kurzsichtige Ansichten wenig Zukunft auch für die eigene Klasse haben. Sie wollen ihren Profit natürlich langfristig sichern und ecken auch mit ihresgleichen an, denn auch die Bourgeoisie ist nicht immer so geschlossen, wie sie sich gibt.

Sogar Josef Urschitz, der stramm neoliberale Wirtschaftsredakteur der „Presse“, lehnt sich da „jetzt ein bisschen aus dem Fenster“ und fordert angesichts der massiven Trend zur Robotisierung und daraus entstehende Finanzierungsprobleme für die gesellschaftlichen Aufgaben von den „verkrusteten europäischen Lobbys“ neue Ansätze ein. Ja er warnt sogar, dass etwa beim Wegfall von der Hälfte derzeit 80 Mrd. Euro an Steuern und Sozialabgabe auf menschliche Arbeit nicht nur das „Sozialsystem Geschichte“, sondern auch „für den Staat Feierabend“ wäre, ergo ein gravierender Umbau des Steuer- und Sozialsystems erforderlich ist um nicht „eine Menge Failed States mit hohen Revolutionspotenzial“ zu produzieren.

Von solchen Denkansätzen ist freilich bei Knill, Leitl & Konsorten keine Rede. Hier herrscht tiefstes Sumpertum und alles was nur irgendwie auf Kosten der herrschenden Klasse geht, angefangen von Mindestlöhnen über Arbeitszeitverkürzung bis zur Wertschöpfungsabgabe ist für sie natürlich Teufelszeug. Kein Wunder, entspringt doch ihr Verständnis von „Wirtschaft“ ausschließlich den eigenen Interessen, auch wenn aus taktischen Interessen je nach Bedarf die Sozialpartnerschaft bemüht und die allzu willigen Partner namens ÖGB und Arbeiterkammer an die Kandare genommen werden.

Wenn von Wirtschaft die Rede ist, muss immer wieder betont werden, dass es immer noch die Lohnabhängigen sind, die mit ihrer Arbeit alle Werte schaffen und dem daraus resultierenden Mehrwert – den sich die Kapitaleigner zum überwiegenden Teil als Profit aneignen – den Reichtum der herrschenden Klasse sicherstellen. Es ist also alles eine Frage der Sichtweise.

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