Knallen was das Zeug hält

Posted on 30. Dezember 2016


feuerwerkEigentlich sind Freude und Harmonie die besten Glücksboten für ein neues Jahr. Doch viele können davon nur träumen, weil ihnen der Jahreswechsel durch Silvesterknaller, Rauch und Staub kräftig verdorben wird. Der Krach, den Feuerwerkskörper und andere pyrotechnische Gegenstände auslösen, stellt eine starke Belastung für breite Personengruppen dar. Kleine Kinder, alte und kranke Menschen sowie Besitzer_innen von Haustieren machen die pyrotechnischen Spektakel schwer zu schaffen.

Darüber hinaus steigt durch den Einsatz von Feuerwerkskörpern auch der Feinstaubpegel in der Luft massiv an. Auch werden Feuerwerkskörper meist in Ländern wie Vietnam, Indien oder China produziert und oft werden Kinder für die gefährliche und gesundheitsschädigende Herstellung der pyrotechnischen Gegenstände herangezogen.

Aber zumindest einmal im Jahr darf auch der „kleine Mann“ (Frauen rangieren hier deutlich abgeschlagen) die Sau so richtig raus lassen, nämlich wenn es darum geht es zu Silvester so richtig knallen zu lassen. Waren Feuerwerke im Mittelalter ein Privileg des Adels und später des aufstrebenden Bürgertums, so darf sich heute jeder an einem Quasi-Kriegszustand ergötzen, wenn es rundherum knallt was das Zeug hält.

Satte zehn Millionen Euro werden in Österreich auf solche Weise buchstäblich verschossen, davon fünf Millionen Euro für Raketen. Besonders beliebt sind mittlerweile sogenannte Batterie- und Verbundfeuerwerke. Mit einmaligem Anzünden werden dabei gleich hundert und mehr Euro verblasen und reichern die saubere Luft mit giftigen Schadstoffen an und erschrecken Mensch und Tier. Rein volkswirtschaftlich könnte man sagen, dass zumindest die Pyrotechnik-Branche recht gut davon lebt, immerhin entfallen etwa 80 Prozent ihres Jahresumsatzes auf Silvester.

Die Kehrseite des Spektakels: Rund 600 Österreicher_innen werden jedes Jahr zu Silvester wegen schwerer Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. 65 Prozent davon sind laut Kuratorium für Verkehrssicherheit unter 25 Jahre als, 20 Prozent sogar unter 15 Jahre. Hauptursache ist, dass – meist alkoholbedingt – beim Hantieren mit solchen Feuerwerken die Kontrolle verloren geht und das Ding vorzeitig explodiert. Dazu kommen regelmäßig durch Feuerwerkskörper ausgelöste Brände und sonstige Sachbeschädigungen.

Unter Eindruck dieser Fakten hat man zwar in den letzten Jahren einige Verschärfungen eingezogen. So dürfen seit 2016 sogenannte „Schweizerkracher“ nicht mehr verwendet werden. In Ortszentren oder im Umfeld von Spitälern, Altersheimen oder Kirchen dürfen nur mehr die für Jugendliche ab dem 13. Lebensjahr zugelassenen Feuerwerkskörper der Kategorie F1 verwendet werden. Knallkörper der Kategorie F2 dürfen nur von Jugendliche ab dem 16. Lebensjahr, solche der Kategorien F3 und F4 überhaupt nur von Profis mit Ausweis und entsprechender Ausbildung eingesetzt werden.

Wie wurscht manchen Händlern freilich diverse Beschränkungen sind zeigte sich in Tirol. Der Historiker Andreas Maislinger hat Interspar und Bauhaus sowie den Berufsgruppensprecher für Pyrotechnikhandel in der Wirtschaftskammer aufgefordert im Sinne der Rechtssicherheit jene Zonen zu nennen, in denen die von ihnen massiv beworbenen und verkauften Knallkörper der Kategorie 2 eingesetzt werden dürfen, wenn doch eine Verwendung in ganz Tirol im Ortsgebiet untersagt ist und nur wenige Bürgermeister_innen eine Ausnahmegenehmigung erteilt haben. Auf die Antworten – so ferne sie überhaupt erfolgen – darf man gespannt sein.

Davon abgesehen sind die Auswirkungen beim Abfeuern außerhalb von Ortsgebieten „prekär“, wie der Tiroler Landesfeuerwehrkommandant Peter Hölzl sagt. Angesichts der Trockenheit sei die Situation sogar „dramatisch“. Die Gefahr für Waldbrände sei sehr hoch. Das nur für Waldgebiete und Gefährdungsbereiche verhängte Feuerwerksverbot zum Jahreswechsel sollte überdacht werden. Wenn es weiterhin trocken bleibt „dann sollte man ein generelles Verbot in Erwägung ziehen“ meint der Feuerwehr-Chef.

Doch trotz aller Kontrollen und Strafandrohungen wird freilich weiter geknallt was das Zeug hält. Der „Zauber“ beginnt oft schon in den Weihnachtstagen und steigert sich dann sukzessive bis zum Jahreswechsel. Vor allem hat der Transfer von Knallkörpern aller Art – meist Billigprodukte aus ostasiatischer Kinderarbeit und aus verbotenen Substanzen wie Metallstaub hergestellt – aus der Tschechischen Republik im Dezember Hochbetrieb. Obwohl EU-Mitglied schauen die tschechischen Behörden bei solchen gesetzwidrigen Geschäften gezielt weg.

Wer bei Grenzkontrollen mit solchen Produkten erwischt wird muss freilich mit Strafen bis zu 3.000 Euro rechnen. Freilich ist ganz unabhängig von solchen fragwürdigen Importen die Versorgung gesichert. Gute tausend Verkaufsstellen vom Baumarkt bis zum klassischen Standl an der Straße sorgen allein in Oberösterreich für die Versorgungssicherheit mit Knallkörpern. Vom wachsenden Online-Handel erst gar nicht zu sprechen.

Allerdings gibt es auch zunehmenden Widerstand gegen diesen explosiven Unsinn, bei dem nicht selten auch Menschen die ohnehin kein Geld haben sich aus lauter Freude und Hetz und dem Irrglauben endlich zumindest feuerwerksmäßig auch einmal zur Hautevolee zu gehören finanziell verausgaben. Unter dem Druck von Menschen, die zu Silvester ihre Ruhe haben wollen und von Tierfreund_innen, denen das Wohl ihrer Haustiere am Herzen liegt, gibt es mittlerweile doch einige Einschränkungen:
– So wurde in Kärnten in einigen Bezirken mit Verweis auf die Brandgefahr durch extreme Trockenheit das Böllern verboten.
– In der Steiermark wurde die Landeshauptstadt Graz zu zur raketenfreien Zone erklärt, wobei die Stadt mit gutem Beispiel vorangeht und auch auf das klassische Feuerwerk am Schlossberg verzichtet.
– Auch in der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck herrscht wie bereits im Vorjahr ein Verbot, in den anderen Bezirken ist das Knallen streng reglementiert.
– Halbherzig bleibt im Vergleich dazu die Stadt Wels, wo lediglich Verkaufsstände für Feuerwerkskörper auf öffentlichen Grund nicht mehr erlaubt wurden. Die Händler werden halt auf private Grundstücke ausweichen.

Appelle an das Herz und die Vernunft der Pyrotechnik-Fans auf den Einsatz von Feuerwerkskörpern zu verzichten, waren bislang leider ziemlich vergeblich. Aber ein Silvester ohne die ohrenbetäubenden Kracher schont nicht nur die Nachbarschaft und Umwelt, sondern schließt auch schwere Verletzungen, zu denen es beim Hantieren mit pyrotechnischen Gegenständen immer wieder kommt, sowie immer wieder vorkommende Brände aus. In Städten wie Paris hat man mit dem Verbot von Feuerwerkskörpern in der Silvesternacht gute Erfahrungen gemacht.

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