Das verlorene Idol

Posted on 23. November 2016


rustungDer „Standard“-Kolumnist Hans Rauscher ist ein Zerrissener. So sehr er wortgewaltig gegen Rechtsextremismus und Populismus zu Felde zieht, so sehr ist er gleichzeitig ein im eisernen Korsett des neoliberalen Denkens Gefangener seiner selbst. Und merkt dabei nicht, dass die damit verbundene Politik – konzentriert etwa in der Linie der EU – die er so vehement verteidigt durch die damit ausgelösten Zukunfts- und Abstiegsängste vor allem der Mittelschichten jener Humus ist, auf dem der rechte Mist höchst üppig gedeihen kann.

Nun ist freilich Rauscher auch sein zweites Idol abhandengekommen. Schwer erschüttert vom Wahlsieg Trumps in den USA muss er am „American Way of Life“ verzweifeln und beklagt „Unser Amerika hat sich (zeitweise?) verabschiedet“. Verbunden mit einer Lobeshymne über die Segnungen von US-Kommerz und US-Kultur als bestimmend für den ganzen Planeten.

Als kleinen Schönheitsfehler ortet Rauscher lediglich den Vietnam-Krieg als „vollkommen unverständlich“. Sieht man sich freilich die von den USA betriebenen Interventionen seit ihrem Eintritt in die Reihe der Weltmächte Anfang des 20. Jahrhunderts an, ist Vietnam keineswegs ein Ausreißer, sondern Teil imperialistischer Strategie mit dem Anspruch wo überall möglich in der Welt die „Heimatfront“ gegen Bolschewismus, Terrorismus oder auch lediglich gegen die eigene kapitalistische Konkurrenz zu verteidigen – vom Attentat bis zur Atombombe. Von einer „Überdehnung“ kann da wohl nicht gesprochen werden. Dabei ist auch Rauschers Interpretation, der Vietnamkrieg wäre lediglich „am breiten Widerstand in den USA selbst“ beendet worden, ein Irrtum. Da hat er wohl die Rechnung ohne den Vietkong und die weltweite Solidaritätsbewegung gemacht.

Zu hinterfragen ist auch Rauschers Meinung, der 1989/91 gescheiterte „siegreiche Sozialismus“ hätte „nur Lügen zu bieten“ gehabt. Dass dieses Scheitern neben den Verbrechen des Stalinismus auch viel mit Selbsttäuschung und Schönfärberei zu tun hatte, sei außer Streit gestellt. Doch dem eine geradezu ideale, stets der Wahrheit verpflichtete Demokratie „Made in USA“ gegenüberzustellen ist doch sehr blauäugig. Bestes Beispiel ist das berühmte Telegramm des US-Zeitungskönigs Hearst 1898 an seinen Reporter in Kuba „Liefern sie die Fotos, ich liefere den Krieg“.

Überhaupt sollte Rauscher vorsichtig sein mit seiner Schuldzuweisung an den gescheiterten Sozialismus in Hinblick auf Gulags, Deportierte und Ermordete. Natürlich gibt es in Bezug auf die ehemalige Sowjetunion und ihre Satelliten nichts zu beschönigen. Aber bitte, was ist mit dem „Gulag“ in Guantanamo? Was ist mit den Millionen Opfern dutzender US-Interventionen weltweit? Was ist mit der Ausrottung von Millionen Indianern im eigenen Land? Wenn Herr Rauscher von einem „systemimmanenten russischen Expansionsdrang“ spricht der quasi in den Genen der Russen liegt sollte er diese Messlatte doch bitte auch für die USA anlegen.

Nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus 1989/91 löste sich der Warschauer Pakt auf und es gab die realistische Chance auch die NATO abzurüsten. Der Fall war freilich das Gegenteil, die NATO rückte systematisch bis an die russischen Grenzen vor. Ein Schritt, der von keinem Menschen ernsthaft als vertrauensbildend bezeichnet werden kann. Ohne die russische Politik zu beschönigen, aber sie ist durchaus berechenbar. Wenn dann in der Ukraine oder in Syrien Putin als Bösewicht dargestellt wird, soll doch wohl von der Schuld oder Mitschuld des Westens.

Inwiefern dass der „Soziopath“ Trump weltpolitisch ein Risiko ist, wird sich zeigen. Besorgnis ist angesichts seiner Ansagen, die freilich genau betrachtet durchaus in der Tradition jahrzehntelanger US-Politik stehen, durchaus angebracht. Dass die „uninspirierte, abgenutzte“ Clinton maßgeblich für das globale Agieren der USA zumindest in den Jahren 2009 bis 2013 verantwortlich war steht aber wohl auch außer Diskussion. Aber für US-Präsidenten, egal welchen Zuschnitts, gilt wohl ebenso unbestritten, dass sie den Wünschen des Militärisch-Industriellen Komplexes zu Diensten sein müssen. Eine Aufrüstung Europas, die Rauscher im Schlepptau Junckers forciert, ist aber wohl die falsche Schlussfolgerung daraus.

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