Mit den Massen irren?

Posted on 29. Juli 2016


Es ist schon bemerkenswert mit welchen Krümmungen manche sich links gebärdende Gruppen ihre Politik rechtfertigen wollen. Jüngstes Beispiel dafür ist der Aufruf der trotzkistischen „Neuen Linkswende“ zu einer (übrigens nicht einmal behördlich angemeldeten) Demonstration zur Unterstützung des Erdogan-Regimes in der Türkei anlässlich des schmählich gescheiterten Putschversuch von Teilen des Militärs.

Natürlich wurde nicht direkt aufgerufen den Despoten Erdogan und sein immer offener islamo-faschistischen Charakter annehmenden Regime zu unterstützen. Vielmehr hieß es als Rechtfertigung, dass die „einfachen Menschen“ den Militärputsch abgewehrt hätten und man sich auf die Seite der Massen zu stellen hätte.

Peinlich nur, dass sich umgehend ebenfalls sehr massenorientierte UTED, die von der türkischen Regierung gesteuerte Dachorganisationen islamistisch-nationalistischer Vereine wie ATIB in Österreich, den Aufruf freudig aufgriff und sich auf diese Demo draufsetzte. Daraus wurde, wie nicht anders zu erwarten war, ein nationalistischer Exzess mit einer „unglaublich aufgeheizten Stimmung“. Teilnahme der faschistischen „Grauen Wölfe“ und Gewaltattacken auf ein kurdisches Lokal in der Mariahilferstraße inklusive. Eine Demo, die „zu keinem Zeitpunkt kontrollierbar“ war, wie die „Neue Linkswende“ resümieren musste. Dass man selber stinkt, wenn man sich ins nationalistische Jauchebad begibt, dürfte aber durchaus wohl unbekannt sein.

Auch wenn es wohl eher eine Verschwörungstheorie ist, dass Erdogan den Putschversuch gegen sein Regime selbst inszeniert hat: Fakt ist, dass ihm dieser zum „Gottesgeschenk“ erklärte Putschversuch höchst gelegen kam um „seine persönliche Macht auszubauen und Gegner auszuschalten“ (NLW). Das Gelaber, dem mit Massenmobilisierung zu entgegnen, ist lächerlich. Denn wer derzeit in der Türkei mobilisiert, ist das eben Erdogan und das gilt auch für seine Handlanger in Österreich.

Erdogans Regime erinnert zunehmend an die an die Macht strebende NSDAP um das Jahr 1933: Mobilisierung der „Fünften Kolonnen“ im Ausland, der Prediger Gülen im US-Exil als Feindbild wie anno nazimal die Juden und angeblicher Drahtzieher des Putsches, Massenverhaftungen und Entlassungen von Richtern, Lehrern, Universitätsprofessoren, Selbstjustiz durch eine aufgeputschte Menge bis zur Wiedereinführung der Todesstrafe. Alles für das nationale Wohl. Wer sich als Linker nicht von einem solchen Regime möglichst weit fernhält, dem ist nicht mehr zu helfen.

Aber halt, die NLW argumentiert ihre krude Politphilosophie doch damit, dass Erdogans Terror von „Islamfeinden hierzulande für einen rassistischen Backlash gegen Muslim_innen verwendet“ werde. Und überhaupt sei das undifferenzierte Engagement für den Islam nur dazu gut, um hierzulande alles gegen die FPÖ zu mobilisieren. Die Linkswende praktiziert das mit simplen Sprüchen wie „Muslime willkommen“, offenbar egal ob dahinter ein liberaler Islam oder Hardcore-Islamisten stehen. Was für ein Anspruch, ist doch ein Markenzeichen linker Gruppen für Säkularität, für die Trennung von Staat und Religion einzutreten, wo doch schon Karl Marx die Religion als „Opium des Volkes“ charakterisiert hat.

Was in voller Naivität – oder ist es doch eine hinterfotzige Raffinesse? – übersehen wird, ist der ganz einfache Umstand, dass die FPÖ und die Erdogan-Partei AKP nur die zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Beide vertreten das Konzept einer völlig autoritären Politik, aufgeheizt und unterfüttert von einem grauslichen Populismus, der halt für die einen mit dem Islam, für die anderen mit dem christlichen Abendland identifiziert sind. Sich da den Islam auf die Fahnen zu heften ist nichts anderes, als ganz einfach in jenes offene Messer zu laufen, das die FPÖ schon seit langem versehen mit sinnigen Kickl-Slogans der Marke „Daham statt Islam“ bereit hält.

Sich auf „die Arbeiterklasse“, „das Volk“ oder einfach auf „die Massen“ zu berufen ist so alt wie auch so simpel, dass es meistens früher oder später einfach nur danebengehen muss. Dahinter steht ein Denken, bei dem es eigentlich weniger um die Parteinahme geht, sondern schlicht um den Versuch, durch Aufgreifen populistischer Anfälligkeiten politisch zu punkten. Doch nicht zum ersten Mal in der Geschichte können „die Massen“ irren. Und die angebliche politische Avantgarde mit ihnen.

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