Monarchistischer Rummel

Posted on 18. Juli 2016


In Bad Ischl ist eigentlich jedes Jahr ein Kaiserjahr. Doch 2016 ist ein echtes Kaiserjahr, weil vor hundert Jahren der 1830 geborene Kaiser Franz Joseph I. verblichen ist und dieser immerhin 83 Sommer seines Lebens in der Kurstadt zur „Sommerfrische“ verbracht hat. Gestorben ist er mitten in jenem Völkermorden, das er mit dem Ultimatum und der Kriegserklärung an Serbien im Sommer 1914 ausgelöst hat.

Ein solches Kaiserjahr muss natürlich entsprechend gefeiert werden. Die Medien überschlagen sich schon seit Jahresbeginn mit Beiträgen. „Krone“, „Presse“ und andere würdigen das Ereignis mit Dokus in Manier von „Spiegel Geschichte“ und alle versuchen den Monarchen ins beste Licht zu rücken und üben sich in vielfach verkitschter Geschichtsklitterung.

Vor allem menschelt es natürlich gewaltig: Ob mit Gattin Elisabeth von Bayern – bekannt durch unzählige Kitsch-Filme, Musicals und triviale Literatur als „Sisi“ – oder mit der Geliebten Katharina Schratt, der Kaiser blieb „der alte, einsame Herr in der Hofburg“ (kulturbericht oö, 0708.2016). Wir erfahren, dass Franz Joseph mit 15 Jahren seinen ersten Gamsbock erlegte und bis zum Lebensende sage und schreibe 55.000 Stück Wild eigenhändig abgeschossen hat und sogar die Zeit fand, darüber genaueste Aufzeichnungen zu führen. Geschossen wurde von ihm alles was vor die Flinte kam oder getrieben wurde, ohne viel Rücksicht auf die Regeln der Jägerei und Waidmannskonformität.

Wie könnte es anders sein würdigt die „Kaiserstadt“ Bad Ischl das Ereignis mit einer Ausstellung und rückt „unbeeindruckt von diesem Diskurs die privaten Seiten des Monarchen ins Zentrum der Betrachtung“ (kulturbericht oö). Und so muss Maria Sams, Leiterin des örtlichen Stadtmuseums zwangsläufig fragen „Was wäre Ischl ohne den Kaiser, was wäre der Kaiser ohne Ischl?“

„Er war ein PR-Strategie, der sein Konterfei für beinahe alles und jedes zur Verfügung gestellt hat“ wird die posthume Kaiser-Vermarktung als Fortsetzung seiner Herrschaft beschrieben. Ganz so, als ob solcher Personenkult nicht zum Wesen aller Monarchen schlechthin gehören würde, die stets „ihrem“ Volk ernsthaft einreden wollen, ihre Herrschaft sei gottgewollt, sie daher von ganz Oben dazu bestimmt über Jahrhunderte hinweg ihre Untertanen auszuplündern und in Kriegen zu verheizen.

Wenig Skrupel mit der Kaiser-Vermarktung hat natürlich der Tourismus und Bad Ischl ist dabei geradezu ein Weltmeister. Davon zeugen schon die gereizten Reaktionen des örtlichen Tourismusdirektors auf Presseaussendungen der KPÖ, in denen der Kaiserkult kritisiert wird. Kein Wunder, stört doch sowas das unpolitische, unkritische, pflegeleichte Kaiser-Bild. Die örtliche Geschäftswelt nützt seit Jahren den Kaiser-Geburtstag im August um gegen den Widerstand der Gewerkschaft, aber mit dem Segen des sozialdemokratischen Bürgermeisters einen Verkaufssonntag durchzusetzen. Dazu wird sogar behauptet, dass deswegen sogar Menschen aus Linz nach Ischl einkaufen kommen würden, weil es offenbar in der Landeshauptstadt keine Einkaufsmöglichkeit mehr gibt.

Die Austria-Guide-Fremdenführerin Luzia Gamsjäger macht aus dem Herzen der örtlichen Wirtschaft da gar keine Mördergrube: „Der Kaiser lebt in Ischl, was nicht heißt, dass wir uns die Monarchie zurückwünschen. Aber man muss auch die wirtschaftliche Seite sehen.“ Beim „Zurückwünschen“ ist man in Ischl ja recht offen: Wird doch seit Jahren ein Kaiser-Imitator engagiert, mit dem sich Tourist_innen via Selfie ablichten lassen und der für diversen monarchistischen Pomp eingesetzt wird.

2014 hatte man damit freilich Pech, als ein solcher „Volkskaiser“, mit bürgerlichem Namen Hermann Dicker aus Braunau, nach Bekanntwerden höchst origineller rechtsextremer Facebook-Postings wie etwa „Ich bekenne mich zu unserem Führer Adolf Hitler“, „Nach 80 Jahren ist genug ihr Juden Dreckschweine“, „Ich könnt alle aufgehängt, ihr Judenschweine“ und „Ihr Mauthausen Drecksschwein verschwindet“ rasch aus dem Verkehr gezogen werden musste. Und so mussten Bürgermeister Hannes Heide (SPÖ) und sein Tourismusdirektor Robert Herzog hektisch und unisono erklären: „Solches Gedankengut hat bei uns keinen Platz und solche Personen haben in Bad Ischl nichts verloren“.

Je weiter zurück, umso leichter tut man sich mit der Vermarktung: So konstatiert der Historiker Herwig Gottwald, dass der Kaiser in den 1960er Jahren in Ischl weitaus „nicht so aufdringlich präsentiert wurde wie seit den 1980er und 1990er Jahren“ (OÖN Hoamatland) als man begonnen hat ihn zur Marke zu machen um damit nostalgische Stimmungen nach der „guten alten Zeit“ zu bedienen: Kaiserpark, Franz-Josef-Straße, Kaiservilla, Kaiserstandbild, Kaiserfest – Bad Ischl ist in Hinblick auf monarchistischen Trubel wohl- und überversorgt. Dass man dann keinen Raum mehr hat um eine Straße nach der Widerstandskämpferin Theresia Pesendorfer, die maßgeblich für die Versorgung der Partisanengruppe „Willy Fred“ im Kampf gegen das Nazi-Regime hatte, zu benennen, muss man da doch wohl verstehen.

Seit Jahren ist zum Kaiser-Geburtstag am 18. August in Bad Ischl „high life“ angesagt. Frequentieren an normalen Augusttagen 12-18.000 Menschen die Pfarrgasse sind es beim Kaiser-Zug satte 32.000. Aber es ist ein völlig verkitschtes Bild, das der Stadt Bad Ischl da mit der Marke Kaiser aufs Auge gedrückt wird. An kulturellen Größen, die Ischl ihre Aufwartung machten wie Ferdinand Georg Waldmüller, Carl Spitzweg, Moritz von Schwind, Franz Grillparzer, Ferdinand Raimund, Karl Kraus, Adalbert Stifter und Nikolaus Lenau erinnert kaum etwas. Bezeichnend, dass musikalisch Ischl mit der Operette verbunden bleibt und zum „Bayreuth der Operette“ hochstilisiert wird – leichte unkritische Sommerkost also seit eh und je. Das von Ischl-Gast Robert Musil geprägte „Kakanien“ charakterisiert das alles recht treffend. Dem entgegenzusteuern, eine Aufgabe die sich Historiker Gottwald stellt, wird wohl nicht einfach sein.

Der jährliche Kaiserrummel erschöpft sich vorwiegend in einem Kostümfest mit militaristischem Tschindarassabumm und der mit Jagdtrophäen vollgestopften Kaiservilla. Historische Rekonstruktionen mit Einbeziehung der Alltagskultur früherer Zeiten, wie etwa im anglosächsischen Raum, in Skandinavien oder Frankreich üblich, sind nicht Sache der Tourismuswirtschaft, das stört doch nur die Geschäfte.

Franz Joseph I. war ein Monarch, der freilich schon in frühen Jahren in alten Zeiten steckengeblieben war. Beispielhaft dafür steht etwa sein Sager „Wer keine Handschrift hat, hat keinen Charakter“ als ihm sein Rittmeister von Bülow einen mit Schreibmaschine geschriebenen Manöverbericht vorlegte. Und auch mit dem Telefon konnte sich der Monarch nicht anfreunden und wurde ganz hektisch, wenn dieses läutete. Und das neumodische Teufelszeug namens Automobil benützte er „selten und ungern“. Wie überhaupt der im zarten Alter von 18 Jahren 1848 gekrönte Kaiser zwar in „einer Zeit gewaltiger ökonomisch-technischer Erneuerungen“ (Herbert Hutar, Wiener Zeitung, 28.5.2016) regierte, „er selbst scheint davon aber nicht allzu viel gehalten zu haben“.

Gesellschaftspolitisch stand er bei der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution von 1848 dafür, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und auf den Neoabsolutismus zu setzen, den lediglich die Bauernbefreiung überstand. Die fürchterlichen Zustände in den boomenden Fabriken und Großbaustellen wie der Semmering-Bahn oder der Wiener Ringstraße kümmerten Franz Joseph ebenso wenig wie Adel, Militär, Kirche und Bürgertum, sie waren aber maßgeblich für das Entstehen der Arbeiter_innenbewegung, zuerst in Form der Arbeiterbildungsvereine, 1888 mit der Gründung der Sozialdemokratie.

Auf einem anderen Sektor war der Kaiser hingegen ziemlich locker. In Ischl wurde gemunkelt, dass mehr als 80 Kinder in der Gegend auf sein Wirken zurückgingen. Was er natürlich dementierte, aber Wert darauf legte, dass für jene Kinder die bekannt waren, gesorgt wurde: Buben kamen als Waldarbeiter in die kaiserlichen Forstbetriebe, Mädchen als Hauspersonal in „gute Häuser“.

Die Monarchie gilt in Österreich seit der Ausrufung der 1. Republik am 9. November 1918 als abgeschafft, die habsburgischen Güter wurden konfisziert, die Adelstitel abgeschafft. Freilich war die Beseitigung der Monarchie keineswegs so konsequent wie bei der französischen Revolution 1789 oder der russischen 1917. Galt bis vor wenigen Jahren noch das Verbot für Angehörige des von 1273 bis 1918 herrschenden Hauses Habsburg bei der Bundespräsidentenwahl zu kandidieren umso ein Ersatzkaisertum zu verhindern, wurde dies mittlerweile aufgeweicht.

Zwar hätte der den Grünen nahestehende Habsburg-Spross Ulrich gerne 2016 kandidiert, doch fanden sich dafür nicht die von ihm gewünschten Protagonisten von SPÖ, ÖVP und Grünen. Dafür meinte besagter zur Wahlanfechtung der FPÖ allen Ernstes, das alles wäre bei einer Monarchie nicht passiert. Ganz nach dem Kaiser-Motto „Mir bleibt auch nichts erspart“. Soweit zum Anti-Monarchismus in Österreich. Der Zoologe Antal Festetics persiflierte unter Bezugnahme auf die Inflation kaiserlicher Relikte – von der Hofreitschule über den Kaiserschmarrn bis zur ORF-Sendung „Wir sind Kaiser“ – die Zustände recht treffend mit der Satire „Warum eigentlich nicht gleich die Monarchie?“ (Die Presse, 18.3.2016).

Allen Fakten zum Trotz wird die Rolle von Franz Joseph beim Beginn des 1. Weltkrieges bis heute schöngefärbt und bagatellisiert. Er sei ein Getriebener des Generalstabes und des deutschen Kaisers Wilhelm II. gewesen, heißt es da. Doch was waren die tatsächlichen Ereignisse?

Am 28. Juni 1914 wurde der Thronfolger Franz Ferdinand samt Gattin in Sarajewo ermordet. Einen Monat später am 28. Juli erfolgte in Bad Ischl zynisch und verlogen im „Rate der Vorsehung“ die Kriegserklärung des Kaisers Franz Joseph an Serbien als Ausgangspunkt für den 1. Weltkrieg. Auch namhafte Historiker stellen heute fest, dass der Kaiser schon zum Zeitpunkt des Attentats von Sarajewo vom festen Willen geprägt war, dies zum Anlass für einen Krieg zu nehmen.

Dass diese Kriegserklärung höchst abenteuerlich und realitätsfremd war, zeigt ein Blick auf die ökonomischen Kräfteverhältnisse: Im letzten Vorkriegsjahr 1913 hatte die habsburgische K.u.K.-Monarchie laut dem Wirtschaftshistoriker Max-Stephan Schulze gerechnet zu Preisen von 1990 eine Wirtschaftsleistung von 100 Millionen Dollar, das verbündete Deutsche Reich 237 Millionen. Dem stand eine Wirtschaftsleistung der Kriegsgegner Frankreich, Russland und dem Vereinigten Königreich von 623,5 Millionen Dollar gegenüber.

Doch bekanntlich ist das erste Opfer eines Krieges immer die Wahrheit. Und diese war schlicht so, dass Österreich-Ungarn zwar eine zunehmend verrottete Vielvölkermonarchie, aber desto trotz von imperialistischen Ambitionen, zumindest auf dem Balkan, geprägt war. Gar nicht zu reden von den wirklichen Großmächten Deutschland, Frankreich, England und Russland, die alle eine Neuaufteilung der Welt betrieben, wie in Lenins „Imperialismus“ treffend analysiert wurde.

Dass der am 28. Juli 1914 erklärte Krieg nicht ein kurzer, zu Weihnachten abgeschlossener Spaziergang für das blutdürstige Militär und den Kaiser war sondern sich zu einem Weltbrand mit zig Millionen Opfern und unsäglichen Leiden für Soldaten und Zivilbevölkerung auswuchs war nicht vorgesehen, ist aber historische Tatsache. Erst im Juli 1916, kurz vor seinem Tod, realisierte der Kaiser ansatzweise den Ernst der Lage und gestand seinem Flügeladjutanten Margutti „Die hungernde Bevölkerung im Hinterland kann auch nicht mehr weiter … Im nächsten Frühjahr mache ich aber unbedingt Schluss mit dem krieg. Ich will nicht, dass wir ganz und rettungslos zugrunde gehen.“ Doch dazu kam es nicht mehr, der Kaiser starb am 21. November 1916 und der Krieg ging, angetrieben von Militär, Rüstungsindustrie und Adel bis zum bitteren Ende weiter.

Umso widerlicher ist es daher, wenn ausgerechnet in Bad Ischl, in jener Stadt in der 1914 die Lunte für den vielfach als „Urkatastrophe“ bezeichneten Weltkrieg gelegt wurde, ein Kaiserkult sondergleichen betrieben wird und es Tourismusdirektor und Bürgermeister nicht lassen können, für den schnöden Mammon das Kaisertum zu verharmlosen und zu pflegen. Wem da nicht graust, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

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