Die Stunde der Egomanie

Posted on 12. April 2016


Dass die Bundespräsident_innenwahl ein Schauplatz begnadeter Selbstdarsteller_innen ist, liegt in der Natur der Sache einer solchen Persönlichkeitswahl. Mittlerweile haben sich aber die Reihen gelichtet und das Überangebot jener, die sich dazu berufen sahen an der Spitze des Staates zu stehen, hat sich auf sechs Bewerber_innen reduziert.

Neben offiziellen und inoffiziellen Parteikandidat_innen wie Rudolf Hundstorfer, Andreas Khol, Norbert Hofer sowie Alexander van der Bellen sind dies Irmgard Griss mit Industriellenkreisen im Hintergrund und der unvermeidliche Baumeister Richard Lugner als selbsternannter Politkasperl mit unvermeidlicher Gattin, aktuell mit Spitznamen „Spatzi“, im Schlepptau.

Auf der Strecke geblieben sind Kandidaten wie Gernot Pointner, der im Internet mit dem Hund spaziert und mit Hofer um das Erstgeburtsrecht bei Forderung nach sofortiger Entlassung der Bundesregierung streitet und sich mit dem Gruselprogramm eines Wutbürgers als Kandidat zum Fürchten zeigte. Oder der Ex-Richter Martin Wabl, der es zum viertenmal vergeblich versuchte. Weiters eine Kosmologin namens Karin Kolland, ein sich als „Betrugs- und Verbrechensopfer des Landes Niederösterreich“ verstehender Franz Stieger, ein Kapitän namens Gustav Jobstmann, der Unternehmensberater Adrienne Luxemburg und der Künstler Alois Merz

Ebenso gescheitert sind der pensionierte Bundesheer-Hauptmann Armin Thurner, Georg Zakrajsek als Vertreter der Initiative liberales Waffenrecht, ein Arzt namens Thomas Unden, der offensichtlich noch nie was vom hippokratischen Eid gehört hat und sich demonstrativ weigert Flüchtlinge zu behandeln, der für die Abschaffung des Bundespräsidentenamtes eintretende Rudolf Prutej für „Das moderne Österreich“ sowie Thomas Reitmayer vom Österreich-Ableger der Satiretruppe „Die Partei“ und Robert Marschall als Vertreter der EU-Austrittspartei und Herausgeber des Wiener Stadtmagazin Wien-konkret.at. Alles in allem also ein durchaus würdiger Querschnitt durch das Österreich von heute.

Sie alle scheiterten in großer Deutlichkeit an der bürokratischen Hürde der 6.000 Unterstützungserklärungen. Kurzfristige Ambitionen äußerte auch der Kaiser-Spross Ulrich Habsburg-Lothringen, ein mittlerweile parteiloser Ex-Grüner aus Kärnten, der sich vorstellen konnte, als Kandidat für Grüne, SPÖ oder ÖVP – oder am besten für alle drei Parteien gemeinsam – anzutreten, was nach der Aufhebung des seit Gründung der Republik geltenden Kandidaturverbotes für Angehörige des Hauses Habsburg, mittlerweile möglich gewesen wäre. Allerdings zeigten keine der angefragten Parteien an einem solchen „Ersatzkaiser“ Interesse. So gefragt ist die Wiederkehr der Monarchie aktuell also doch nicht.

Einen Achtungserfolg erzielte die von den Medien stets als ehemalige Millionenshow-Gewinnerin abgestempelte El Awadalla, auch wenn es dann doch nicht zur Kandidatur reichte. Dass diese Kandidatur scheiterte dürfte jedoch der relativ knapp verkündigten und doch eher einsamen Entscheidung dazu geschuldet sein. Über 5.000 Unterstützungserklärungen sind jedenfalls ein Zeichen für ein linkes Potenzial und im Vergleich zu den meisten anderen war Awadalla am nächsten der Ziellinie.

Im Vorfeld hatte in der Stunde der Egomanen vor allem der nö Landeshauptmann Pröll seine ÖVP bis zuletzt zum Narren gehalten und war schlussendlich zur Selbsterkenntnis gekommen, dass er nicht als Verlierer die politische Bühne verlassen möchte, sondern doch lieber als strahlender Landesfürst. An seiner Stelle wurde Khol aus dem Hut gezaubert. Als Draufgabe hat Pröll zwei Wochen vor dem ersten Wahlgang seinen Parteichef Mitterlehner einmal mehr brüskiert und im Alleingang eine Regierungsumbildung – Sobotka statt Mikl-Leitner als Innenminister_in – vollzogen. Aber auch der als „nicht raketentauglich“ (OÖN) definierte Hundstorfer und auch Hofer sind ausgesprochene Notlösungen ihrer jeweiligen Partei. Lange bitten ließ sich freilich auch van der Bellen, um sich dann wenig glaubwürdig als „unabhängig“ zu gebärden.

Nun ist also das offizielle Gerangel um das höchste Amt im Staate voll im Gange und es unterscheidet sich von früheren Bundespräsidentenwahlen doch sehr deutlich. Vor allem weil die beiden Kandidaten der Regierungsparteien Hundstorfer und Khol laut Umfragen ziemlich abgeschlagen rangieren und sich eher eine Stichwahl zwischen van der Bellen und Hofer abzeichnet. Dem Zweckoptimismus geschuldet hoffen die beiden angeblich staatstragenden Parteien SPÖ und ÖVP zwar immer noch, ihre Kandidaten in die Stichwahl pushen zu können, ob sie freilich dazu ihre Parteiapparate entsprechend auf Touren bringen können bleibt mehr als fraglich.

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