Verbaler Salonfaschismus

Posted on 14. Januar 2016


Die politische Sprache ist verräterisch, an ihrer Sprache sind jene, die anstelle einigermaßen demokratischer und sozialer Verhältnisse ein offen autoritäres Regime setzen wollen, unschwer zu erkennen. Es lohnt sich daher durchaus, so manches, was von zeitgeistigen Publizisten abgesondert wird wenn der Tag lang ist, auf den eigentlichen Kern abzuklopfen. Ein krasses Beispiel dafür ist der allwöchentlich in der großbürgerlichen „Presse“ kolumnnierende Christian Ortner, der sich selbst als „Zentralorgan des Neoliberalismus“ versteht.

Im Kommentar „Die Torheit der Regierten“ (Die Presse, 8.1.2016) versucht er die Regierenden gegen die Regierten aufzustacheln und macht dabei aus seinem neoliberalen Herzen und seinem autoritären Geist keine Mördergrube. So etwa beklagt Ortner im Gleichklang mit dem deutschen Wirtschaftspublizisten Stefan Baron die „allgemeine Sozialdemokratisierung in den vergangenen Jahrzehnten“ und den „verweichlichten und entmündigten Bürger, der in der Folge zwangsläufig verzwergt“. Gemeint ist der Umstand, dass im Ergebnis der Kräfteverhältnisse nach dem 2. Weltkrieg das Kapital Zugeständnisse an die Lohnabhängigen in Form des Sozialstaates machen musste, die man nach dem Wegfall der Systemkonkurrenz in den Jahren nach 1989 sukzessive zu eliminieren dabei ist.

Für Ortner und Konsorten führte diese „Sozialdemokratisierung“ freilich dazu, dass „große Teile unseres Volkes anscheinend derart verweichlicht“ wurden, dass sie „zu mutigen Entscheidungen gar nicht mehr in der Lage sind“. Was in einem von Ortner als ein im „gütigen Nanny-Staat verwalteten Zwergendasein“ schließlich auch gar nicht möglich ist.

Man darf fragen, welche „mutigen Entscheidungen“ der Kolumnist dabei wohl meint und wer diese wohl treffen soll. Sicher schwebt ihm dabei nicht als „mutige Entscheidung“ vor, dass „die da unten“ endlich „die da oben“ zum Teufel jagen, was längst an der Zeit wäre. Vielmehr redet er wohl dem „Mut“ der „oberen Zehntausend“ das Wort, ihre auf maßlosen Reichtum gestützten Herrschaft noch rigoroser und direkter auszuüben und die stets hinderliche Demokratie in ihre Schranken zu weisen.

Aber für Ortner bleibt, eher resignativ wiederum Baron zitierend, freilich ganz im Sinne eines durchaus nicht unbekannten Herrenmenschentums die Erkenntnis, dass „sich mit kleinen Menschen keine großen Dinge erreichen lassen“, wobei ihm durchaus bewusst ist, dass dieser „stahlharte Tonfall“ in Österreich nicht gerne gehört wird. Vielleicht weil er doch zu sehr an die „Stahlgewitter“ des Nazi-Philosophen Ernst Jünger erinnert, die Hitler mit seinem Sager „Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ zum Maßstab der dann für die deutschen Welteroberungspläne in den 2. Weltkrieg getriebenen Subalternen machte.

Ortner beklagt, dass in der Krise „die politische Klasse Schmerzstiller und Valium ausgeteilt“ hat, obwohl eine „schmerzhafte Operation notwendig“ gewesen wäre. Nun bemüht sich das neoliberale Kartell von Konservativen, Sozialdemokratie, Liberalen und Grünen seit Jahren mit voller Kraft um den Wünschen der herrschenden Klasse gerecht zu werden. Freilich für Ortner ist das immer noch zuwenig, er will ohne Schmerzstiller und Valium operieren. Abfedernde Maßnahmen sind nicht seine Sache. Er will Kapitalismus pur und brutal und vermisst eine „kurze, unangenehme Anpassungsrezession“ bei der Krisenbewältigung nach dem Finanzcrash von 2007.

Und er beklagt dabei so nebenbei auch, dass von der EU die „Sicherung der Außengrenze fahrlässig ignoriert“ wurde, statt sich mit einer „robust gegen illegale Einwanderung gesicherten Grenze“ in die „Festung Europa“ einzumauern. Überhaupt müsste die EU ihren Anspruch ernst nehmen und dürfe sich nicht „von allenfalls in Särgen heimkehrenden europäischen Soldaten“ irritieren lassen. Solche Töne hörte man bekanntlich auch zu Beginn der Jahrhundertkatastrophe von 1914.

Ortner bejammert, dass „schmerzhafte, aber wirksamer Therapien den verzwergten und weichgespülten Insassen der europäischen Wohlfahrtsvolksheime“ nicht mehr zumutbar sind. Das war natürlich in den Weltkriegsjahren ganz anders, da hat man sich mit solchen Verweichlichungen gar nicht erst abgegeben. Aber heute kommt nach seiner Lesart zur „Torheit der Regierenden“ die „Torheit der Regierten“. Da fehlt doch nur mehr der Ruf nach dem starken Mann, der endlich aufräumt mit dem lästigen sozialen, demokratischen und pazifistischen Müll. Es sind die „wirklich scherzhaften Operationen, seien sie ökonomischer, militärischer oder sozialer Art“ die Ortner so richtig geil findet. Und von denen er hofft, dass sie für die „sedierten Bewohner der europäischen Komfort-Kokons auf Pump“ möglichst bald zum „schmerzhaften Erlebnis“ werden.

Solche Rufe nach einem autoritären Regime, dass über alle elementaren Ansprüche von Demokratie und Chancengleichheit drüberfährt und dem aus Ortners Sicht proletarischem Pack endlich zeigt, was Sache ist, sind nicht neu. Man findet sie bei den autoritären Philosophen wie Nietzsche, Heidegger oder Jünger in unterschiedlichen Formulierungen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie geistige Wegbereiter des Faschismus als dem größten Verbrecherregime der bisherigen Geschichte waren, auch wenn sie sich in ihrer hochgeistigen Manier natürlich nicht mit der politischen Drecksarbeit abgegeben haben. Aber das haben sie mit Ortner gemeinsam. Der zwar sicher kein Philosoph, aber ebenso sicher ein Lohnschreiber des Kapitals und seiner reaktionärsten Tendenzen ist. Ein Beispiel für den ganz gewöhnlichen Salonfaschismus eben.

Dazu passt wie die Faust aufs Auge, dass der Begriff „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres 2015 auserkoren wurde. Jener Kampfbegriff also, mit dem das rechte Spektrum von gemäßigten Populisten Marke FPÖ bis zu Hardcore-Nazis seit Jahren alle diffamieren, die sich noch ein Mindestmaß an Menschlichkeit und Solidarität für sozial Schwächere, Flüchtlinge, Diskriminierte etc. bewahrt haben und gegen die wachsende rechte Hegemonie verteidigen. Auch dieser Begriff hat seine Geschichte: Schrieb doch Nietzsche schon 1887 über „Diese guten Menschen … sie sind allesamt jetzt in Grund und Boden vermoralisiert und in Hinsicht auf Ehrlichkeit zuschanden gemacht.“ Die Nazis hatten den Kampfbegriff freudig aufgegriffen. Hitler lästerte in „Mein Kampf“ über „diese oft seelenguten braven Menschen … die in ihrer politischen Betätigung dennoch in die Reihen der Todfeinde unseres Volkstums eintraten“ (Der Standard, 13.1.2016).

 

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