Die Vermarktung der Stadt

Posted on 23. März 2015


Unter dem Titel „Linzer Stadtentwicklung bleibt in Schwung“ hat Bürgermeister Luger kürzlich die wichtigsten Planungs- und Bauprojekte der Landeshauptstadt vorgestellt. Für wen Linz dabei in Schwung bleibt gilt es freilich bei so manchen dieser Projekte zu hinterfragen.

So sind etwa die ÖBB und die Post drauf und dran ihre freigewordenen Flächen in bester Lage möglichst profitabel zu vermarkten. Dementsprechend ist auf einem Teilareal des TS-Werkes Linz, der früheren Hauptwerkstätte, ab 2018 eine Nutzung durch „Neubauten für Handelsbetriebe und Büros“, im Klartext ein weiteres Einkaufszentrum vorgesehen. Als ob es nicht schon ein Überangebot an Einkaufszentren und einen beträchtlichen Leerstand von Büros in Linz gäbe. Ob sich die Planer mit dem Vorschlag der KPÖ anfreunden können, auf dem ÖBB-Areal an der Wiener Straße statt eines weiteren Konsumtempels einen öffentlichen Park zu errichten?

Und auch auf dem Areal des 2014 nach Allhaming übersiedelten Post-Verteilzentrums beim Bahnhof steht eine „Nutzung für Büros, Handel, Gewerbe und Logistik“ an. Das Post-Areal gewerblich zu nutzen ist sinnvoll, denn Wohnungen sind dort ohnehin nicht denkbar, zumal bei Realisierung des naheliegenden Westrings eine Wohnnutzung durch vermehrte Abgasbelastungen ausgeschlossen wird. Daher wären wohl auch weitere Geschäfte dort eher kontraproduktiv.

Seit einem guten Jahrzehnt wird Linz auch von einem Hochhaus-Boom geprägt, nachdem frühere Ansätze dazu – Lenau-Hochhaus 1958, Lentia2000 1977 – zu keinem nachhaltigen Boom geführt hatte. Doch seit 2000 wurden zahlreiche, wenn auch im Vergleich mit anderen Städten vergleichsweise niedrige, Türme hochgezogen: der städtische Wissensturm mit Volkshochschule und Bibliothek, der Energy Tower der Energie AG, der skandalumwitterte Terminal-Tower beim Bahnhof, der Raiffeisen-Tower und aktuell im Bau der Linux-Turm ebenfalls von Raiffeisen. Mit einer Packelei von SPÖ und FPÖ wurde zuletzt für den als „städtebaulich signifikant“ bezeichneten Turm am Bulgariplatz gegen Ablehnung durch alle anderen Parteien und gegen massivem Protest der Anrainer_innen grünes Licht gegeben.

Der enorme Leerstand bei diesen Bürotürmen wirft zwangsläufig Fragen über die Sinnhaftigkeit auf. Es handelt sich durchwegs um Investorenprojekte für die keine Bedarfserhebung durchgeführt wird. Die Folge davon sind Zwangsbefüllungen. Wie etwa beim Terminal Tower durch die Finanzverwaltung geschehen, wofür vom Konsortium Porr und Raiffeisen als Errichter einiges Geld für die Vermittlung über die aus Zeiten der schwarzblauorangen Regierung sattsam bekannten und skandalumwitterten „Experten“ Hochegger und Grasser geflossen sein soll und worüber nach wie vor dazu ermittelt wird.

Überhaupt sind Hochhäuser problematisch. Ihre Lebensdauer beträgt im Schnitt gerade 30 Jahre. Was in etwa den beiden als Musterprojekte für Bürobauten von der Voest am Harter-Plateau in Leonding hingestellten und dann zu Wohnungen umfunktionierten und dann nach 28 Jahren gesprengten zwei Bauten entspricht. Insbesondere für Wohnungen sind Hochhäuser denkbar ungeeignet, vor allem durch ihre Kinderfeindlichkeit, hohe Anonymität, hohe Reparaturbedürfigkeit, den Energieaufwand und die Reinigungskosten bei Fassaden aus Glas und Metall.

Ausnahmen wie die Wohnbauten in Alt-Erlaa in Wien bestätigen dabei nur die Regel. Denn Investitionen in viele Gemeinschaftseinrichtungen die dem Projekt einen quasi-dörflichen Charakter verleihen sind den Errichtern in der Regel zu teuer. Daher bleibt als Motiv für solche Bürotürme lediglich das Prestigedenken der Errichter. Diese Türme sind letztlich eine Form der Herrschaftsarchitektur, sie gelten aber nach wie vor als Inbegriff von Modernität, Fortschritt und Zukunftsglaube wie insbesondere Bauten in Asien oder in den Golfstaaten beweisen.

Zu hinterfragen gilt bei der Stadtentwicklung zudem die Rolle sogenannter Stararchitekten. Was einst Perotti, später Suter+Suter für Linz war ist heute der Architekt Kneidinger, der als Haus- und Hofarchitekt der Bürgermeisterpartei SPÖ gilt. Eine analoge Rolle spielt der Architekt Kaufmann für die ÖVP, der sich durch fragwürdige Bauten wie das Landesdienstleistungszentrum einen Namen machte, zuletzt aber durch riskante Investitionen in Kroatien in die Bredouille geraten ist.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Investoren gemeinsam mit ihren Architekten mit fertigen Projekten an die Stadt herantreten und auf die Planungs- und Baubehörde einwirken, um ihre Absichten durchzubringen, auch wenn das wesentlichen Orientierungen der Stadtentwicklung und Planung widerspricht. Vielfach sind solche Projekte der Architektur wie etwa in Linz Lentos, AEC oder Musiktheater auch ein Teil des Branding um die Stadt im Konkurrenzkampf spricht Standortwettbewerb gegen anderen Städte entsprechend als Marke verkaufen zu können.

Der als Korrektiv gedachte Gestaltungsbeirat spielt bei so manchen Projekten eher die Rolle der Behübschung und dient als Alibi, eine Einbeziehung der betroffenen Bevölkerung ist nicht vorgesehen. Wie groß die Abhängigkeiten durch Subventionen etc. sind zeigt sich auch daran, dass etwa von der Kunstuniversität im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten keine kritischen Stimmen ertönen oder gar eine Unterstützung von Bürger_inneninitiativen gegen umstrittene Projekte wie etwa das Hochhaus am Bulgariplatz kommt.

Sehr eindeutig ist auch der Trend im Handel. Dem Wildwuchs der Konsumtempel außerhalb der Stadt in den Nachbargemeinden (Plus-City, UNO-Shopping) versuchte man durch ähnliche Projekte in der Stadt (Lentia, Arkade, Atrium) zu begegnen. Ein besonderes „Zuckerl“ dabei sind die als Kumpanei von Medienkapital und Stadtverwaltung zustande gekommenen und medial entsprechend abgefeierten „Promenaden Galerien“ des Verlagshauses Wimmer, für die mit 600 Tiefgaragenplätzen noch mehr Verkehr in die Innenstadt gezogen werden soll.

Gleichzeitig werden Bahnhöfe systematisch zu „Einkaufszentren mit Gleisanschluss“ umfunktioniert. Was mit dem 2004 eröffneten neugestalteten Linzer Hauptbahnhof noch in eher bescheidener, mit dem Wiener Westbahnhof hingegen in exzessiver Form erfolgte. Und in den Stadtteilen bauen die führenden Handelskonzerne Rewe, Spar, Hofer und Lidl ihre Filialen durch Vergrößerung von Verkaufs- und Parkflächen auf Teufel komm raus aus. Was zwangsläufig dazu führt, dass es kaum mehr fußläufig erreichbare Nahversorger gibt. Auf die Anfrage über Zahlen dieses Trends zur Ausdünnung muss die zuständige Wirtschaftsstadträtin Susanne Wegscheider passen. Zahlen gibt´s nur für die großen Handelskonzerne in Form diverser Marktstudien, aber nicht für die Entwicklung vor Ort.

Während bei fragwürdigen Hochhausbauten nicht gekleckert wird, drückt der FPÖ-Wohnbaureferent Haimbuchner bei der Wohnbauförderung auf die Bremse. Billigwohnbau ist angesagt, gespart wird dabei an allem. Dass als Draufgabe die „roten“ Städte bei der Förderungszuteilung ausgehungert werden hat natürlich System. Denn nach wie vor fließt ein nicht verantwortbarer Teil der Förderung für das berühmte Einfamilienhaus im Grünen, das ist politisch gewollt und wurde über Jahrzehnte auch von der SPÖ mitgetragen. Der Sager ihres früheren Wohnbaulandesrates Leo Habringer „Wer Eigentum will, muss sich das mit eigenen Mitteln schaffen, nicht aber mit Steuergeldern“ war nie so ernst gemeint wie gesagt. Das gilt auch für die „gemeinnützige“ städtische GWG, die jetzt verstärkt in die Errichtung teurer Luxuswohnungen mit einem Quadratmeterpreis von 4.500 Euro einsteigt, statt sich ausschließlich auf den Bau leistbarer Mietwohnungen zu konzentrieren.

Für Linz gilt ein eklatanter Widerspruch: Während auf der einen Seite ein Übermaß an Büroflächen leer steht, mangelt es an leistbaren Wohnungen. Projekte wie „Grüne Mitte“, „Winklerbahnhof“ oder auf dem Areal der freiwerdenden Kaserne Ebelsberg, in der Karl-Steiger-Straße oder in der Schwaigaustraße warten auf Realisierung. Kein Mangel an Angeboten herrscht hingegen für die gehobene Klasse, wie etwa Projekte wie das „Palais Zollamt“ oder der Trend zu Penthouse-Wohnungen zeigt. Das dabei durch die Gentrifizierung auch durchaus gelegentlich ein gewisser „Prolo-Charme“ Marke Franckviertel gefragt ist, verwundert nicht. Wahrscheinlich wollen manche damit ihr schlechtes Gewissen damit befriedigen.

Dass die Vermarktung keine Schranken kennt, zeigt auch die Begehrlichkeit nach der Verbauung grüner Innenhof-Inseln. Da wird ziemlich rücksichtlos ausgeräumt und der Baumbestand gekappt um, wo immer es passt, in den Innenhöfen zu bauen, dazu passende Tiefgaragen inklusive. Als ob es in der Innenstadt nicht schon genug Verkehr gäbe. Ein „Wildwuchs“ durch Restflächen im Sinne freier „Gstetten“ passt hingegen so gar nicht in das Bild einer Law-and-Order-Politik.

Das gilt auch für die Gestaltung der Plätze, für die sich die „Marke Steinwüste“ durchgesetzt hat. Beispiel dafür sind der Pfarrplatz, der Platz beim Nordico oder der Martin-Luther-Platz. Zeitgeistig gefragt ist eine Gestaltung die ideal für kommerziellen Rummel wie Road-Shows ist, Grünflächen, Bäume und Gesträuch zum Verweilen sind nicht profitabel und entsprechen so gar nicht dem Ideal einer auf Maximalprofit orientierten Gesellschaft. Also weg damit.

Begehrlichkeiten des Kapitals zeigen sich auch bei der Tabakfabrik. Dieses denkmalgeschützte Objekt wurde sinnvollerweise nach dem von der rotschwarzen Koalition eingeleiteten und von der schwarzblauen Regierung vollendeten Verkauf der Austria Tabak und Schließung des Standortes Linz von der Stadt erworben. Da ein derartiges Areal für eine rein kulturelle Nutzung in Relation zum bereits vorhandenen Angebot viel zu groß ist drängt sich eine kommerzielle Nutzung auf, wofür auch das Stichwort „Kreativwirtschaft“ steht.

Dementsprechend hat die Stadt begonnen das Objekt systematisch nutzbar zu machen. Damit haben zwangsläufig auch alle möglichen Geschäftemacher Witterung aufgenommen. Wehrte sich die SPÖ 2014 noch gegen die Vorstöße der ÖVP privates Kapital in die Entwicklung hereinzunehmen, so legte sie im Jänner 2015 einen demonstrativen Umfaller hin und schwenkte auf die schwarzen Pläne ein. Ob das für die Stadt gut ist, steht auf einem anderen Blatt.

 

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