Das mediale Unbehagen

Posted on 15. Januar 2015


Vor dem Hintergrund des terroristischen Anschlages auf das französische Satireblatt „Charlie Hebdo“ mühen sich Politik und Medien ab die Meinungs- und Pressefreiheit als oberstes Gut schlechthin zu beschwören. Viele namhafte Staats- und Regierungschef_innen ließen sich nicht davon abhalten für diese Werte in Paris Arm in Arm zu demonstrieren, freilich durch eine Armee von Body-Guards abgeschirmt von der breiten Masse. Dass in ihren Reihen auch einige vertreten waren in deren Länder es mit der Pressefreiheit gar nicht weit her ist war ein Schönheitsfehler, aber ein wenig Imagepflege kann ja nie schaden.

Die Zunft der Journalist_innen kämpft gleichzeitig zudem gegen das ihr von den Rechtsextremen zugeteilte Image der „Lügenpresse“. Dabei geht natürlich verloren, dass Medien auch wenn sie sich noch so frei und unabhängig geben letztlich nicht von den ökonomischen (Eigentums-)Verhältnissen losgelöst betrachtet werden können.

Eine offizielle Zensur ist das Markenzeichen autoritärer Regime und existiert hierzulande seit Jahrzehnten nicht mehr. Ganz anders freilich die (unausgesprochen selbstverordnete) sprichwörtliche Schere im Kopf. Denn nach wie vor gilt auch für Journalist_innen der Grundsatz „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“. Wer das bestreitet ist naiv oder blendet das Publikum. Schließlich hat der deutsche Publizist Paul Sethe schon in den 1960er Jahren sehr treffend festgestellt „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“ (Spiegel, 5.5.1965) und der Verband Österreichischer Zeitungen hat passend zum Internationalen Tag der Pressefreiheit per Inserat verkündet: „Natürlich ist jeder frei, alles zu berichten. Theoretisch“ (OÖN 2.5.2009)

Nun ist die herrschende Klasse auch im neoliberal gefärbten Kapitalismus an einer relativ breiten Meinungsfreiheit durchaus interessiert. Einerseits um dem Selbstverständnis einer pluralen Gesellschaft mit Meinungsfreiheit als oberstes Prinzip von Demokratie glaubhaft erscheinen zu lassen. Andererseits auch im Interesse einer gewissen Selbstreinigungskraft zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des kapitalistischen Systems und um dieses vor allzu grauslichen Auswüchsen zu schützen.

Merkmal der tonangebenden Medien ist heutzutage daher nicht die Zensur wie in der Monarchie oder im Faschismus selbstverständlich, sondern viel eher die Überschüttung der Medienkonsument_innen mit einer Überfülle an, zunehmend trivialen und damit wertlosen, Informationen. Mit der Absicht dahinter wesentliche Grundfragen zu verstecken. Durch dieses Überangebot werden die Konsument_innen der medialen Angebote faktisch gehindert sich die Fähigkeit zum Einblick in die Funktionsweise der Gesellschaft und deren Strukturen zu erwerben. Am anschaulichsten demonstrieren das Boulevardmedien und Krawallblätter sowie deren multimediale Pendants in Form von TV und Internet.

Der von deutschen Sprachwissenschafter_innen jetzt zum „Unwort des Jahres“ erklärte Terminus „Lügenpresse“ ist nicht neu. Er ist vor allem eine Erfindung der Nazis vor ihrer Machtergreifung und bevor sie die gleichgeschalteten Medien zur staatstragenden Lügenpresse erhoben und durch den berühmten „Volksempfänger“ ergänzten. Der aktuell von PEGIDA und FPÖ aufgewärmte Begriff der „Lügenpresse“ fällt freilich dort auf fruchtbaren Boden, wo die Menschen das Gefühl haben, dass die Medien ihre alltäglichen Probleme entweder nicht kennen oder gezielt ignorieren. Dass bei diesem Publikum auch Hassparolen und Verschwörungstheorien aller Art wohlwollend als Erklärungsmuster aufgenommen werden verwundert da nicht besonders.

Gegen den Vorwurf der „Lügenpresse“ ist freilich schwer anzukämpfen. Wer zu Reizthemen wie Asyl, Migration, Islam, EU etc. eine vorgefertigte Meinung im Kopf hat lässt sich meist auch durch noch so überzeugende Fakten und Argumente nicht von etwas anderem überzeugen. Solche Menschen sehen hinter jedem Ereignis Geheimdienste, Geheimgesellschaften oder obskure Cliquen, für sie ist 9/11 ebenso wie der Überfall auf „Charlie Hebdo“ von CIA, Mossad oder anderen Geheimdiensten inszeniert.

Solche Erklärungsmuster funktionieren also ähnlich wie die Religion, die – egal in welcher Spielart – seit Menschengedenken die Menschen in einem höheren Wesen Erklärungen finden lässt und daher laut Karl Marx als „Opium des Volkes“ dient. Andererseits dienen freilich nicht alle Medienmacher_innen, die sich so demonstrativ auf die Vernunft und die Aufklärung berufen, auch wirklich diesen wesentlichen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte.

Die Medien – neben Legislative, Exekutive und Justiz die vierte Macht im Staate – kann natürlich nicht außerhalb der Kritik stehen. Ihrer Funktion werden Medien dann am besten gerecht, wenn sie davon Abstand nehmen in quasi-religiöser Art etwas als sakrosankt zu erklären. Die Lohnschreiber der herrschenden Klasse vom Schlage eines Hans Rauscher, die etwa jede Kritik an der EU, egal ob von rechts oder von links, ohne Differenzierung als extremistisch erklären machen es sich dabei allzu leicht und leisten dem Unbehagen gegenüber den Medien Vorschub.

Dabei geht es natürlich nicht darum, populistischen Tendenzen das Wort zu reden wie es der Boulevard praktiziert. Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann hat sehr treffend gemeint „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“, das gilt freilich auch für jene, welche die Medien machen.

Und dabei geht es nicht um die vielfach als Indiz für seriösen Journalismus zum obersten Prinzip erklärte strikte Trennung von Bericht und Kommentar. Denn es gibt auch keinen wertfreien Bericht und sei es schon dadurch, ob es zu einem Thema überhaupt einen Bericht gibt oder nicht, was darin aufgebauscht und was weggelassen wird, welche gesellschaftlichen Kräfte und Gruppen sich in einem Medium wiederfinden oder die das Gefühl haben, dass über sie arrogant hinweggeschrieben wird.

Advertisements
Verschlagwortet: ,
Posted in: Blog