Politische Schützenhilfe für den Alpenkönig

Posted on 29. Dezember 2014


Am Nationalfeiertag 2014 berichtete der „Kurier“ reißerisch unter dem Titel „Tunnelgeflüster in der Pyhrn-Region“ über den Plan, mit einer Standseilbahn in einem 4,5 Kilometer langen Tunnel die Skigebiete Hinterstoder und Wurzeralm unterirdisch zu verbinden. Auf diese absurde Idee kamen findige Tourismusmanager und profilierungssüchtige Ortskaiser, nachdem 2012 das Vorhaben um 75 Millionen Euro die beiden Wintersportgebiete mit einer klassischen Skischaukel zu verbinden an dem unter Naturschutz stehenden Karstmassiv Warscheneck scheiterte.

Den Gegnern der kommerziell-touristischen Verhunzung der ganzen Region wollen die Bürgermeister von Hinterstoder (Helmut Wallner, ÖVP) und Vorderstoder (Gerhard Lindbichler, ÖVP) das Vorhaben damit schmackhaft machen, dass damit ein „umweltverträglicher Vorschlag“ angeboten würde. Freilich ohne Erfolg: Alpenverein und Naturfreunde protestieren gegen diesen massiven Eingriff in die Natur und kritisieren, dass seit langer Zeit nichts in eine sinnvolle Attraktivierung des Skigebietes Wurzeralm investiert wurde.

Sie weisen auch darauf hin, dass sich das Projekt nie rechnen und eine permanente künstliche Beschneiung erfordern würde und ebenso, dass sich die Zahl der Skifahrer_innen in Zukunft nicht erhöhen wird. Der Chef des Tourismusverbandes Pyhrn-Priel versucht hingegen Bedenken insofern zu zerstreuen, als er die alpine Idiotie als „eine gangbare, interessante Variante von vielen“ kleinzureden versuchte.

Betreiber dieses „völlig schwachsinnigen Plans“ (O-Ton Naturfreunde-Alpinreferent Sepp Friedhuber) ist, wie könnte es anders sein, der ungekrönte König des Alpintourismus, Peter Schröcksnadel, der praktischerweise auch Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) ist. Er ist Mehrheitseigentümer der Hinterstoder-Wurzeralm Bergbahnen AG (HiWu), an welcher freilich auch das Land Oberösterreich mitbeteiligt ist. Und damit erklärt sich auch schon, wer, abgesehen von Schröcksnadel, die treibenden Kräfte sind.

Dem Umwelt- und dem Naturschutzressort des Landes lagen im Herbst noch keine Unterlagen zur Prüfung vor. Und die zuständigen Landesräte Rudolf Anschober (Grüne) und Manfred Haimbuchner (FPÖ) stehen auf der Bremse. Auf dem Gaspedal steht hingegen erklärtermaßen die ÖVP, seit 2003 offizieller Koalitionspartner der Grünen, in den letzten Jahren freilich zunehmend auch inoffizieller Partner der FPÖ, nämlich dann, wenn die Grünen nicht spuren.

Im Grünen-Blatt „Planet“ beklagte jetzt Landessprecherin Maria Buchmayr, dass in Oberösterreich nur sechs Prozent der Landesfläche als „Natura2000“ nach dem EU-Standard ausgewiesen sind, im Bundesschnitt hingegen 15 Prozent. Das wirft freilich ein denkbar schlechtes Licht auf die Öko-Bilanz der nunmehr immerhin seit elf Jahren in Oberösterreich in einer schwarzgrünen Koalition regierenden Anschober-Partei.

Auch unter Berücksichtigung einer als Ergebnis des historisch überholten Proporzsystems, dessen Abschaffung die Grünen vernünftigerweise verlangen, völlig zersplitterten Kompetenzverteilung in der Landesregierung zeigen sich die Grünen als Leichtgewicht, vor allem gegenüber ihrem Koalitionspartner ÖVP. Wenn Buchmayr also beklagt, dass „seit dem EU-Beitritt vor fast 20 Jahren die politisch Verantwortlichen in Oberösterreich nur sehr passiv beim Aufbau dieses europaweiten Schutzgebietes giert“ haben fällt das auch den Grünen selbst auf den Kopf.

Die Schuldzuweisung an den für den Naturschutz zuständigen Landesrat (FPÖ) und die Landwirtschaftskammer (ÖVP) ist da wohl ziemlich billig. Die Forderung, statt die beiden Skigebiete mit einer Skischaukel zu verbinden den Nationalpark auszuweiten ist natürlich vernünftig, ebenso statt einem „Natura2000“-Fleckerlteppich große und zusammenhängende Gebiete vor der kommerziellen Verwüstung zu schützen. Doch werden dafür kritische Zeitungsartikel und die Erklärung der Grünen zur „letzten politischen Bastion“ des Naturschutzes nicht ausreichen. Wenn das ernst gemeint ist, müssten die Grünen der ÖVP schon die Koalitionsfrage stellen anstatt ihr die Mauer zu machen.

Bereits 2010 wurde erstmals das Projekt einer Skischaukel durch Verbindung der Skiregionen Hinterstoder und Wurzeralm lanciert. Ausgerechnet über das erst 2008 verordnete Naturschutzgebiet Warscheneck-Nord sollte diese Skischaukel führen. Ein Akt der Unterwerfung der Politik unter die Profitinteressen des Schröcksnadel-Imperiums. Die Kritik von Naturschützer_innen und Alpinvereinen ist also um den Aspekt einer für die Demokratie unerträglichen Verfilzung von Wirtschaft und Landespolitik zu ergänzen.

Einen Propagandisten für sein Vorhaben fand Schröcksnadel 2010 in Ex-Skistar Hannes Trinkl. Dieser beklagte „Ohne Skischaukel stirbt die Region“. Die wirklichen Totengräber der Region sind freilich jene, welche die Verwüstung der Landschaft durch eine aus Steuergeldern massiv geförderte Skischaukel betreiben. Was diese Liebesdienste für das Projekt des Herrn Schröcksnadel für Folgewirkungen hat, hinterfragte Trinkl freilich nicht, das passt offensichtlich nicht in sein allzu schlichtes Weltbild.

Schon 2010 war klar, dass das von einer politischen und medialen Lobby mit den üblichen Totschlag-Argumenten des „Überlebens“ der Skiregion Pyhrn-Priel und der Schaffung von Arbeitsplätzen forcierte Projekt nicht nur alle ökologischen Bedenken ignoriert und auf die großflächige Zerstörung der Natur hinausläuft, sondern laut Fachleuten auch wirtschaftlich unsinnig und rückwärtsorientiert war und ist. Der prognostizierten Besucher_innenzuwachs um 30 Prozent war einem völlig überzogenen Zweckoptimismus geschuldet und das Projekt letztlich auch nicht konkurrenzfähig mit bestehenden weit größeren Skiregionen.

Von der zum Schröcksnadel-Konzern gehörenden Wurzeralm-Hinterstoder Bergbahnen war geplant, ein Skigebiet mit 70 Pistenkilometern in einer Höhenlage zwischen 600 und 2.000 Metern mit einem Kostenaufwand von 75 Millionen Euro aus dem Boden zu stampfen. Laut Experten wird Skifahren unterhalb von 1.500 Metern durch die Klimaerwärmung allerdings zunehmend weniger möglich, ist also der Einsatz von Kunstschnee aus wertvollem Trinkwasser vorprogrammiert. Statt die Gebirgslandschaft mit Seilbahnen und Schlepplifte zu erschließen, Skipisten in die Berge zu sprengen die ohne Kunstschnee nicht betrieben werden können und eine wichtige alpine Landschaft in eine Schotterwüste zu verwandeln muss sich auch die Tourismuswirtschaft endlich auf alternative Konzepte eines ganzjährigen sanften Tourismus orientieren.

Die Vertreter der Alpinvereine hatten am 29. November 2010 bei Bundespräsident Heinz Fischer ihre massiven Bedenken zu 25 touristischen Erschließungsprojekten bundesweit, darunter auch das Projekt Warscheneck, deponiert. Namhafte Personen wie Gerlinde Kaltenbrunner, Sepp Friedhuber, Edi Koblmüller und Helmut Steinmaßl haben in aller Deutlichkeit ihre Kritik an diesem Wahnsinnsprojekt geäußert. Auch wurde der „Mollner Kreis“, ein Zusammenschluss von Umweltschutzgruppen, für die Auseinandersetzung mit diesem Projekt wieder reaktiviert.

2012 kam durch das Veto des Naturschutzes das vorläufige Aus für die geplante Skischaukel. Doch für Schröcksnadel und Konsorten war das Projekt deswegen nicht wirklich vom Tisch, wie die neue Variante mit dem Tunnel zeigt. LH Josef Pühringer und die Bürgermeister der Region lassen sich hingegen damals wie heute offenbar bereitwillig vom Skiliftzampano Schröcksnadel – der durch seinen Expansionsdrang zunehmend zur Gefahr für die österreichischen Tourismusregionen wird – in politische Geiselhaft nehmen.

Schröcksnadel ist dafür bekannt, dass er sich als Retter feiern, aber Land und Gemeinden für seine Projekte zahlen lässt. Seine Philosophie ist schlicht, aber aussagekräftig: „Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich fürs Geld nicht mehr arbeiten muss“ (Die Presse, 23.10.2011). Während das Land mit Verweis auf die Budgetlage etwa die Sozialvereine finanziell aushungert werden den Betreibern von dubioser Projekte mit dem entsprechenden Draht zur Landespolitik die Steuergelder im großen Stil zugeschoben. So war im konkreten Fall der Skischaukel Warscheneck 2010 von 60 Millionen die Rede.

Schröcksnadel hat freilich nicht nur am Pyhrn seine Finger drin: Statt 1,6 Millionen kostete die 2010 eröffnete Skisprungschanze in Hinzenbach, im schneearmen Eferdinger Becken ein Schwachsinn der Sonderklasse, satte 7,4 Millionen, fast ausschließlich Landesgelder. Der damalige Sportlandesrat und heutige Landtagspräsident Viktor Sigl (ÖVP) fand es freilich professionell, dafür Millionen an Steuergeldern zu verpulvern. Hingegen sprach der Landesrechnungshof von einem „finanziellen Abenteuer“ dessen Risiko den Steuerzahler_innen übertragen wurde. Nutznießer des Projekts ist die Austria Ski Nordic VeranstaltungsgmbH (ASN), eine Tochterfirma des ÖSV, deren Geschäftsführer ÖSV-Generalsekretär Klaus Leistner und ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel sind.

2010 übernahm Schröcksnadel die Kasberg-Lifte, das Land verlängerte die Haftung um ein Jahr. Liftkaiser Schröcksnadel und die Raiffeisen-Landesbank unter ihrem damaligen Boss Ludwig Scharinger hatten offenbar den richtigen Draht um öffentliche Gelder für den maroden Lift anzuzapfen. Getrübt wurde das Erfolgserlebnis freilich, als dann gleich dreimal Dutzende Schifahrer_innen aus den Gondeln der Kasberg-Seilbahn geholt werden mussten.

Da war von technischen Defekten die Rede, wohlweislich aber nicht von der Verantwortung des Herrn Schröcksnadel, einem erklärten Liebling der oö Landespolitik, deren Exponenten sich als ausgesprochene Schröcksnadel-Vasallen erweisen und nach dem Motto „Sein Wunsch ist uns Befehl“ handeln. Gleich nach Übernahme der Kasbergbahn feuerte Schröcksnadel das bisherige erfahrene Personal weil es ihm zu teuer war und ersetzte es durch unerfahrene Kräfte ersetzt. Wie war das noch mit „Privat ist besser als Staat“?

Sogar die keineswegs kritischen OÖN schreiben, dass Schröcksnadels „geschäftliches Netzwerk in Oberösterreich immer dichter“ wird. Ihm gehören zu 50 Prozent auch die Hochfichtbahnen (die andere Hälfte gehört dem Stift Schlägl) und mehrheitlich die Wurzeralm- und Hössbahnen. Und sogar die OÖN kritisieren, „dass er dem Land mit der Karotte „Weltcuprennen“ Investitionen abfordert, von denen er indirekt selbst profitiert“ und den „Vertretern des Landes bleibt dann bestenfalls das Gesichtsbad bei den Veranstaltungen“.

Der 1941 geborene Schröcksnadel ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Funktion als Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) mit privaten Geschäften organisch verbunden und die Politik dabei als Helfershelfer eingesetzt wird. Im ÖSV war Schröcksnadel bereits von 1978 bis 1990 Referent für allgemeinen Schilauf und von 1987 bis 1990 Vizepräsident, seit 1990 ist er Präsident. Einen kleinen Knick erhielt seine Karriere als Sportfunktionär, als er infolge des Dopingskandals während der Olympischen Winterspiele 2006 als Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees (ÖOC) zurücktreten musste.

Bereits 1964 hatte Schröcksnadel die Sitour Austria in Innsbruck gegründet und sein Geschäft mit Panoramatafeln, Pistenmarkierungstafeln und Pistenleitsystemen begonnen. Dem folgte 1978 die Feratel Media Technologies AG, heute ein führender internationaler Entwickler und Anbieter touristischer Informationssysteme (Panoramafernsehen, Hotelcards, Infoterminals, Buchungslösungen). Dazu gehören auch 30 Prozent an der Schweizer Firma Intermaps, führender Anbieter von Tourismus-Apps im Alpenraum.

Weil offenbar als ÖSV-Präsident unausgelastet ist Peter Schröcksnadel Geschäftsführer von gleich vier Tochtergesellschaften des ÖSV, nämlich der Austria Skiteam Handels und Beteiligungs GmbH, Austria Ski Nordic Veranstaltungs GmbH, Austria Ski WM und Großveranstaltungs GmbH und Austria Ski Veranstaltungs GmbH. Diese Firmen gehören zu den wichtigsten Veranstaltern von Großereignissen und anderen Wintertourismusevents in Österreich.

Weiters ist er Geschäftsführer der zur Feratel-Gruppe gehörenden Sitour Management GmbH. Sohn und Nachfolger in spe Markus Schröcksnadel ist wiederum Geschäftsführer der Vereinigten Bergbahnen GmbH, zu hundert Prozent im Familienbesitz. Zur Familiengruppe gehören auch die SV Beteiligungs GmbH und VB-HIWU Beteiligungs GmbH in Innsbruck.

Sitour Management und Vereinigte Bergbahnen halten etliche Skigebiete und Tourismusunternehmen: Großglockner Bergbahnen Touristik GmbH (80 Prozent), Großglockner Hotel und Infrastruktur GmbH (50 Prozent), Patscherkofelbahnen GmbH und Ötscherlift-Gesellschaft mbH& Co KG (je 100 Prozent), Unterberghornbahnen Kössen GmbH& Co KG (99 Prozent), Hinterstoder-Wurzeralm Bergbahnen AG (53 Prozent), Hochficht Bergbahnen GmbH (50 Prozent), Hochkar Bergbahnen GmbH (51 Prozent), Kasberg-Bahnen HWB-Betriebs GmbH (60 Prozent).

Wenn es bei diesen Geschäften um Prinzipien geht, dann ist Schröcksnadel freilich höchst situationselastisch: Im Vorfeld der Olympische Winterspiele in Sotschi (Russland) hielt er den Boykott der Spiele durch Politiker „für Unsinn“, wollte die Menschenrechtsverletzungen in Russland nicht beurteilen, zeigte aber Verständnis für das russische Gesetz gegen „Homopropaganda“ und riet Sportlern davon ab, sich politisch zu äußern. Man will sich schließlich das Geschäft nicht verderben lassen…

Advertisements
Posted in: Blog