Der programmierte Weltkrieg

Posted on 28. Juli 2014


Heuer jährt sich mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien vom 28. Juli 1914 zum hundertsten Mal der Beginn des 1. Weltkrieges. Die „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts ist freilich nicht gleich einem Naturgesetz „ausgebrochen“, sondern sie wurde mit kräftigem Zutun der politischen, ökonomischen und militärischen Akteure gezielt programmiert. Vor allem wurde sie durch die Rivalität der imperialistischen Großmächte der damaligen Zeit – Deutschland, Österreich-Ungarn, Großbritannien, Frankreich, Russland, Italien und in weiterer Folge auch Japan und die USA – ausgelöst.

Der Hintergrund dafür war das Streben nach Neuaufteilung der Welt, um zusätzliche Areale für Kapitalanlagen und um Rohstoffquellen zu erobern. „Absatzgebiete werden zu Schlachtfeldern, um wieder neue Absatzgebiete hervorzubringen“ brachte Karl Kraus diese Unterwerfung aller Bereiche der Gesellschaft unter die Interessen des Kapitals auf den Punkt. Eine Erkenntnis, die freilich schon Karl Marx vorweggenommen hatte: „Das Kapital hat einen Horror vor der Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.“

Bei diesem Prozess, welcher der Entwicklung des Kapitalismus in seinem von Lenin, Liebknecht und Luxemburg und anderen treffend analysierten imperialistischen Stadium wesenseigen war und ist, agierte das imperialistische Deutschland als bei der Aufteilung der Kolonien im 19. Jahrhundert zu kurz gekommene Großmacht am Aggressivsten und instrumentalisierte dabei auch das Verbündete Österreich-Ungarn. Bezeichnend für den dahinterstehenden Geist ist eine Randbemerkung des deutschen Kaisers Wilhelm II. auf der Mitteilung zur Übergabe des österreichischen Ultimatums an Serbien: „Nur feste auf die Füße des Gesindels getreten.“

Im Unterschied zu Kriegen früherer Jahrhunderte war vor dem 1. Weltkrieg der Rüstungswettlauf zur Dauererscheinung geworden. Und wo gerüstet wird, ist der Krieg nicht weit. Der französische Sozialist Jean Jaures hat dies mit den Worten „Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen“ treffend auf den Punkt gebracht. Alle Bestrebungen den Beginn des 1. Weltkrieges auf subjektive Schwächen oder Fehler von Politik und Militär zu reduzieren oder die Ereignisse darauf zurückzuführen, man wäre „Schlafwandlern“ gleich in diesen Weltenbrand „gestolpert“ bezwecken die Weißwaschung von der Kriegsschuld und verhindern die notwendigen Schlussfolgerungen aus den Ereignissen vor hundert Jahren für die heutige Zeit zu ziehen.

Die von Winston Churchill als „das unverfrorenste Dokument dieser Art, das jemals geschrieben wurde“ bezeichnete Kriegserklärung des österreichischen Kaisers an Serbien als Auslöser des Weltkrieges bedeutete insbesondere durch die zynische Berufung auf die „Vorsehung“ und auf „meine Völker“ das Abschieben der Verantwortung auf die Volksmassen. Möglich geworden war dies durch einen massiven Propagandakrieg nach innen und außen, bei dem die Klassengegensätze zugunsten einer ominösen Volksgemeinschaft aufgelöst und die Aggression als Verteidigungskrieg dargestellt und nationalistische Emotionen geschürt und Feindbilder wie etwa Serbien als „Schurkenstaat“ produziert wurden. Es ist ein Verdienst von Karl Kraus, dem wohl schärfsten Kriegsgegner nicht nur in Österreich sondern international, in „Die letzten Tage der Menschheit“ diese Produktionsmethoden falschen Bewusstseins messerscharf dargelegt zu haben.

Die Hegemonie der Herrschenden war gleichzeitig eine Niederlage für die Beherrschten, wenngleich die Kriegsbegeisterung keineswegs so durchgehend vorhanden war, wie das heute oft dargestellt wird um die Verantwortung der herrschenden Eliten zu relativieren. Während sich die Intelligenz zumindest zu Kriegsbeginn fast durchgehend für die Kriegspropaganda einspannen ließ und es den Herrschenden gelang die Führung der Sozialdemokratie durch eine schon von Engels und Lenin erkannte bestimmte Korrumpierung sowie gezielte Instrumentalisierung der Angst vor dem zaristischen Absolutismus auf ihre Seite zu ziehen, gab es sowohl in der Arbeiter_innenklasse als auch bei den Bauern deutliche Vorbehalte gegen den Krieg, die sich mit fortschreitender Kriegsdauer immer deutlicher bemerkbar machten und in Hungerprotesten, Streiks, dem historischen Jännerstreik 1918 und dem Matrosenaufstand von Cattaro ihren Höhepunkt fanden.

Ein gravierender historischer Bruch ist und bleibt freilich das Versagen der Sozialdemokratie und der Zusammenbruch der II. Internationale. Diese hatte sich noch wenige Jahre vor Kriegsbeginn entsprechend dem Grundsatz von August Bebel „Diesem System keinen Mann und keinen Groschen“ strikt gegen den Krieg ausgesprochen und den Kampf dagegen in allen Formen, parlamentarisch und außerparlamentarisch bis zum Sturz der herrschenden Ordnung, propagiert.

Die sozialdemokratischen Parteiführungen schwenkten (mit Ausnahme der Parteien Russlands, Bulgariens und Serbiens) im Sommer 1914 freilich mit fliegenden Fahnen ins Lager der Kriegsparteien und der „Vaterlandsverteidigung“ über, wollten endlich den Vorwurf „vaterlandslose Gesellen“ zu sein abschütteln. Das bedeutete freilich nicht bloß ein vorübergehender Frontwechsel, sondern den Wandel zum „Burgfrieden“ und damit zum Reformismus schlechthin. Der deutsche Kommunist Karl Liebknecht hat die Kriegspropaganda der Herrschenden und das Einschwenken der Sozialdemokratie darauf hingegen bereits 1915 in einem Flugblatt mit dem berühmten Satz „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“ klargestellt.

Österreich muss sich mit dem traurigen Ruhm auseinandersetzen, dass ausgerechnet das Völkergefängnis der maroden Habsburger-Monarchie der Ausgangspunkt für diese „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts war und in der biederen Kleinstadt Bad Ischl die Kriegserklärung unterzeichnet wurde. Und es war nicht der ominöse „Rat der Vorsehung“, sondern Kaiser Franz Josef wollte diesen Krieg, für welchen Monarchie, Militär und Diplomatie sowie die Profitinteressen der Rüstungsindustrie die treibende Kraft waren und der, statt wie von Generalität und Politik als spätestens zu Weihnachten beendetes schnelles Abenteuer, zu einem mehr als vier Jahre dauernden Weltkrieg ausuferte.

Die Geschichte des vorigen Jahrhunderts ist maßgeblich aus dem 1. Weltkrieg zu erklären, er war faktisch auch die Vorgeschichte des 2. Weltkrieges und seiner Gräuel, bis hin zur planmäßigen Vernichtung des jüdischen und anderer Völker durch den Nazi-Faschismus, dessen Beginn sich heuer zum 75. mal jährt. Der 1. Weltkrieg begann auf dem Balkan und bis heute sind seine Nachwirkungen im Hinterhof Europas und darüber hinaus zu spüren. Die österreichischen Kriegsverbrechen in Serbien und Galizien waren ebenso wie jene des deutschen Militärs in Belgien oder der Völkermord der Türkei an den Armenier_innen das Vorspiel für die Kriegsverbrechen und den Holocaust der Nazis ein Vierteljahrhundert später. Alle Entwicklungslinien zielen auf dieses Ereignis wie auf ein Brennglas, von hier strahlen sie weiter, machen das Jahrhundert zum blutigsten der Weltgeschichte.

Eine „Urkatastrophe“ war der 1. Weltkrieg freilich nicht nur für jene zehn Millionen Soldaten, die an der Front angeblich für „Heimat“ oder „Vaterland“ den „Heldentod“ oder für jene sieben Millionen Zivilisten die als Opfer von Kampfhandlungen oder im Hinterland an Hunger und Seuchen für die Interessen der Herrschenden starben. Der 1. Weltkrieg führte im Ergebnis zu einer Umwälzung der politischen Landkarte Europas und zerbrach die globale Dominanz des Kapitalismus. Die Oktoberrevolution 1917 in Russland als dem damals schwächsten Kettenglied des kapitalistischen Systems und die revolutionären Bewegungen in zahlreichen anderen Ländern erschütterten auch das herrschende System bis in die Grundfesten und führte zu einer nachhaltigen Existenzangst.

Und auch nach dem Scheitern der als Folge des 1. Weltkrieges entstandenen Sowjetunion und des nach 1945 zu einem Staatensystem erweiterten Realsozialismus und damit dem Verschwinden der sozialistischen Systemkonkurrenz 1989/91 sitzen die Herrschenden keineswegs so fest im Sattel wie sie gerne behaupten. Denn die Widersprüche zwischen Kapital und Arbeit, die Gegensätze zwischen Arm und Reich bestehen im eigenen Land und weltweit fort und haben sich durch die Krise von 2007/08 in neuer Schärfe gezeigt. Die Rezepte des Neoliberalismus als der zeitgemäßen Variante des Kapitalismus sind zwar spätestens mit der Krise schmählich gescheitert, die neoliberale Hegemonie besteht freilich weiter. Vor allem weil sich trotz wachsenden Unmuts die wenigsten eine Alternative zu diesem Gesellschaftssystem vorstellen können.

Angesichts der zahlreichen Kriege, Bürgerkriege und sonstiger bewaffneter Konflikte rund um den Globus kann von einer Ära des Friedens oder gar einem „Ende der Geschichte“ nach wie vor keine Rede sein. Und im Gegensatz zu den Behauptungen ihrer Propagandisten sichern politische oder militärische Bündnisse wie EU oder NATO keineswegs einen nachhaltigen Frieden, sondern sind als Konstrukte kapitalistischer Interesse vielmehr selbst Quelle neuer Konflikte, wie aktuell die Entwicklung in der Ukraine beweist.

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