Alles Heimat, Kritik unerwünscht

Posted on 2. Juni 2014


Als unfreiwilliger Stichwortgeber für eine Intensivierung eines aufgewärmten Heimat-Kults hat sich Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder, ein gebürtiger Oberösterreicher, mit seiner Kritik an der oberösterreichischen Landeshymne (Text: Franz Stelzhamer, Musik: Hans Schnopfhagen) im Frühjahr 2014 betätigt.

Seither liefern sich die medialen Platzhirschen „Krone“ und „OÖN“ einen Wettkampf, wer am besten das Marktsegment Heimat bedienen kann. Seinen Ausdruck findet das in speziellen Beilagen, wie „Hoamat Land“ (OÖN) und „Unsa Hoamat“ (Krone), wo dem werten Publikum die ganze Palette dargelegt wird, was die Landsleute zwischen Inn und Enns, Dachstein und Böhmerwald unter Heimat zu verstehen haben. Für Kritisches ist da natürlich kein Platz, das könnte schließlich die heimattreue, über alle Klassen erhabene neue Volksgemeinschaft verunsichern.

Als Reaktion auf den wachsenden Frust über die neoliberale Globalisierung nehmen die politischen, medialen und auch kommerziellen Bestrebungen zur Instrumentalisierung des Heimatgefühls zu. Denn die „Heimat“ hat bekanntlich als Gegenpol immer die „Fremde“. Die aktuell wieder im Aufschwung befindliche Kultivierung der Heimat ist demnach, ob gewollt oder nicht, eine Abgrenzung gegen alles Fremde und korreliert hervorragend mit der populistischen Fremdenfeindlichkeit.

Kein Wunder daher, dass etwa die in der sich selbst als „Soziale Heimatpartei“ deklarierenden FPÖ versammelten Verfechter besonderer Heimattreue gleichzeitig am stärksten den Fremdenhass predigen und Migrant_innen, Asylwerber_innen und weil meist aus dem Osten kommende Bettler_innen als Ursache aller Übel hochstilisieren und als Objekt ihrer Hetze missbrauchen. Und wer diese zur Heimat umgelogene Volksgemeinschaft stört gilt zwangsläufig wie schon annonazimal als Nestbeschmutzer und wird gleich in eine Reihe mit den zu bekämpfenden „Fremden“ gestellt.

Karl Marx und Friedrich Engels schrieben schon 1847 im „Kommunistischen Manifest“ zu dieser Thematik: „Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.“ Dies ist auch aus dem Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital und der damit verbundenen Entfremdung der Arbeiter_innen von den Produkten ihrer Arbeit zu sehen. Weil sich das Kapital die darin vergegenständlichte Arbeit aneignet und die eigentlichen Produzenten mit einem mehr oder minder geringen Anteil in Form von Lohn abspeist.

Ebenso haben Marx und Engels schon vor 150 Jahren erkannt, dass das Kapital eine internationale Dimension hat und drauf und dran ist die ganze Welt zu beherrschen und bis in die letzten Ritzen der Gesellschaft vorzudringen. Der Vorwurf des „eisernen Kanzlers“ Otto von Bismarck an die aufkommende Arbeiter_innenbewegung, dabei handle es sich um „vaterlandslose Gesellen“ gilt demnach gleichermaßen für das Kapital. Dies wird im Zeitalter der Globalisierung durch den Konkurrenzkampf der immer größer werdenden Konzerne anschaulich. Diese schlagen heute hier, morgen dort ihren Standort auf und halten von Nation und Heimat nur dann etwas, wenn es ihrem Profit nützt und ihre Herrschaft sichert.

Daher ist es kein Wunder, wenn auch die Heimat als Marktlücke entdeckt und gezielt vermarktet wird. Im Wettbewerb zwischen „OÖN“ und „Krone“ wird das ganz unverhüllt deutlich gemacht. Nicht nur passende „heimatbezogene“ Werbung für Traktoren, Milch, Lagerhaus, Bier, Agrarprodukte, Trachten, Käse, Thermen und, wie könnte es anders sein, für Raiffeisen, sondern auch journalistischem Ethos deutlich widersprechendes Produkt-Placement in Form redaktioneller Artikel dazu sind ein deutlicher Fingerzeig, an was sich heimatbewusste Leser_innen solcher Medienprodukte zu halten haben. Und wer da nicht umgehend in Lederhosen oder Dirndl auftritt ist sowieso verdächtig.

Dazu gibt es hausgemachte Heimat-Philosophie, die sich freilich Großteils in der Lobpreisung guten Essens erschöpft. Aber der Linzer Bürgermeister Luger verkündet „Hoamat“ sei für ihn „die Lebensstadt Linz. Weil ich hier sein kann, wie ich bin.“ Bumsti, das haut uns jetzt wirklich um. Hoffentlich überschreitet er nicht versehentlich die Stadtgrenze, dann wäre er plötzlich ein ganz anderer und könnte nicht mehr er selbst sein.

Etwas schlauer gibt sich schon AK-Präsident Kalliauer. Für ihn ist Heimat „kein bestimmter Ort, sondern ein Gefühl der Wertegemeinschaft, für das es sich lohnt, gemeinsam an einem Strang zu ziehen“. Mit dem Strang dürfte er wohl die Sozialpartnerschaft im Auge halten. Auch wenn diese von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung faktisch schon weitgehend aufgekündigt wurde.

Und so muss Kalliauer die Parole „Heimat bedeutet sozialen Frieden und gute Arbeit“ verkünden und gleichzeitig mit erhobenem Zeigefinger warnen, dass „profitable heimische Unternehmen, die nur wegen noch höherer Profite mit Abwanderung drohen, stellen diese Wertegemeinschaft in Frage“. Aber, wie schon erklärt, schert sich das Kapital wenig um Nation und Heimat, außer es nützt dem Profit.

Und dass wir ohne Heimat rettungslos verloren wären erklärt uns „Krone“-Chefredakteur Hermann äußerst drastisch „Was wären wir ohne Hoamat? Wurzellos, beziehungslos, mit einem Wort: heimatlos!“ Im „OÖN“-Traktat meint Bernhard Lichtenberger „Statt des Tunnelblicks in die weite digitale Welt öffnet sich der Horizont für die heimat, in der wir uns geerdet und aufgehoben fühlen“ als Antipode zur digitalen Vernetzung und dem daraus resultierenden Zwang zur ständigen Erreichbarkeit und Präsenz.

Der „Hunger nach Entschleunigung“ wird freilich von den Propagandisten der „Heimat“ karikiert, predigen sie doch den Massenauftrieb auf die heimatlichen Berge, Seeuferbelagerungen, Wandertagen oder zu heimattümelnden Zeltfesten vom Fließband und dabei sollte am besten kein Wochenende, kein Tag, keine Stunde ungenutzt bleiben, schließlich leben wir in einer Hochleistungsgesellschaft und das gilt auch für die Freizeit. Das alles erinnert sehr an ein Lied von Gust Maly in dem er sich schon Ende der 1970er Jahre über die bereits damals von ORF & Co. zum Nationalfeiertag organisierte Wanderlust lustig machte und sie mit „gestern sind´s gegen Russland zogen, heut geht’s gegen die Natur“ besang.

Kritisches ist bei dieser Heimat-Ideologie nicht erwünscht. So erfolgt passend auch eine völlig unkritische Lobhudelei auf die 1952 vom Landtag einstimmig gesetzlich verankerten Landeshymne „Hoamatland“, die zum Inbegriff des oö Lebensgefühls nach dem konservativen bayrischen Motto „Laptop und Lederhosen“ hochstilisiert wird. Schröder hatte mit seiner Kritik am „Hoamatland“ offensichtlich einen wunden Punkt berührt, wie die allergischen Reaktionen von Medien und Landespolitik beweisen.

Dass der Text dieser einzigen deutschsprachigen in Mundart gehaltenen Landeshymne vom bekennenden Antisemiten Franz Stelzhamer stammt wird von Medien wie Politik sorgfältig unterschlagen. Die offizielle Landespolitik lässt nach wie vor jegliches Problembewusstsein zum wüsten Antisemitismus von Franz Stelzhamer vermissen und kehrt diese Seite des „Franzl aus Piesenham“ schamhaft unter den Teppich.

Für Stelzhamer waren nämlich Welsche, Slawen, Zigeuner, Windische und natürlich Juden ein klares Feindbild. Der literarisch eigentlich ziemlich unbedeutende Stelzhamer vertrat einen auch über die für die damalige Zeit weit hinausgehenden besonders wüsten biologischen Antisemitismus, der Juden als Ungeziefer, ergo als zu vernichten darstellte.

Unabhängig davon ist die Landeshymne „s´Hoamátgsang“ aber auch ein Ausdruck obrigkeitshöriger, gegen alle emanzipatorischen Bestrebungen gerichteter Unterwürfigkeit. Etwa wenn es darin heißt „wiar á Kinderl sein Muader, a Hünderl sein Herrn“ und von engstirnigem Provinzialismus mit Textstellen wie „Dáhoam is dáhoam, wannst net fort muaßt, so bleib“. Das ist zynisch in Hinblick darauf, dass Kenntnisse über diese Semmeltrenzerhymne bei der Prüfung vor der Verleihung einer Staatsbürgerschaft verlangt werden.

Wenn LH Pühringer meint, man könne den Text nicht abändern, weil er in Mundart geschrieben ist, kann ihm zugestimmt werden. Daher wäre es wohl sinnvoll, die Hymne ganz abzuschaffen oder zumindest einen neuen, zeitgemäßen Text zu finden, der dem Anspruch von Weltoffenheit entspricht und die fortschrittlichen Traditionen des Landes von den Bauernkriegen über die Arbeiter_innen- und Rätebewegung bis zum Februaraufstand 1934 und dem antifaschistischen Widerstand reflektiert. Schon vor mehreren Jahren schlugen die frühere SPÖ-Nationalratsabgeordneten Sonja Ablinger und die heutige Grünen-Landessprecherin Maria Buchmayr vor, einen Wettbewerb auszuschreiben, auch wenn es bei der ganzen Hymnen-Debatte um symbolische Politik geht die keine Priorität bedeutet.

Der Schriftsteller Ludwig Laher macht seit vielen Jahren auf die dunkle Seite des vom Stelzhamer-Bund zum Säulenheiligen erklärten „Landesdichters“ aufmerksam und hat damit einen Anstoß für eine höchst notwendige Debatte über dessen rabiaten Antisemitismus geliefert. Ähnlich wie der nach wie vor von der FPÖ und dem ihr nahestehenden Turnerbund als Idol gepflegte „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn agierte der gerne als „lustige Franzl aus Piesenham“ dargestellte Stelzhamer extrem fremdenfeindlich und war mit seiner Haltung ein geistiger Vorläufer des NS-Faschismus und dessen Vernichtungspolitik.

Hier schließt sich der Bogen zwischen Heimattümelei und Fremdenfeindlichkeit und das kann bei der Betrachtung der Landeshymne, deren Text von Stelzhamer stammt, nicht ausgeblendet werden, auch wenn der Text der Landeshymne selbst keine solchen Aspekte aufweist. Schließlich sind auch zahlreiche Straßen und Plätze (78 in ganz Österreich, davon 68 in Oberösterreich) nach dem antisemitischen Dichter benannt und ihm ganze Legionen von Denkmälern gewidmet.

 

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