Kreuzritter für ein christliches Europa

Posted on 20. Mai 2014


Weil der Präsident des EU-Parlaments etwas gesagt hat, was eigentlich für ein säkulares Europa selbstverständlich ist, formiert sich eine Horde von Kreuzrittern zu einem neuen Kreuzzug. Der deutsche Sozialdemokrat hatte gemeint, dass Kreuze und ähnliche religiöse Symbole in Schulklassen und öffentlichen Gebäuden nichts zu suchen haben. Na, mehr hat er nicht gebraucht.

Da läuft etwa „Europas einziger Senioren-Kandidat“, ein ÖVPler namens Heinz Becker gleich mal Sturm um lautstark zu erklären „Europa hat eine unbestreitbare christliche Tradition und Kultur“. Auf eben diese Tradition und Kultur braucht Europa freilich nicht stolz zu sein, wie ein Rückblick auf die letzten zweitausend Jahre zeigt: Von den Kreuzzügen über die Inquisition, von der Kolonialisierung der außereuropäischen Welt im Zeichen des Kreuzes bis zur Absegnung unzähliger als Krieg verharmloster Massenmorde reicht die Palette. Wieviel Menschen im Namen des Kreuzes ins Jenseits befördert wurden, ist nicht einmal annähernd festzustellen.

Absurd ist dabei, wenn solche Verfechter der Christenheit jetzt Toleranz einfordern. Denn dieselbe wäre ja erst dann gegeben, wenn Schulklassen und öffentliche Gebäude von jeglichen religiösen Klimbim befreit und damit alle unabhängig von Religion oder auch keiner solchen angehörend gleichberechtigt sind. Eben das ist freilich nicht der Fall und die Verfechter eines „christlichen Europa“ wollen auch keinerlei Toleranz. Schließlich musste man ihresgleichen auch Inquisition und ähnliche Zwänge erst mühsam austreiben. Bemerkenswert ist auch wie ausgerechnet die „glühenden“ Europäer der ÖVP schlagartig zu kleinlichen Nationalisten werden und auf der nationalen Regelung solcher Fragen beharren.

Becker ist nicht der einzige Kreuzritter. Hat doch der frühere FPÖ-, spätere BZÖ- und jetzige REKOS-Recke Ewald Stadler den Kampf um das Christentum zum Programm erhoben und wirbt im Wahlkampf dazu passend mit einem Schild. Das dazu passende Schwert fehlt noch, kann aber durchaus noch kommen, sollte der Kampf härter werden. Für seinen Kampf um das wahre und einzige Christentum hat Stadler unfreiwillig die FPÖ, die weil traditionell deutschnational und daher eher antiklerikal eingestellt, auch wenn Strache bei passender Gelegenheit das Kreuz gegen den Ansturm des Islam schwingt, als Wahlhelfer bekommen. Dass einige FPÖ-Abgeordnete ihn als „Kerzerlschlucker“ bezeichneten interpretierte Stadler auch sofort als die notwendige Abgrenzung zu seiner früheren politischen Heimat und meinte, dass bei der FPÖ kein Platz mehr für Konservative vorhanden ist und sich der REKOS-Armada anschließen sollten.

Der dritte Kreuzritter im Bunde ist der frühere ÖVP-Staatssekretär Helmut Kukacka, der mit Schaum vor dem Maul als Präsident der katholischen Burschenschaften Martin Schulz auf die Lanze nimmt. Kukacka meint recht offenherzig, die von Schulz geforderte Verbannung von Kreuzen und anderen religiösen Symbolen aus Klassenzimmern und dem öffentlichen Raum würde die „Abkehr von der christlichen Prägung Europas“ bedeuten. Wo er recht, hat er Recht. Wird ja auch höchste Zeit, diese Abkehr auch praktisch zu vollziehen, sich von der oben dargestellten Tradition christlichen Massenmordens zu verabschieden und Religion endlich als Privatangelegenheit zu betrachten.

Auch Kukacka macht aus seinem Herzen keine Mördergrube und meint „in allen Schulen, in denen die Mehrheit der Schüler einem christlichen Religionsbekenntnis angehöre sei in allen Klassen ein Kreuz anzubringen“. Im Klartext bedeutet dies, dass für andere Religionen oder gar für nichtreligiöse Menschen eben kein Platz ist und sich diese gefälligst dem christlichen Glauben unterzuordnen hätten. In der ÖVP sind also immer noch die Gläubigen vom echten Schrot und Korn zuhause, siehe etwa die Debatte über die Homosexualität.

Dem „ideologischen Unfug“ von Schulz, wonach das Kreuz gleichzusetzen sei mit dem Risiko einer „rückwärtsgewandten sehr konservativen Bewegung“ stellen also Kukacka und Kohorten einen handfesten Kreuzzug gegenüber. Fehlt nur noch, dass sie mit Kettenhemd, Schild, Schwert und Helm demnächst gegen Brüssel reiten um das sonst so verklärte Europaparlament wie einst die Burg Akkon im Heiligen Land zu stürmen.

Bei so viel Einsatzgeist darf natürlich auch der Spitzenmann im laufenden Wahlkampf nicht zurückstehen und so fordert Othmar Karas „Hände weg vom Kreuz, Herr Schulz, Herr Freund!“ und er meint ganz ernsthaft, das Kreuz stehe „für Toleranz, Versöhnung und europäische Werte“. Für welche Werte das Kreuz steht wurde in diversen Abwandlungen mit Haken oder Krucken freilich schon hinreichend bewiesen. Und Karas´ Kritik an „mangelndem Respekt gegenüber den christlichen Wurzeln Europas“ kann nur mit dem berühmten Kreisky-Zitat „Lernen Sie Geschichte“ gekontert werden. Denn die Wurzeln Europas sind nicht das Christentum, sondern wohl eher das klassische Griechenland und Rom und die waren alles andere als christlich.

Hinter Schulz hat sich hingegen die „Initiative Religion ist Privatsache“ gestellt. Sie meint süffisant, dass der „künstliche Aufschrei aus dem blauen und schwarzen Eck“ weniger störend sei als das „panische Schweigen jener Parteien, die sich angeblich zu einem pluralistischen Europa bekennen, die Gunst der Wähler jedoch über die politische Integrität stellen“. Und fordert prompt den quereinsteigenden SPÖ-Spitzenkandidaten ohne Parteibuch Eugen Freund auf Farbe zu bekennen. Das fordert übrigens auch die schwarzblaue Meute. Man darf gespannt sein, ob sich Freund dazu bequemt.

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