Inzucht von Gottes Gnaden

Posted on 3. Oktober 2012


Die Grünen sind für so manche skurrile Figuren gut. So war etwa Friedrich Witzany, in den 1970er Jahren Präsident des weit rechts stehenden Weltbundes zum Schutze des Lebens und deswegen in der Anti-Atom-Bewegung umstritten, grüner Gemeinderat in Sankt Florian. Lukas Dorn-Fussenegger, der Sohn der von der offiziellen Politik höchst geehrten sudetendeutschen Schriftstellerin Gertrude Fussenegger, welche schon vor 1938 Jubelhymnen auf den „Führer“ verfasste, und ein in der Wolle neoliberal gefärbter Unternehmer, ist grüner Gemeinderat in Leonding.

Und dann gibt es noch Ulrich Habsburg-Lothringen, grüner Gemeinderat in Wolfsberg (Kärnten), der sich jetzt recht lautstark für die Wiedereinführung der 1918 abgeschafften Adelstitel einsetzt und dabei von den Medien gehätschelt wird. In Österreich würden von der Wiedereinführung der Adelstitel rund 50.000 Personen, vom „Erzhaus“ abwärts bis zum Klein- und Beamtenadel, profitieren. Der Habsburger ist aber höchst geschäftstüchtig und meint, solche Adelstitel sollten ab 5.000 Euro aufwärts auch käuflich zu erwerben sein, zeitlich befristet um sich vom wirklichen Adel zu unterscheiden.

Der Habsburg-Abkömmling war insofern schon erfolgreich, als er bei der Bundespräsidentenwahl 2010 monierte, dass das Kandidaturverbot für Angehörige des ehemaligen Herrscherhauses für das höchste Staatsamt aufgehoben wird. Mit Erfolg, nicht nur die Grünen, sondern auch die SPÖ verließ prompt den republikanischen Boden und so wurde in trauter parlamentarischer Eintracht diese Bestimmung aufgehoben.

2009 war eine Beschwerde beim Verfassungsgericht noch abgewiesen worden. Und Herr Habsburg möchte gleich 2016 die Probe aufs Exempel machen: „Sollte ich von einer Großpartei aufgestellt werden, schließe ich das nicht aus.“ Als Kandidat der Grünen rechnet er sich da wohl keine Chance aus.

Wieder einmal beweist sich: Wer dem monarchistischen Gesocks den kleinen Finger reicht, dem geht´s rasch gleich um die ganze Hand. Nun sind die Adelstitel dran und als nächstes wird wohl die Rückgabe der 1918 enteigneten Habsburg-Güter – in Jahrhunderten von einer machtbesessenen, sich auf Gottes Willen berufenden Clique auf Kosten des ganzen Volkes zusammengeraubt – dran sein.

Der grüne Forstwirt und Gemeinderat sieht sich als ein direkter Nachkomme Maria Theresias und möchte daher gerne als Erzherzog angesprochen werden. Die Schiene für dieses Begehren wurde ihm mit den 21. Zeitgeschichte-Tage in Braunau mit dem unsäglichen Motto „Adel verpflichtet“ gelegt. Ganz so, als ob der durch systematische europaweite Inzucht gekennzeichnete Adel jemals zu etwas verpflichtet gewesen wäre.

Außer natürlich zur Ausplünderung und Unterdrückung der einfachen Menschen unter Berufung auf eine von Gottes Gnaden verliehene Mission zum Herrschen, wodurch die unsägliche Verbindung zwischen Kirche und Adel Ausdruck findet. Verpflichtet wurden in den Jahrhunderten adeliger Herrschaft nämlich immer nur die Untertanen, keinesfalls aber die Obrigkeit, die im Zweifelsfall keine Bedenken hatte, das fallweise aufmüpfige Volk mit aller Gewalt niederzukartätschen.

Nun meint besagter Habsburg sogar, die Wiedereinführung der Adelstitel würde die Polarisierung zwischen Aristokraten und Nicht-Aristokraten lindern. Und er versucht es sogar mit angeblicher Diskriminierung, weil „es bei international verzweigten Familien nicht haltbar ist, wenn ein Teil den Adelstitel führen darf und der andere Teil nicht“. Schützenhilfe leisten ihm dabei manche Medien: „Sowohl in Zeitungen, als auch im ORF werden die Titel ja genannt“ so der Adelsabkömmling. Das spricht freilich nicht für den Adel, sondern gegen die Medien und ihren schludrig-obrigkeitshörigen Umgang mit republikanischen Werten. Etwa wenn der hochkorrupte Waffenhändler Alfons Mensdorff-Poulliy häufig als „Graf“ tituliert wird.

Die Menschenrechte kennen keine Vorrechte der Geburt und des Standes. Das ist zweifellos ein wesentlicher zivilisatorischer Fortschritt in der Geschichte der Menschheit. Für Habsburg steht freilich selbst interpretierter, auf Gottes Gnaden berufener Standesdünkel höher als Menschenrechte. Auch wenn der Monarchismus gerade in Europa eine recht hartnäckige Erscheinung ist (es gibt immerhin noch immer zehn Monarchien zuviel) macht ihn das nicht besser. Es muss ja nicht immer so konsequent mit dem Adel abgerechnet werden wie nach der französischen und der russischen Revolution. Aber ein monarchistisches Rollback mit grünem Einschlag ist wohl das letzte was wir brauchen.

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