„Big Brother“ über die Kaffeemaschine

Posted on 22. August 2012


Es ist alarmierend: Laut einer Studie von Intel (PC Magazin 9/2012) sind bereits jetzt weltweit vier Milliarden Geräte online, 2015 werden es 15 Milliarden sein. Das reicht vom Computer über das EKG im Krankenhaus bis zur Kaffeemaschine in der häuslichen Küche und dem vollelektronischen PKW.

Online heißt, dass Geräte nach außen offen und von außen zugänglich sind: „Die Dinge werden zu schlau“ meint der russische Virenexperte Eugene Kaspersky und der weiß wovon er spricht. Wie das praktisch läuft zeigten schon 2008 Hacker vor, als sie wochenlang unbemerkt in das Stromnetz der USA eindrangen und dort Trojaner installierten. Vermutet wurde eine chinesische oder russische Probeattacke für den Ernstfall. Umgekehrt ist es ein offenes Geheimnis, dass Israel und die USA für das Einschleusen von Trojanern in das iranische Netz verantwortlich sind mit dem die Entwicklung des iranischen Atomprogramms empfindlich gestört wurde.

Das im schnellen Aufbau befindliche „Smart Grid“ umfasst ein breites Spektrum. Dieses reicht vom Online-gesteuerten Kühlschrank, den übers Netz steuerbaren Heizungsregler, vernetzte Handyuhren, Internet-TV und manches mehr. Das aktuellste Thema ist aber zweifellos das Smart Meter, die mit der Regulierung und Optimierung des Stromverbrauchs argumentiert werden. Laut EU-Richtlinie werden systematisch alle Stromzähler auf solche intelligente Messanlagen umgestellt, womit sich ungeheure Sicherheitslücken auftun.

Die Gefahr, dass gevifte Hauseigentümer die Smart Meter manipulieren um ihre Stromrechnung zu reduzieren ist dabei wohl das kleinste Problem, dem wird von den Herstellen bereits ein Riegel vorgeschoben. Größer ist da schon die Gefahr, dass organisierte Kriminelle auf diese Weise in den Haushalt eindringen, etwa um auszuspionieren wann der günstigste Zeitpunkt für einen Einbruch ist.

Die größte Gefahr geht aber von der organisierten staatlichen Kriminalität aus, indem nämlich im Zuge der ständigen Ausweitung des Überwachungsstaates per Smart Meter die Lebensgewohnheiten der Menschen systematisch ausgehorcht werden. Mit diesen Geräten kann nämlich festgestellt werden zu welcher Tageszeit wieviel Strom verbraucht wird was Rückschlüsse auf die Lebensgewohnheiten zulässt. Das geht soweit, dass sogar darauf geschlossen werden kann welches Fernsehprogramm gerade läuft, weil ein helles Bild mehr Strom verbraucht als dunkles.

Im gelinderen Fall können solche Erkenntnisse in Form von Kundendaten aufbereitet und zu Geld gemacht werden. Im schlimmeren Fall werden sie für die immer umfassendere staatliche Überwachung missbraucht um unter dem Titel Verbrechensbekämpfung oder Terrorismusprävention für Zugriffe auf verdächtige Personen angewendet zu werden. Dass dabei völlig unbeteiligte Personen „amtsbehandelt“ werden wäre freilich nicht neu.

Smart Grid geht freilich noch weiter, weil auch bereits winzige Steuerelemente in modernen PKWs wie etwa Einspritzdüsen eine eigene IP-Adresse haben und damit von außen ansprechbar sind. Bereits 2010 gelang es einem US-Forscherteam per WLAN und Wartungsschnittstelle ein Auto zu hacken und während der Fahrt eine Vollbremsung auszulösen.

Als George Orwell 1948 sein „1984“ schrieb war sein „Big Brother“ gegen den Kommunismus gerichtet. Liest man das heute, kann man darüber wohl nur mitleidvoll lächeln. War doch der Überwachungsstaal im realen Sozialismus nur biedere Handwerkelei gegen das was in der „freien Welt“ immer mehr Gestalt annimmt.

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