Ewige Wahrheiten?

Posted on 10. August 2012


„Für immer und ewig“ soll der EU-Fiskalpakt gelten, wenn es nach den Vorstellungen von Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel geht. Dabei ist schon das „tausendjährige Reich“ nach mageren zwölf Jahren schmählich gescheitert. „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf“ hatte der damalige DDR-Staatschef Erich Honecker noch zu einer Zeit verkündet, als der Sozialismus schon an allen Ecken und Enden brüchig war.

An solche „Ewigkeiten“ wird man immer wieder in verschiedensten Zusammenhängen erinnert. Etwa wenn die in der Verfassung festgeschriebene Freiheit des Waffenbesitzes in den USA mit aller Vehemenz verteidigt wird, Massaker hin, Massaker her. Insbesondere bei Debatten über Religionsfreiheit erfolgt allzugern eine Berufung auf solche ewige Wahrheiten, aktuell etwa wenn es um die Beschneidung geht.

Da finden bemerkenswerter Weise die Dogmatiker von jüdischer ebenso wie von islamischer Seite in trauter Eintracht zusammen. Dem Antisemitismus sonst keineswegs abholde Islam-Fundis kritisieren plötzlich jede Kritik an solch archaischen Praktiken als antisemitisch, jüdische Fundis wiederum den Islam, womit Religionen sich einmal mehr als ziemlich austauschbar erweisen und verdeutlichen, dass es um die gemeinsame Bedrohung religiöser Machtpositionen geht.

Der Extrem-Neoliberalist Christian Ortner verteidigt in der „Presse“ die Beschneidung als Freiheit schlechthin, jede Kritik daran als Auswuchs des „fürsorglichen Sozialstaates“. Er schreibt einer gewissen Gesetzlosigkeit das Wort und versucht den Spieß umzudrehen, indem gegen den paternalistischen, weil auf Regelungen bedachten Staat gewettert wird während die Fundi-Paternalisten egal ob jüdischer oder islamischer Couleur ausgeblendet werden. Der für seine Provokationen bekannte Hendryk M. Broder interpretiert wiederum im „Standard“ die Debatte als Sexualneid und antisemitisch, unterschlägt dabei wohlweislich die gleiche Praxis im Islam, weil das so gar nicht zur Polemik gegen den Antisemitismus passt.

Aus juristischer Sicht weist hingegen der Linzer Uni-Professor Bruno Binder darauf hin, dass eine von Eltern für ihre unmündigen Kinder verfügte Beschneidung eine Körperverletzung bzw. Verstümmelung darstellt und eine solche laut Strafgesetzbuch strafbar ist. Ähnlich wie die sich auf ähnliche Traditionen berufende Schächtung laut Gesetz eine Tierquälerei darstellt, auch wenn beide Praktiken toleriert werden.

Freilich greift die Debatte zu kurz, wird sie auf juristische oder psychologische Aspekte verkürzt und es geht auch gar nicht um ein Verbot solcher Praktiken, wohl aber um deren kritischer Hinterfragung. Nicht nur im Falle der Beschneidung kollidiert das Grundrecht der Religionsfreiheit mit anderen Grundrechten, darauf hat das kürzlich erfolgte Urteil von Köln aufmerksam gemacht. Demnach können sich auch die Religionen nicht über die Auffassungen des Staates hinwegsetzen.

Meinungen wie jene von Heinz Oberhummer von der Initiative „Religion ist Privatsache“ sind daher für die Verfechter einer schrankenlosen Religionsfreiheit ziemlich unerwünscht und werden reflexartig als antisemitisch und antiislamisch denunziert. Verdrängt werden soll wohl auch, dass Religion als „Opium des Volkes“ nicht nur Angst bindet, sondern permanent auch Angst erzeugt.

Der Knackpunkt der Debatte ist daher das grundsätzliche Verständnis von Religionsfreiheit. Eigentlich sollte es nämlich nicht zulässig sein, dass Eltern schon bei der Geburt ihrem Kind ein Religionsbekenntnis aufzwingen, rituelle Auswüchse von der Taufe bis zur Beschneidung inklusive. Normal wäre die klare Trennung von Religion und Staat. Das heißt im Klartext, dass die Menschen erst bei Volljährigkeit oder Religionsmündigkeit bei Bedarf ihre Religion wählen und – wenn es ihnen dann ein Bedürfnis ist – sich auch beschneiden lassen. Während die Regeln für körperliche Eingriffe wie Schönheitsoperationen, Tätowierungen oder Piercing bei Minderjährigen verschärft wurden, gilt nämlich bei Beschneidungen offenbar das Gegenteil.

Laut dem Leipziger Kulturtheoretiker Christian Türke ist die Beschneidung ein Überbleibsel einer barbarischen Tradition, bei welcher in Urzeiten zur Abwehr von Unglück und Strafe der erste Sohn einem rachsüchtigen Gott geopfert wurde. Die Berufung auf solches Brauchtum erweist sich nicht nur in diesem Fall als Bremse gesellschaftlichen Fortschritts.

Wo ist der Unterschied zwischen der jetzt so vehement verteidigten Beschneidung jüdischer oder islamischer Knaben und der Klitoris-Beschneidung bei Mädchen wie sie in großen Teilen Afrikas immer noch üblich ist? Soll unter dem Stichwort Religionsfreiheit auch die Witwenverbrennung im indischen Kastensystem legalisiert und die Einführung der islamischen Scharia gerechtfertigt werden? Dann müßte wohl die kürzlich erfolgte Steinigung eines Paares wegen Ehebruch in Nordmali oder das Handabhacken für Diebe in Saudi-Arabien als „zivilisatorische Errungenschaft“ legitimiert werden?

Den Vogel abschießen wollen bei der Debatte schließlich Rudolf Taschner, der in der „Presse“ die Kritiker der Beschneidung als „Antisemiten reinsten Wassers“ bezeichnet und Ariel Muzicant, Ehrenpräsident der Israelitischen Kultusgemeinde, der dies  als „dem Versuch einer neuerlichen Shoa, einer Vernichtung des jüdischen Volkes gleichzusetzen, nur diesmal mit geistigen Mitteln“ sieht.

Auch der durch seine Kommentare ein Lichtblick im „Standard“ darstellende Günter Traxler gibt in der Debatte unter dem Titel „Juden Ezzes geben?“ noch eins drauf und erklärt jede Religionskritik schlechthin als Antisemitismus. Nun mag er recht haben, wenn sich erzkatholische Kreise mit großem Eifer der Beschneidungskritik hingeben, aber gleichzeitig das Zölibat und andere Unsinnigkeiten verteidigen und möglicherweise auch Kreuzzügen, Inquisition, Hexenverbrennung etc. nachtrauern. Immerhin gibt Traxler zu, daß die Beschneidung „medizinisch betrachtet“ eine Körperverletzung darstellt.

Für das Andenken an die Opfer der Shoa ist es wohl kein guter Dienst, wenn die Kritik an der Beschneidung mit den Verbrechen des NS-Regimes gleichgesetzt werden. Und es fragt sich ob die Existenzgrundlage einer Religion wirklich so dürftig ist, daß sie ausschließlich von solchen rituellen Praktiken abhängt? Traditionen in allen Ehren, aber ohne Hinterfragung ob sie sinnhaft, notwendig oder zeitgemäß sind, bleiben sie Dogmen. Aber das haben Religionen wohl so an sich.

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