Der feine Herr Pinker

Posted on 9. Juli 2012


„Der Kapitalismus ist eine friedensstiftende Kraft“ behauptet der kanadische Psychologe und Linguist Steven Pinker mit dem Brustton der Überzeugung und präsentiert sich im „Presse“-Interview (30.6.2012) im Outfit dem Showmaster Thomas Gottschalk zum Verwechseln ähnlich.

Wer auch nur ein bisschen geschichtsbewusst ist, kann angesichts einer solchen Behauptung nur verwundert den Kopf schütteln. Und auch bürgerliche KritikerInnen bezweifeln Pinkers These, dass die zwischenmenschliche Gewalt seit Jahrhunderten stetig zurückgeht. Vor allem werfen sie Pinker natürlich vor, dass er die Weltkriege des 20. Jahrhunderts und den Holocaust als „Ausreißer“ bewertet.

Nun trifft natürlich Pinkers Behauptung „im Kapitalismus sind lebende Menschen wertvoller, als Tote, weil nur Lebende kaufen und verkaufen können“ das Wesen einer umfassend auf Käuflichkeit beruhenden Gesellschaftsordnung durchaus. Gleichzeitig kann niemand leugnen, dass auch Mord und Totschlag zum Wesen des Kapitalismus von Anfang an gehören, kann man doch damit besonders satte Profite machen, Stichwort Rüstungsgeschäfte und Kriege. Im Klartext: Wenn es den lebenden Profitmachern nützt, machen sie ihre Profite durchaus auch gerne mit den Toten.

Ganz Idealist meint der feine Herr Pinker „der Streit um Ressourcen ist selten der Hauptgrund für Kriege“. Er sieht die Motive vielmehr in „Rache, Gerechtigkeit, Ideologien und dem Bedürfnis nach Sicherheit“. Da hat er wohl die Motive der Regierungen der Kolonialmächte mit ihrer grenzenlosen Gier nach möglichst viel Land und damit natürlich auch Ressourcen, seien es Rohstoffe oder Sklaven, nicht richtig verstanden. Ebenso Hitlers „Mein Kampf“, wo der Drang in den Osten um mehr Land für das arische Volk auf Kosten der slawischen Völker zu besitzen schon sehr deutlich beschrieben war. Und auch heute sind die Motive bei den durchaus nicht aus der Mode gekommenen Kriegen sei es im Irak, Afghanistan, Libyen oder demnächst möglicherweise in Syrien keineswegs so selbstlos wie Pinker tut.

Einzig positiv in Pinkers Thesen ist seine negative Bewertung der Religion und die Feststellung „Gottesgläubige haben einige der schlimmsten Gräueltaten der Menschheitsgeschichte verübt“. Gleichzeitig liegt auch hier eine massive Unschärfe. Gehörten doch die religiös motivierten Massenmorde – etwa Kreuzzüge, Inquisition, Kolonialismus, Kriege – immer zum Instrumentarium der Herrschenden. War es die Religion der Herrschenden bzw. deren Interpretation durch die Herrschenden die hinter solchen Gräueln stand. So einfach entsorgen lässt sich also die Rolle der Religion nicht.

Die These „die säkularsten Länder, namentlich die Demokratien in Nord- und Westeuropa sind die friedfertigsten Staaten seit Menschengedenken“  passen als Kontrapunkt so gar nicht. Wurden die Schrecken des Kolonialismus Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nicht etwa von Demokratien wie England, Frankreich oder Deutschland verübt? Ging der 1. Weltkrieg nicht etwa von denselben Demokratien aus? Wuchs das Ungeheuer des Hitlerfaschismus nicht aus der deutschen Demokratie heraus? Hatten nicht etwa die demokratischen USA den Vietnam-Krieg geführt?

Dass Homosexualität heute nicht mehr strafbar ist und „Rädern und Ausdärmen“ der Vergangenheit angehört ist keineswegs ein zivilisatorisches Verdienst des Kapitalismus wie seine bis heute andauernde Geschichte des Verbrechens beweist, sondern dass es immer Widerstand gegen Unrecht und Unterdrückung gegeben hat, dass sich eine engagierte Zivilgesellschaft gegen den staatlich legitimierten Terror zur Wehr setzte.

Pinker gefällt auch die 1968er Bewegung nicht, vor allem weil er sie als disziplinzerstörend bewertet. „Wir brauchen mehr Disziplin“ so seine These, was im Klartext wohl heißt, alles was von oben, von den Herrschenden in Wirtschaft und Politik kommt und wozu er sein Scherflein beitragen will kritik- und widerspruchslos zu schlicken. Es gilt dafür zu sorgen, dass dies Pinkers Thesen zum Trotz auch in Zukunft so ist.

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