Wir sind alle Piraten…

Posted on 26. April 2012


…sang Lukas Resetarits schon 1995 als Schlagerstar Roland Pokorny in der Tragikomödie „Freispiel“. Der Film nahm gewissermaßen vorweg, was derzeit politisch läuft, wenn alle Piraten sein wollen oder sich zumindest des Jubels über diese nicht entsagen können.

Seitenweise Interviews mit aufstrebenden Piraten (das –innen kann man sich in dieser männerdominierten Politwelt getrost sparen), begeisterte Schlagzeilen von Medien über das „Entern“ von Parlamenten: Der Medienzirkus der politischen Eliten hat eine ihm genehme Alternative zum krisenhaften und korruptionsgeschüttelten Parteiensystem gefunden.

Zwar macht bekanntlich eine Schwalbe noch keinen Sommer und ein Gemeinderatsmandat in Innsbruck nicht die große Politik. Was soll´s, die so hofierten Piraten dürfen nicht nur vom Einzug in Landtage und den Nationalrat schwärmen, sogar den Bundespräsidenten haben sie bereits im Visier.

Die Ankündigung des Innsbrucker Piraten-Mandatars, via Twitter oder Webcam aus einer Sitzung zu berichten, lässt wahrlich die Politwelt erzittern. Da hat wohl einer gewaltig verschlafen, was mittlerweile banale Normalität ist. Und Demokratie wird gerne auf die virtuelle Variante einer Schwarmintelligenz reduziert. Demokratie, Transparenz und Freiheit dürfte allerdings doch einiges mehr sein, vor allem wenn sie auch für jene gelten soll, die sich noch nicht vollends selbst virtualisiert haben, sondern mehr auf die reale Präsenz und den Umgang in der realen Welt mit ihren wachsenden sozialen Problemen setzen.

Nicht nur die deutschen Piraten sind ziemlich undicht, wenn es um die Abgrenzung gegen rechtsextreme Eindringlinge in die aufstrebende Bewegung geht. Der Vergleich eines Berliner Abgeordneten, der Aufstieg der Piraten sei mit jenem der NSDAP vor 1933 vergleichbar sagt Bände. Der Spruch „Wer nach allen Seiten offen ist, kann selber nicht dicht sein“ drängt sich auf. Noch dazu wenn ein Pirat nicht recht zwischen den Rechten als politische Strömung und dem Recht im Sinne des Rechtsstaates unterscheiden kann.

„Ein Revoluzzergen, freiheitsliebend, ehrlich und direkt“ findet der Tiroler Alexander Ofer „piratig“. Das dürfte freilich nicht überall so verstanden werden, wie die jämmerlichen Aussagen eines in einem „OÖN“-Bericht nicht namentlich genannt werden wollenden Piraten zeigen. Dieser befürchtet „Repressalien im Job, wenn der Christliche Lehrerverein erfährt, dass ich nicht mehr bei der Jungen ÖVP, sondern bei den Piraten engagiert bin“. Da ist jemand wohl der Mut in die Hose abgestunken. Und sowas will gleich das ganze System verändern?

PS: Inhaltliche Ansagen findet man abgesehen von einigen Plattheiten über „uneingeschränkten Datenschutz, freie Bildung und Transparenz“ in den Jubelberichten so gut wie kaum. Mehr würde wohl das Wohlwollen stören. Schon gar wenn dabei soziale Fragen, fehlende soziale Gerechtigkeit und die wirklichen, nämlich ökonomischen Machtverhältnisse angesprochen werden.

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