Ziemlich daneben

Posted on 5. April 2012


Günter Grass hat ein Gedicht geschrieben und diverse Israel-KritikerInnen quer durch das politische Spektrum fühlen sich wieder einmal mit solcher Promi-Rückendeckung in der (sonst meist aus der rechtsextremen Szene sattsam bekannten) Haltung „Was gesagt werden muss“ bestätigt.

Nun kann man natürlich über alles reden, die Frage ist freilich immer, was damit bewirkt wird und ob es zum gegebenen Zeitpunkt hilfreich ist. Das ist das Gedicht sicher nicht, auch wenn es von einem Literaturnobelpreisträger stammt.

Natürlich sollen Israels Atomwaffen kein Tabu sein, ebensowenig wie jene der USA, Russlands, Nordkoreas oder anderer offizieller oder nicht offizieller Atommächte. Natürlich gibt es kein Grundrecht auf Atomwaffen, wie es der Iran beansprucht. Natürlich muss man die Drohungen des Iran, die Existenz Israels auszulöschen ernst nehmen, auch wenn sie vorerst nur verbal sind. Und natürlich ist die Lieferung von deutschen U-Booten nach Israel genauso abzulehnen wie alle Waffenlieferungen in das Pulverfass Nahost insgesamt.

Aber gleichzeitig ist es eine recht zweifelhafte Autorität, wenn die Atomwaffenbesitzer den Nichtbesitzern erklären, was Sache ist, statt mit gutem Beispiel voranzugehen und abzurüsten. Wenn Günter Grass schreibt „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“  zeigt er eine mehr als einseitige Sichtweise. Das ist Wasser auf die Mühlen aller jener, die eine Nahost-Lösung um jeden Preis torpedieren wollen, und zwar auf beiden Seiten.

Wie schon der deutsche Schriftsteller Martin Walser mit seiner Paulskirchen-Rede ordnet sich auch Günter Grass in den Mainstream eines Diskurses ein, wo Promis glauben Mut zeigen und sich dank ihrer Prominenz als Leitfiguren gebärden zu müssen, in Wirklichkeit aber auf einer recht breiten Massenstimmung eines latenten Antisemitismus, der sich gerne auch als Antizionismus ausgibt, mitschwimmen. Das ist freilich weder neu noch mutig, sondern ziemlich stammtischmäßig. Denn schließlich könnte man von solchen Dichtern und Denkern wohl Besseres erwarten.

Die Tragik des Nahost-Konflikts ist ja, dass die Scharfmacher auf beiden Seiten, sowohl auf der Seite der palästinensischen als auch der israelischen Regierung, die Oberhand gewonnen haben. Angesichts dieser Dominanz des Extremismus sind Differenzierung und Initiativen zur Entschärfung des Konflikts angebracht, statt ihn weiter anzuheizen.

Grass ist davon freilich weit entfernt, er macht es sich ziemlich einfach und ist damit auch ziemlich daneben. Die Reaktionen auf sein Gedicht, etwa jene von Henryk M. Broder zeigen, dass damit einem ehrlichen Einsatz für einen Frieden im Nahen Osten nicht geholfen wird, dass mit solchen Aktivitäten, mögen sie auch literarisch sein, im Gegenteil die Gräben weiter vertieft werden.

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