Rechte Geisterfahrer unterwegs

Posted on 19. Januar 2012


Es ist nicht neu, dass in Zeiten der Krise Verschwörungen, Katastrophen, Untergangsszenarien, Esoterik und Religion Hochkonjunktur haben. Das ist so, weil sich mangels Einsicht in die Ursachen und Hintergründe viele Menschen solchem Unsinn zuwenden. Ebenso wie in solchen Zeiten begnadete selbsternannte Parteigründer politisch abstauben wollen.
Ein solcher ist auch Franz Hörmann, ein von der Occupy-Bewegung und den Medien herumgereichter und vom ORF per Auftritt im „Club2“ hofierter Professor für Rechnungswesen an der WU Wien. Mit seinem unter den Top10 rangierenden Bestseller „Das Ende des Geldes“ prophezeit er den Zusammenbruch des Geldsystems, das er durch ein „elektronisches Vollgeld“ ersetzen möchte und erweckt damit den Eindruck, Wege aus der Krise aufzuzeigen.
Besagter Hörmann ist an einem aus der Schweiz kommenden Projekt namens „HuMan Wirtschafts Bewegung“ beteiligt. In einem Kurzprospekt dieser ominösen Gruppierung wird Klartext gesprochen: Etwa wenn von den „geistig-jüdischen Führern“ der US-Regierung und einer „Kriegserklärung des Weltjudentums bereits 1923 an Deutschland ausgesprochen“ die Rede ist. Oder wenn davon geschwärmt wird, dass „das neue Wirtschaftssystem des Deutschen Reiches ab 1933 die Arbeitslosigkeit mit fast zinslosem Geld ohne Golddeckung beseitigte und damit ein überragendes Beispiel für alle freiheitsliebenden Völker in Europa erschuf, das nur mit dem Zweiten Weltkrieg wieder zum Verschwinden gebracht werden konnte“.
Das Finanz- und Wirtschaftssystem des Deutschen Reiches von 1933 bis 1945 wird als „den empirisch angewendeten Grundsätzen der HuMan Wirtschaft“ bezeichnet, lediglich das Fehlen einer „wissenschaftlichen Doktrin“ bemängelt, die nun mit den drei Büchern der HuMan-Wirtschaft geschaffen worden seien.
Unter Hörmanns Vorsitz gründet sich jetzt eine neue Partei namens HPÖ, die ihren Statutenentwurf von der antisemitischen HuMan-Weg Bewegung bezieht. Auf der österreichischen Website der „HuMan-Weg Bewegung“ finden sich haarsträubende antisemitische Texte aus dem rechts-esoterischen Spektrum des Chefideologen der Bewegung, des Schweizers Hans-Jürgen Klaussner.
Der feine WU-Professor Hörmann weiß natürlich, was er seinem Ruf schuldig ist und hütet sich selbst direkt antisemitisch zu äußern. Er betont vielmehr seine „ideologische Neutralität“ und will einen „Schlussstrich“ unter die Geschichte ziehen, eine allzubekannte Argumentation aus dem rechten Eck. Und er predigt eine querpolitische Kooperation zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen, ein Konstrukt, dem schon in der Anti-EU-Bewegung manche irregeleiteten Linken auf den Leim gingen.
Aus der Geschichte ist die Verbindung des Antisemitismus mit der Kritik an Geld und Zins bekannt, sie bringt gewissermaßen eine Antithese zum Marxismus zum Ausdruck. Ein Beispiel dafür ist der Nazi-Ideologe Gottfried Feder, der bereits 1919 den „Deutschen Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft“ gründete und ein „Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft“ veröffentlichte. Nach der These des „strukturellen Antisemitismus“ sind bestimmte Formen von Wirtschaftskritik aufgrund ihrer Struktur für Antisemitismus offen wie ein Scheunentor.
Statt einer umfassenden Kritik des kapitalistischen Wirtschaftssystems sucht man sich einzelne Elemente, wie Geld oder Zins, als Sündenböcke. Kann man damit doch herrlich an historisch entstandenen und sich bis heute (wenn meist auch unausgesprochenen) haltenden Klischees wie etwa den „Geldjuden“ (vom FPÖ-Umfeld vielfach auf den Begriff „Ostküste“ fokussiert) anknüpfen und feinsinnig zwischen „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital differenzieren.
Zwangsläufig sind neu entstehende soziale Bewegungen, in welchen sich durch die aktuellen krisenhaften Entwicklungen aufgebrachte „Wutbürger“ engagieren, wie es etwa die Occupy-Bewegung der Fall ist, offen für solche Einflüsterungen. Darauf zielen die rechten Ideologen und Strategen ganz bewusst und können sich unter dem Anspruch einer „Echten Demokratie“ breitmachen, wenn ihre Absichten nicht aufgezeigt und ihnen nicht deutlich und rechtzeitig Widerstand entgegengebracht wird.
Garniert vom Weltverschwörungsrapper und selbsternannten Propheten Kilez More, durfte Hörmann bei einer Occupy-Veranstaltung am 15. Jänner 2012 in Wien seine abstrusen Thesen unters Volk bringen. Bedauerlich, dass sich dabei der durch den Tierschützer-Prozess bekannt gewordene VGT-Obmann Martin Balluch und der Kabarettist und „Wutbürger“ Roland Düringer als Aufputz zur Verfügung stellten. Der Co-Autor von „Das Ende des Geldes“, Otmar Pregetter, hat sich hingegen bereits im Dezember 2011 klar von Hörmann distanziert.

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