It´s the Mehrwert, stupid!

Posted on 12. Dezember 2011


Unter dem Titel „Die Stunde der Apokalyptiker“ lässt der „Standard“ in einer Sonderbeilage zum Finanzmarkt die frühere EZB-Direktorin Gertrude Tumpel-Gugerell und den Ökonomen Franz Hörmann zur Krise philosophieren.

Der an der Wirtschaftsuniversität Wien lehrende Hörmann ist in letzter Zeit zum Guru diverser durch die Krise verunsicherter Menschen und Occupy-AnhängerInnen geworden, vor allem weil er als großer Geldkritiker gilt und ganz im Sinne diverser Katastrophenpropheten den baldigen Zusammenbruch des Geldsystems ankündigt.

Es ist bezeichnend für die Verkommenheit der Wissenschaft, dass heute im Gegensatz zu den 70er oder 80er Jahren kaum noch linke Ökonomen oder zumindest Anhänger von Keynes an den Unis lehren, dafür Neoliberalisten ohne Zahl und Alchimisten vom Schlage Hörmanns, der meint „das Kern der Probleme liegt in der Geldschöpfung, wenn Privatbanken in der Kreditvergabe selbst Geld erzeugen, das vorher nicht existiert hat“.

Wäre es so wie uns manche gerne weismachen wollen, dass der Finanzmarkt sich völlig verselbständigt hätte und von der Realwirtschaft abgekoppelt wäre, bräuchte uns die Krise der Finanzmärkte kaum zu kümmern, zumindest solange man nicht am Finanzmarkt selbst engagiert ist. Fakt ist aber, dass der Crash von 2008 blitzschnell auf die Realwirtschaft durchgeschlagen und diese nachhaltig geschädigt hat.

Eine oberösterreichische Bank hat den Werbespruch „Es liegt nicht am Geld, es liegt an der Bank“ gewählt. Unfreiwillig wird damit verdeutlicht, was läuft. Nämlich dass das Geld an sich neutral, weil wie schon Karl Marx und andere aufgezeigt haben nur ein seit Jahrtausenden existierendes Äquivalent für den Austausch darstellt.

Es war das Verdienst von Marx dargestellt zu haben, dass die Quelle des Reichtums die menschliche Arbeitskraft, heute natürlich verstärkt durch ein enormes Maß an Mechanisierung und Automatisierung, ist und dass diese Arbeitskraft wesentlich mehr zu produzieren vermag als sie für ihre bloße Regeneration benötigt. Ebenso hat Marx dargestellt, dass die arbeitenden Menschen mit einem Bruchteil des von ihnen geschaffenen Werts abgespeist werden weil sich die EigentümerInnen der Produktionsmittel den Mehrwert unter den Nagel reißen.

Dieser Profit wird nicht nun aber nicht, wie WKO-Chef Leitl und andere gerne in ihren Sonntagsreden unter dem Motto „Die Gewinne von heute sind die Arbeitsplätze von morgen“ behaupten, in die Unternehmen investiert. Ein immer größerer Teil wird auf dem seit Anfang der 1980er Jahre von allen Schranken befreiten Kapitalmarkt veranlagt, wie etwa die oö Arbeiterkammer in ihrem Wertschöpfungsbarometer nachweist.

Dabei kreieren heute Banken und Finanzinvestoren die absurdesten Produkte und werben mit Phantasiedividenden. Eine der letzten Geistesblüten ist ein von der deutschen Commerzbank ausgegebenes Papier, mit dem auf das Sinken der bankeigenen Aktie spekuliert werden kann. Auf solche Weise wurde und wird die globale Wirtschaft durch den aus ihr resultierenden Finanzmarkt destabilisiert und es ist kein Ende abzusehen.

Der ehemalige deutsche Finanzstaatssekretär Heiner Flassbeck, jetzt Chefvolkswirt der Welthandels- und Entwicklungskonferenz der UNO (UNCTAD) und ein aufrechter Keynesianer, sieht für die Euro-Misere als Lösung, dass die seit 15 Jahren stagnierenden Realeinkommen in den extrem exportorientierten Ländern wie Deutschland und auch Österreich aufholen um die Inlandsnachfrage zu stärken und den Export zu reduzieren. Laut Flassbeck wären in Deutschland bis 2022 jährliche Lohnerhöhungen von 4,5 Prozent, in Österreich von 3,8 Prozent notwendig um die Lohnniveaus der Euro-Länder zusammenzuführen.

Denn Welthandel bedeutet laut Flassbeck, dass Exporten auch Importe gegenüberstehen müssen und es auf Dauer nicht funktioniert, wenn Länder wie Griechenland sich im Übermaß verschulden um deutsche Waren zu kaufen. Setzt man hingegen das jetzige Modell fort, droht der EU ein ähnliches Schicksal wie Japan, das seit zwei Jahrzehnten nicht mehr aus der Stagnation herauskommt. Und natürlich  gilt es die enormen Profite und daraus resultierende gigantische Vermögen normal zu besteuern meint Flassbeck der auch für einen dynamischen Mindestlohn eintritt.

Hatte der frühere US-Präsident Bill Clinton im Wahlkampf 1992 die Sache mit seinem berühmtem Ausspruch „It´s the economy, stupid“ auf den Punkt gebracht, so sei Hörmann und Konsorten (aber auch Tumpel-Gugerell) als Abwandlung „It´s the Mehrwert, stupid!“ ins ökonomische Stammbuch geschrieben.

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