Über Heim.at und Ein.tracht

Posted on 2. Oktober 2011


28.000 Lederhosen und 37.000 Dirndlkleider hat der Diskonter „Zillertaler Trachtenwelt“ 2010 verkauft. Sehr zum Leid alteingesessener Trachtenfabrikanten wie der grün-nahen Unternehmerin Gexi Tostmann aus Seewalchen, welche diese Schmutzkonkurrenz kritisieren, steht doch auf den Zillertaler Lederhosen „Made in India“. Aber mit „Bauer sucht Frau“-Moderatorin Katrin Lampe als Testimonial für „Trachtenwelt“-Dirndl wird der Trend gesetzt.

Trachtig boomt jedenfalls, sehr zur Freude heimischer Unternehmer. Sogar Raiffeisen-Boss Scharinger mischt dabei mit, etwa durch die Übernahme des maroden oö Heimatwerks und eines Trachtensupermarktes in Langenzersdorf. Und der neueste Schrei sind gar Bademode und Unterwäsche im Trachtenlook. Dem „Kurier“ war das Thema Tracht sogar ein „Thema“ wert, Frau Tostmann kam dabei ausführlich zu Wort und wurde wegen einer 1987 eingebrachten Klage beim Verfassungsgerichtshof als „Rebellin“ gegen das Ladenschlussgesetz gefeiert.

Der Trachten-Look boomt, insbesondere bei der Jugend. Jugendforscher wie Philipp Ikrath vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung orten diesen Trend nicht so sehr als Bindung an Volkskultur, sondern als Gegenbewegung zur voranschreitenden Globalisierung.

In der Tat: In den letzten zwanzig Jahren, seit dem Zusammenbruch des realen Sozialismus und der bis dahin gewohnten Sicherheit hat sich die Welt mehr verändert als in den Jahrzehnten vorher. Unsicherheit hat sich breit gemacht, die Finanzkrise von 2008, die sich rasch zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Gesellschaftskrise ausgewachsen hat, verstärkte diese Unsicherheit. Dafür sorgten schon der Neoliberalismus und seine Epigonen in Politik, Medien und Expertentum.

Das Dogma „There ist no alternative“ und der Anspruch der „freie Markt“ und eine schrankenlose Konkurrenz würden alles zum Besten regeln veranlasst Menschen einen Anker zu suchen um sich festzuhalten. Nation und Heimat sind daher wieder einmal groß in Mode. So gerne man weltweit reist (wenn man es sich leisten kann), zuhause will man unter sich sein. Daher verwundert es nicht, dass das neue Heimatgefühl meist mit rigider Fremdenfeindlichkeit gepaart ist.

Rechte Parteien wie die FPÖ bringen dies mit ihrem völkischen Diskurs mit Ansprüchen einer „Sozialen Heimatpartei“ auf den Punkt. Heimat ist nur für die „Hiesigen“, nicht für die „Zugereisten“, die will man am liebsten außer Landes schaffen, wenn man sie nicht für diverse Drecksarbeiten als billige Arbeitskraft brauchen würde, am Bau, in der Pflege, Gastronomie oder Reinigung. Hier befindet sich das Kapital, dem willige und willige Arbeitskräfte wichtig sind, im schroffen Gegensatz zu seinen politischen Handlangern. Aber das gehört wohl zum Spiel von „Teile und herrsche“.

Der oberösterreichische Landjugend-Leiter Harald Brillinger behauptet gar, dass Menschen in Tracht friedfertiger sind als im normalen Gewand „weil die sozialen Schichten nicht mehr sichtbar sind“. Als eine türkischstämmige Grün-Abgeordnete im Parlament im Dirndl erschien, war das Aufheulen der rechten Meute freilich enorm und von friedfertig keine Spur. Aber vielleicht liegt das daran, dass die klassischen Tracht-Träger auf der rechten Flanke, wie etwa die stets braungewandeten Kärntner FPK-Politiker, mehr der strukturellen Gewalt in Form der Selbstbedienung auf Kosten der Öffentlichkeit (Stichwort Hypo, Part of the game…) und administrative Verbannung unerwünschter Elemente auf Saualmen oder per Abschiebung nach dem Motto „Heimreise statt Einreise“ zuneigen und die brachiale Gewalt ihren braunen Fußtruppen  überlassen.

Man stelle sich vor wie der Praxistext ausgeht, wenn sich bei einem trachtenmäßig uniformierten Kirtag am Land türkische Migrantinnen mit Kopftuch oder AfrikanerInnen in langen bunten Gewändern ins Publikum mischen wollten. Da könnte wohl die Absicht, die regionalen Wurzeln herauszustreichen, schnell ins Reaktionäre kippen.

Doch der Trend beschränkt sich keineswegs auf die Kleidung. Hansi Hinterseers Servus GmbH erzielte 2009 einen Reingewinn von satten 1,8 Millionen Euro und kann pro Tournee auf 100.000 BesucherInnen verweisen. Sony-Österreich-Boss Philip Ginthör ortet mit Verweis auf den Erfolg des Mühlviertler Rappers Trackshittaz einen „großen Bedarf nach Identitätsstiftung im Zeitalter der Globalisierung“. Auch auf dem Sektor Musik ist demnach die Volksgemeinschaft in, die mit gut zwanzig Jahren „Musikantenstadl“ vom ORF mit Millionenaufwand gründlich aufbereitet wurde und dutzende Nachahmer fand. Die einstigen „Zillertaler Schürzenjäger“ leben als „Junge Zillertaler“ fort und haben sogar einen (hoffentlich unerwünschten) Ableger als „Zillertaler Türkenjäger“ gefunden.

Auf dem kulinarischen Sektor decken Marken wie „Heumilch“ (mit einer Absatzsteigerung um 44 Prozent im Vorjahr) bis zu „Ja natürlich“ (Billa, Merkur) oder „Zurück zum Ursprung“ (Hofer) das Terrain ab. Wenn heute von Bio die Rede ist, dann ist natürlich regional gemeint. Wie könnte man auch spanischen Bio-Gurken trauen, auch wenn diese zu Unrecht als Urheber von EHEC verdächtigt wurden.

Wer er sich leisten kann, zieht ins Grüne, erwirbt dort abgeschieden von städtischer Unrast ein Anwesen, düst dann mit viel PS in die Stadt und beklagt sich über den Stau und den Dreck in der Stadt. So sind allein 2010 nicht weniger als 19.099 WienerInnen nach Niederösterreich gezogen, die meisten zwischen 25 und 40. Insbesondere das Waldviertel gilt als das aktuelle ländliche Bobostan, ähnlich dem städtischen namens Spittelberg in Wien.

Wer wirklich viel Geld hat, erwirbt allerdings einen Landsitz im mondänen Kitzbühel. Ex-Finanzminister Grasser samt Fiona hat es schließlich vorgezeigt wie es geht einen Bauernhof zu führen ohne Bauer sein zu müssen. Für noble 2,2 Millionen Euro kann man bei der Tiroler Immo-Firma Leitner eine komplette Alm samt Hütte, Kapelle und Grund erwerben. Die Bewirtschaftung kostet allerdings extra. Und die Salzburger Maklerin Marlies Muhr biete zwischen 430.000 und acht Millionen Euro Bauernhöfe zwischen Lungau und Kitz an.

Wie man sieht ist Heimat nicht nur ein Trend, sondern vor allem ein riesiges Geschäft. Aber stellte nicht schon Karl Marx fest, dass es nichts gibt, was vom Kapitalismus nicht letztendlich zur Ware gemacht und mit dem Profit gemacht werden könnte.

Auch für die geistige Absicherung ist gesorgt. In Deutschland hat das Magazin „Landlust“ die satte Auflage von 800.000 Exemplaren erreicht und rangiert auf Platz fünf der meistverkauften deutschen Printtitel. In Österreich ist der Milliardär Dietrich Mateschitz mit dem Magazin „Servus“ bei einer Auflage von 100.000 Exemplaren auf der Überholspur gemessen an der Bevölkerung und verschränkt dies geschickt mit seinem Servus-TV um mit ländlicher Print-Idylle das Image seines Chemie-Drinks aufzupeppen.

Bei so viel Heimattümelei und Nationalismus bleibt nur mehr eine Erkenntnis des Schriftstellers Michael Scharang als Schlusspunkt: „Die Nation ist außerdem ein gnädiger Gott. Sie ist für alle da. Hat einer sonst nichts, hatte er früher den Gott im Himmel, nun hat er die Nation auf Erden.“ (Die Presse, 20.8.2011)

 

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