Freizeit als Dauershopping

Posted on 14. Juli 2011


„Noch nicht einmal im 20. Jahrhundert angekommen – geschweige denn im 21.“, so sieht eine gewisse Angelika Mlinar, ihres Zeichens Bundessprecherin des Liberalen Forums (LIF) die KritikerInnen der von Lugner & Co. betriebenen Sonntagsöffnung der Geschäfte.

Mlinars Kommentar in der „Presse“ lässt freilich eher den Schluss zu, dass sie und ihresgleichen zurück ins 19. Jahrhundert wollen. In eine Zeit, als fast rund um die Uhr gearbeitet wurde, Wochenendfreizeit (außer von oben verordnetem Sonntags-Kirchgang) weitgehend unbekannt und Kinderarbeit üblich war, alles natürlich ganz liberal.

Die LIF-Frau fragt recht naiv, ob es „tatsächlich Aufgabe des Staates oder eben der Länder sei, unternehmerische Entscheidungen zu treffen“. Das heißt weitergedacht, dass sie überhaupt jede die „unternehmerische Freiheit“ beeinträchtigende Regelung wohl als überflüssig betrachtet. Also weg mit dem ganzen Sozialschrott, der das freie Spiel der (Profit-)kräfte behindert.

Denn wenn es „niemals Aufgabe des Staates sein kann, Öffnungszeiten festzulegen“, dann darf konsequent liberal gedacht dieser böse Staat wohl auch keinerlei andere Regelungen treffen, etwa geregelte Arbeitszeiten vorschreiben. Schließlich regelt der „freie Markt“ die Dinge nach liberaler Weltauffassung ohnehin zur besten Zufriedenheit aller. Wohin das führt hat uns freilich die Finanzkrise 2008 mit anhaltender Nachwirkung vor Augen geführt.

„Potenzielle Gewerkschaftsmitglieder“ wären sogar glücklich, einen „gut bezahlten Arbeitsplatz am Sonntag zu haben, anstatt ihr Dasein zwischen AMS-Kursen und Grundsicherung zu fristen“ lässt uns Milnar wissen. Wie wär´s freilich damit, diesen „gut bezahlten Arbeitsplatz“ auch wochentags anzubieten, statt immer mehr Menschen mit Teilzeit und anderen prekären Arbeitsplätzen abzuspeisen?

Natürlich will man nach der Lesart des LIF keinen Zwang. Und so wird beteuert, dass nicht alle Geschäfte „24 Stunden an sieben Tagen in der Woche“ offen halten müssen. Überhaupt nicht begriffen oder wissentlich verschwiegen hat besagte Frau Mlinar freilich, dass es mit dem Vorstoß für die Sonntagsöffnung letztlich darum geht den Unterschied zwischen Arbeitszeit und Freizeit aufzuheben.

Wenn es nach dem Willen des Kapitals geht, wird Freizeit zunehmend nur mehr als Shopping definiert. Wobei sich freilich das kleine Problem auftut, dass die Kaufkraft nicht mit den Möglichkeiten und den Wünschen der Wirtschaft mithalten kann und Shopping sich daher meist auf Anschauen statt Kaufen reduziert.

Wenn Sonntagsarbeit zur Regel auch in jenen Branchen wird, wo es dafür keine Notwendigkeit gibt, löst sich zunehmend die gemeinsame Wochenendfreizeit als Zeit für Familie oder Freunde auf. Daher auch die Mlinar seltsam erscheinende „unheilige Allianz aus Landesfürsten, einigen Glaubensgemeinschaften, den Gewerkschaften“. Dass die meisten Kleinunternehmer keine Sonntagsarbeit wollen und einige Großhandelsketten im Rahmen ihrer CSR-Imagekonzepte die Sonntagsruhe gegen unliebsame Konkurrenz einsetzen ändert nichts daran.

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