Ausreichend entschuldigt

Posted on 21. Februar 2011


Eine 22jährige Frau schießt im Dezember 2010 ihrem 27jährigen Lebensgefährten als Höhepunkt eines intensiven Beziehungsstreits eine Ladung Schrot ins Gesicht, dieser stirbt wenige Tage danach. Zur Rechtfertigung erklärt sie „völlig sicher“ gewesen zu sein, dass die Waffe nur mit Gummischrot geladen war. Und sie beteuert: „Der Verkäufer im Waffengeschäft hat mir gesagt, dass Gummischrot relativ harmlos ist.“

Laut waffentechnischem Gutachten wäre der aus einem Meter abgegebene Schuss auch tödlich gewesen, wenn die Waffe wirklich nur mit Gummi statt mit echtem Schrot geladen gewesen wäre. Offensichtlich zum Aufwärmen hat das Paar „rein aus Spass“ im Garten laufend Schießübungen veranstaltet. Der besagte „Verkäufer“ darf weiterhin solche Empfehlungen abgeben, statt dass ihm der Laden behördlich zugesperrt wird.

Im Zeitalter medialer Vermarktung nicht verwunderlich wird nicht zum ersten Mal auch in diesem Fall anstelle der Justiz die Tränendrüse bemüht. Die Frau wird vom FPÖ-nahen Jungstar Andreas M. vertreten. Dieser machte sich einen Namen, als er im Mordfall „Sauna Gusti“ trotz eines eindeutigen DNA-Beweises einen „Freispruch im Zweifel“ erwirkte. Ebenso als er die Jungnazis des Bundes Freier Jugend bei einem Prozess in Wels 2008 vom Verdacht der NS-Widerbetätigung säuberte, was ihm durch einen recht hilflos agierenden Staatsanwalt erleichtert wurde.

Besagter Anwalt spielt seine Fälle bevorzug medial. Das funktioniert zwar nicht immer, etwa als er versuchte einem mehrfachen Bankräuber weißzuwaschen. Diesmal darf das Raiffeisen-Blatt „Kurier“ die Emotionen aufwallen lassen und gibt der beschuldigten Frau ein ganzseitiges Interview.

Und weil es heutzutage üblich ist, den Jargon aus amerikanischen TV-Serien zu bemühen, glauben manche wirklich mit Entschuldigungen bei den Eltern des Opfers oder Erklärungen wie „Ich muss mit dieser Schuld leben“ der Justiz zu entkommen, wenn sie medial nur offen genug über ihre Tat sprechen. Und der Anwalt setzt kräftig drauf, indem er als Entlastung anführt, die Beschuldigte habe „sofort die Rettung gerufen und sei zur Polizei gerast“. Und außerdem auf die „extrem schlechte Kindheit“ und die schwierige Beziehung zum Getöteten verweist.

Auch einer der vier angeklagten Jugendlichen, die im Mai 2009 im Stollen des ehemaligen KZ Ebensee italienische und französische AntifaschistInnen mit Naziparolen provoziert und mit Waffenattrappen bedroht hatten versuchte mit einem Entschuldigungsbrief an einen französischen Antifaschisten die Sache aus der Welt zu schaffen. Dieser meinte jedoch, das habe ihn zwar berührt, aber die Ereignisse seien damit nicht aus der Welt zu schaffen, auch im Alter von 17 Jahren müsse man Verantwortung wahrnehmen. Und er verlangte ein „richtungsweisendes Urteil“.

Klagen Anwälte einerseits über den Trend medialer Vorverurteilung bei Straftaten, so benutzen andere wiederum die Medien zur Weißwaschung ihrer KlientInnen. Dem Rechtssystem und dem Gerechtigkeitsempfinden wird weder im einen noch im anderen Fall ein guter Dienst erwiesen.

 

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