Eine, zwei, viele Parallelgesellschaften

Posted on 3. Februar 2009


Im Zusammenhang mit einer Studie über den Islam-Unterricht hierzulande ist dieser Tage ist viel von Parallelgesellschaften die Rede. In der Tat gibt es migrantische Milieus, die weitgehend autark von der hiesigen Gesellschaft existieren. Das muss nicht unbedingt ein Problem sein, wenngleich Auswüchse wie Zwangsheiraten oder Ehrenmorde mit elementaren Ansprüchen an Menschenrechten und –würde natürlich absolut unvereinbar sind und die autoritär-patriarchale Abschottung oder Verschleierung von Mädchen und Frauen und die Pflege des Machismus bei Burschen und Männern den Anspruch auf Teilhabe an der Gesellschaft und Chancengleichheit zunichte macht.

Aber Parallelgesellschaften sind keineswegs ein islamisches Privileg. Hält man sich den aktuellen Konflikt um die Bestellung des neuen Linzer Weihbischofs Wagner vor Augen, dann zeigt sich, dass auch in der katholischen Kirche zumindest eine, wahrscheinlich aber mehrere Parallelgesellschaften existieren. Wer Harry Potter als Werk des Satans betrachtet, Katastrophen wie den Hurrikan Katrina als Strafe Gottes für die liederliche Menschheit sieht und einen Zusammenhang zwischen Naturkatastrophen und „geistiger Umweltverschmutzung“ sieht lebt auch in einer anderen Welt. Wobei der Mentor dieser Parallelgesellschaft im Vatikan sitzt und Ratzinger heißt, wie die letzten Aktivitäten des deutschen Papstes, etwa die Rehabilitierung der reaktionären Pius-Bruderschaft und sogar von Holocaust-Leugnern zeigen. Die Skandalbischöfe Krenn und Gröer haben jedenfalls mit Wagner einen würdigen Nachfolger erhalten.

Dass Wagner sich offenbar als „Episcopi in partibus infidelium“ (auf Deutsch „Bischof im Gebiet der Ungläubigen) betrachtet und den „Islam als Gefahr“ sieht verwundert da gar nicht mehr. Freilich kann der Katholizismus keineswegs behaupten, die dunklen Seiten und Katastrophen seiner eigenen Geschichte wie Kreuzzüge, Inquisition, Kolonialisierung, Stützung faschistischer und reaktionärer Regime und Absegnung diverser Kriege wirklich bewältigt zu haben, wie der aktuelle Rückwärtstrend zeigt. Dass sich BZÖ-Stadler und FPÖ-Graz umgehend auf die Seite des vorgestrigen Weihbischofs schlagen verwundert da nicht.

Aber auch in nichtreligiösen Bereichen der Gesellschaft existieren solche Parallelgesellschaften: Wenn 14 der 34 FPÖ-MandatarInnen schlagenden Burschenschaften oder einschlägigen Gruppierungen angehören oder in ewiggestrige Aktivitäten wie Paintball-Übungen mit Neonazis etc. verwickelt sind dann ist das wohl auch eine andere Welt. Wobei sich eine bemerkenswerte Schizophrenie zeigt, indem einerseits laufend das Feindbild Islam propagiert wird, sich die FPÖ aber blitzartig auf die Seite der islamistischen Hamas schlägt, wenn es gegen das Judentum als den ewigen Feind heimatbewußter PolitikerInnen geht. Aber da schließt sich wohl nur der Kreis zwischen dem teutonischen und dem islamischen Antisemitismus…

Die Beispiele ließen sich gewiss weiter fortsetzen. Parallelgesellschaften sind etwa auch die Gruppierungen wie Freimaurer, Lions oder Rotarys und wie solche Geheimgesellschaften immer auch heißen mögen oder ihre schöngeistig als Netzwerke definierten neuzeitlich-neoliberalen Versionen. Und genauso genommen leben wohl auch die hochprivilegierte Stände der BerufspolitikerInnen oder ManagerInnen in einer Parallelgesellschaft, die mit der Welt der gewöhnlichen Menschen nicht viel zu tun hat. So einfach wie es sich die tonangebende Meinung von Politik und Medien machen will ist es mit den Parallelgesellschaften also wohl nicht…

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